Die Frage ist brisant: Hat ein seit 1973 in Jad Vaschem als "Gerechter unter den Völkern" geehrter deutscher Dichter, der in Amsterdam während des Zweiten Weltkriegs Juden verstecken half, in einem organisierten Freundeskreis über Jahrzehnte hinweg sexuellen Missbrauch an jungen Männern befördert und betrieben? Diesen Vorwurf hat Frank Ligtvoet, Ex-Kulturattaché der Niederlande in New York, im Sommer 2017 in der Zeitschrift Vrij Nederland gegen den 1986 verstorbenen Wolfgang Frommel erhoben, Träger des Bundesverdienstkreuzes erster Klasse. Damals, vor mehr als 30 Jahren, trug Ligtvoet dessen Sarg; seit seinem 20. Lebensjahr hatte er zu Frommels Kreis um die von diesem begründete legendäre, 2007 eingestellte Literaturzeitschrift Castrum Peregrini in Amsterdam gehört. Sein Ehemann Nanne Dekking, heute Inhaber eines Kunst-Start-ups, den er 1982 kennenlernte, erlebte im Frommel-Kreis als 22-Jähriger unerwünscht erduldeten Sex mit einem sogenannten Erzieher.

Jetzt widmete sich die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ausführlich dem Fall und stellte die Verbindung zum Dichter Stefan George (1868 bis 1933) und zu dessen homoerotisch grundiertem Jünger-Kreis her. Denn Frommel sah sich in der Nachfolge Georges, dessen Geist und Gedichte die Gemeinschaft im Haus in der Herengracht 401 prägte. Die Entscheidung wiederum, diese Geschichte unter der Überschrift "Das Ende des geheimen Deutschlands" prominent zu präsentieren, auch auf dem Titel, war unter der Ägide des für das Feuilleton verantwortlichen Herausgebers Jürgen Kaube eine spezielle Geisteraustreibung voller Symbolik. Denn für seinen Vorgänger, den 2014 verstorbenen Frank Schirrmacher, war George und dessen mythomanisches Projekt des in einer Jüngerschar fortlebenden "geheimen Deutschlands" eines seiner Herzensthemen. Der 21-jährige Schirrmacher hatte zudem, wie auch die FAS schreibt, 1980 mit Frommel einen entflammten Briefwechsel und hatte dessen Kreis zweimal in der Herengracht besucht.

Sex, Missbrauch, Homosexualität, geistige Elite, Exil, Juden, Holocaust, Traumatisierung: Explosiver kann eine Skandalmischung nicht sein. Frank Ligtvoet spricht vom "Abhängigkeitsverhältnis innerhalb der Struktur einer Sekte", dem Frommels zahlreiche Eleven ausgesetzt waren. Dessen 80-jähriger Neffe Melchior hingegen beklagte im vergangenen Jahr: "Dass Frank nach 30 Jahren so tut, als sei er Opfer einer homosexuellen Sekte gewesen, hat uns sehr bekümmert." Eine Kommission ist eingesetzt, die für die von Frommel begründete Stiftung Castrum Peregrini das Treiben untersuchen soll; Ligtvoet hat sich auch an die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in Deutschland gewandt. Mittlerweile scheint klar, dass es einen engen Zusammenhang zur Internationalen Quäkerschule auf Schloss Eerde in Ostholland gab, wo in einer freigeistigen Lehratmosphäre ein alter Freund Frommels, der Musiklehrer William "Billy" Hilsley, geeignete Kandidaten für die Herengracht-Gemeinschaft ausguckte; hier scheinen auch Minderjährige betroffen gewesen zu sein. All das klingt sehr nach Odenwald. Aber das Aufspüren "blühwilliger" Knaben, die herangezogen wurden, bis sie bereit waren, sich "als thon" in des Meisters Hände "zu schmiegen" und das "dunkle opfer" (Stefan George) zu vollziehen, gehörte auch zu den Pflichten der George-Jünger.

Es gab auch Frauen, die zu diesem Männerbund stießen: Joke Haverkorn van Rijsewijk zum Beispiel, die auf der Quäkerschule Anfang der fünfziger Jahre war, hat vor vier Jahren in einem so zauberhaften wie umdüsterten Bändchen Entfernte Erinnerungen an W. beschrieben, wie das System Frommel funktionierte. Zentral war der Freundschaftsbegriff: "Er tröpfelte in mich hinein wie ein süßes Gift, das in feierlicher Stunde aus einem vergoldeten Kännchen mir wie Honigtropfen in die Seele getröpfelt wurde." Neben den Künsten drehte sich alles um schöne Jünglinge, "Klene" genannt, nach denen man Ausschau hielt. Als Weberin gehörte sie zum Kreis, war "W." nahe, phasenweise in einer geheimen Dreiecksliebeskonstellation verbunden, reiste mit ihm und wurde von ihm schon einmal Soldaten in einer Kneipe in Palermo in einer Quasi-Orgie ausgeliefert. Eros, Macht, Gefolgschaft wirkten über viele Jahre, trotz Konflikten, auch bei einer selbstbewussten jungen Frau, die später mit einem Neffen Frommels, dem langjährigen Leiter der Bibliotheca Hertziana in Rom, Christoph Luitpold Frommel, verheiratet war. Ende Mai wird sie als erste Zeugin vor der Untersuchungskommission reden.

