Es war nur ein Spiel, eines dieser ernsten Spiele, die unwillkürlich mit dem "Was wäre, wenn" kommen. Die Einsicht, dass alles auch anders sein könnte. Dass wir es wären, das Kind, der Mann, diese kleinste Tischgemeinschaft, die – was Gott behüte – die Heimat verlassen müsste, Hals über Kopf oder nach Monaten der Planung, mit ein paar Taschen und Koffern und Angst im Bauch und dem Kopf voller Fragen. Wo würden wir hingehen? Es müsste ein fernes Land sein für dieses Spiel, eines, wo wir viele Grenzen überschreiten, viele Überforderungen überwinden müssten. "Japan", schlägt das Kind vor. Das ist fremd und weit weg.

Das Spiel geht nämlich so: Was bräuchten wir, damit das Kind oder wenigstens die Kindeskinder irgendwann Japaner deutscher Herkunft wären? Japanisch lernen. Da geht kein Weg dran vorbei. "Voll schwer", sagt das Kind. Diese fremde Schrift. Das dauert bestimmt Jahre. "Da ist man ja voll der Außenseiter in der Schule", überlegt es und stellt sich auf einem Schulhof vor, irgendwo in Tokio. Fußball geht vielleicht schon ohne viel Japanisch. Aber für Freundschaft braucht es Worte. Man muss Geheimnisse austauschen können. Und Witze erzählen.

"Mögen Japaner die gleichen Witze?", fragt sich das Kind. Sprache muss sein. Sie reicht aber nicht. Man muss mehr wissen. Warum manche Leute wie in Comics herumrennen und dass es einen Kaiser gibt und ein Parlament. "Und dass man sich verbeugt und nicht so laut Nein sagt. Das ist sehr unhöflich", schiebt das Kind hinterher. Das Kinderprogramm im Fernsehen bildet offenbar ungemein. "Die meisten sind bestimmt keine Christen. Dafür lieben sie Atomstrom", ergänzt es nachdenklich und irgendwie sehr deutsch, mit leicht moralischem Unterton. "Gibt es da überhaupt ein Wochenende? Und trinken alle Matcha-Tee? Mag ich gar nicht. Vielleicht müssen wir doch ein anderes Land aussuchen." Skeptische Falten auf der Stirn. Dann leuchtet das Gesicht. "Die Züge sind sensationell. Schnell und pünktlich." Schon die Aneinanderreihung von Klischees, die bei einem Grundschulkind angekommen sind, zeigt, wie anspruchsvoll es ist, versuchsweise mit den Mitteln der Fantasie in der Fremde eine Heimat zu finden. Wer das Rollenspiel an sich heranlässt, dem fährt als Elternteil ein dumpfer Schmerz schon bei bloßer Vorstellung in die Glieder. Was muten wir Kindern zu, damit sie eine Lebenschance erhalten?

Wie finden Kinder sonst Zugang zu den ungeschriebenen Regeln?

Die kulturellen Wurzeln sind herausgerissen, hängen in der Luft und drohen zu vertrocknen. All die Selbstverständlichkeiten, die kleinen Normativitäten, die das Leben in sozialen Zusammenhängen ausmachen. Wie finden Kinder einen Zugang zu all den geschriebenen und ungeschriebenen Regeln? Welche Geschichten, welche kollektiven Erfahrungen und welche Kränkungen stecken hinter kulturellen Bildern und Zeichen, die für Neuankömmlinge fremd und rätselhaft bleiben?

Was würden Eltern sich für ein Kind wünschen? Wer so fragt, wird vielleicht eine andere Haltung haben, ob ein "Werteunterricht" für geflüchtete Kinder eine Idee aus Wahlkampfstrategiebüros ist oder eine Maßnahme, die Teilhabechancen erhöht. Man mag mit sanftem Spott darauf hinweisen, dass in Deutschland noch für jede gesellschaftliche Herausforderung ein neues Unterrichtsfach erfunden wurde, statt die bestehenden Lernorte auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen. Ernährungsunterricht wegen der vielen adipösen Kinder im Land, Medienkunde, weil viele nicht wissen, wie man ein Tablet nach gehörigem Einsatz auch mal wieder auf die Ladestation zurücklegt, Wirtschaftskunde, weil junge Leute ihr Taschengeld nicht in Aktien anlegen. Jetzt also ein Grundlagenfach für Einwandererkinder. Die zahlreichen Gegner und Spötter haben zwei Gegenargumente, die wahlweise einzeln oder auch gleichzeitig vorgetragen werden. Entweder gilt so ein Unterricht als Einführung in die deutsche Gesellschaft mit Rechtsordnung, kulturellen Einflussgeschichten und normativer Grundierung als gänzlich überflüssig, weil dieses alles in jeder ordentlichen Schule längst gelernt werde.

Der andere Einwand profitiert von der gegenteiligen Unterstellung. So einen Unterricht in die sie umgebende Welt bräuchten längst mehr oder weniger alle Kinder und Jugendlichen, eine Bevorzugung der Kinder mit jüngster Fluchtgeschichte führe nur zur weiteren Spaltung der Gesellschaft. Andere werfen ein, so eine Kombination aus Verfassungskunde, Religionsunterricht und Geschichte sei didaktischer Humbug, schließlich könne man Siebenjährigen nicht aus der Verfassung vorlesen oder sie die Päpste malen lassen. Die Verballhornungen haben natürlich einen Grund in der hilflos-gereizten Leitkultur-Debatte. Ganz besonders Beflissene wenden gegen das Fach "Ankommen in Deutschland" (oder wie immer es heißen kann) ein, man müsse erst mal diskutieren, was alles in so ein Curriculum gehöre. Die Zeit hat Deutschland aber nicht mehr. Als Einwanderungsland muss es auch verbindliche Formate für das Gelingen der Heimatsuche vorschreiben.

Angesichts der gegenwärtigen Forderung nach Inklusion aller und der daraus resultierenden Förderpflichten für jedes vorstellbare Handikap, von Lese-, Rechen- und Schreibschwächen bis zu besonderen Angeboten für verhaltensorginelle Kinder, ist die abrupte Abwehr verstörend.