Am Telefon lacht die heute 83-Jährige: "Ich habe noch 120 Briefe von ihm im Archiv, meistens Liebesbriefe, die ich mir aber nicht mehr angeschaut habe seither." Gemeint ist W., Wolfgang Frommel; sie ist für die rückhaltlose Aufklärung, plädiert aber für genaues Hinsehen, auch wenn das nach Jahrzehnten oft schwierig sei: "Es macht einen Unterschied, ob jemand 14 oder 18 war." Klar sei aber auch: "Wolfgang Frommel genoss überall und allzeit die freie Liebe in seinem Kreis." Und die Logik sei ebenso klar: "Wolfgang Frommel war ein Machtmensch und nützte seine Macht als Dichter und Führer aus." Er sei viel älter gewesen, und dass er Erotik in ihre jungen Leben brachte, verlieh ihm Macht. "Vor allem, wenn der junge Mensch zum Schweigen gezwungen wird. Und wir haben alle lange geschwiegen." Mit Folgen: "Meine Generation sprach nicht über erlittene Intimitäten und andere Erfahrungen. Aber das ungeahnt geteilte Leid schmiedete ein unsichtbares Band zwischen uns. Wir mochten uns beinahe alle gerne, denn Wolfgang Frommel hatte einen guten Geschmack."

Man muss sich das geistige Klima vor Augen halten: Homosexualität war ein Verbrechen, die Erziehung repressiv; die Prügelstrafe an Schulen wurde in den meisten deutschen Bundesländern 1973, in Bayern erst 1980 verboten. Für begabte Jugendliche war diese Amsterdamer Gemeinschaft ein animierender Entfaltungs- und Schutzraum gegen die Außenwelt – der zur Falle werden konnte, zum "monströsen Planeten, auf dem der Missbrauch und der Geschlechtsverkehr mit jungen Männern das zugrundeliegende Ziel darstellten" (Ligtvoet). Entscheidend für die charismatische Herrschaft des 1902 geborenen Frommel war der Mythos Stefan Georges: Jahrzehntelang kultivierte er eine angebliche Begegnung mit dem Meister, die sich erst 1983 als Lüge herausstellte. Nur mit einem Liebling Georges, Percy Gothein, hatte er eine seiner diversen Liebesbeziehungen gehabt. Hinzu kam der eigene Mythos: Ab 1942 hatte er im Haus in der Herengracht bei dessen Besitzerin, der Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht, jüdische Freunde versteckt. Der 1937 emigrierte Frommel sorgte für sie und andere unter Lebensgefahr – was geheime erotische Turbulenzen und sexuelle Indienstnahme nicht ausschloss, wie zeitlebens bei diesem Mann. Dennoch verlieh ihm gerade diese Geschichte Autorität bei den Jüngeren.

Was hat das alles nun mit Stefan George zu tun? "Man kann George für vieles verantwortlich machen, für Geschichten allerdings, die sich vierzig, fünfzig Jahre nach seinem Tod abgespielt haben, nicht", findet der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Ernst Osterkamp, der auch Stiftungsratsvorsitzender der Stefan George Stiftung ist, die dessen Nachlass betreut. "Es ist eine eigene Geschichte – zumal George sich ja heftig von Frommel abgegrenzt hat." Aus der Ablehnung könnte später in Amsterdam eine "Orthodoxie der Ausgeschlossenen" entstanden sein, die auch Quellen geheim hielt. "George hat viele Menschen gebrochen, es gibt eine Fülle an Beispielen. Macht und Abhängigkeit waren zentral bei ihm. Nur war er viel zu vorsichtig, irgendwelche eindeutigen Dokumente zu hinterlassen, die sexuellen Missbrauch beweisen könnten." Osterkamp will aber nicht ausschließen, dass doch noch einschlägige Zeugnisse auftauchen.

Das charismatische Epigonentum des Kreises, inklusive des Kultes um George und des sexuellen Geheimnisses, bleibt ein Phänomen, bis ins späte 20. Jahrhundert. Frommel und George: zwei Gurus von sehr unterschiedlichem geistesgeschichtlichen Rang, aber als #MeToo-Fälle avant la lettre ähnlich. Es bleibt zu hoffen, dass die Amsterdamer Kommission endlich Licht in die letzten Dunkelheiten wirft.

Als 19-Jähriger war der Stefan-George- und Helmut-Schmidt-Biograf Thomas Karlauf in die Herengracht gezogen und blieb dort zehn Jahre, bis 1984; es gibt darüber einen autobiografischen Essay von ihm. Zur aktuellen Debatte möchte er öffentlich nichts sagen; er habe damit abgeschlossen. 2019 erscheint seine Stauffenberg-Biografie – vielleicht erfahren wir darin, was genau zwischen diesem Jünger und George lief? Wie heißt es doch bei Karlauf: "Zwischen den Fotos in Frommels Brieftasche steckte nicht zufällig das Paßbild Claus von Stauffenbergs."