Die Religionskritik folgt in Deutschland einer langen Tradition. © Michael Meissner für DIE ZEIT

Warum wuchs im Paradies ein Baum mit verbotenen Früchten? Wenn Gott die Welt erschaffen hat, hätte er den Baum doch weglassen können, auf dass Adam und Eva für alle Zeiten nackt, unschuldig, unwissend und somit glücklich geblieben wären. Stattdessen erließ er ein Verbot, das sogleich zur Übertretung reizte. Mit den Worten der Schlange: "An dem Tag, da ihr davon esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist." Bevor Adam und Eva das Gebot des Herrn übertreten, stellen sie ihn also selbst infrage: Enthält er uns vor, was uns zusteht? Will er uns wirklich wohl? Hat seine Ordnung Sinn? So beginnt schon im Paradies der Zweifel an Gott.

Die allererste Geschichte der Bibel handelt von den Bedenken der menschlichen Geschöpfe gegenüber dem Schöpfer, von ihrer Unfähigkeit, blind zu glauben. Dass die Zweifler mit der Vertreibung aus dem Paradies bestraft werden, spricht nicht gegen den Zweifel, sondern unterstreicht dessen Macht: Durch ihn kommt die Menschheitsgeschichte in Gang.

In der Bibel gehören Gott und der Zweifel an Gott seit je zusammen. Schon im Alten Testament, das die Christen von den Juden geerbt haben, liefert die Religion selber den Vorbehalt gegen das Gottvertrauen. So wird der Widerspruchsgeist geweckt. Vielleicht ist er das Beste am Christentum: denn ohne Zweifel keine Religionsfreiheit und kein Religionsfrieden.

Schade, dass davon in den aktuellen Glaubensdebatten so wenig zu spüren ist. Allenthalben wird der Glaube gegen Kritik in Schutz genommen. Kaum entbrennt ein Streit über Kreuz oder Kopftuch, über Abendmahl oder Beschneidung, über Kirchen- oder Islamreform, ergeht sogleich die Warnung, den Streit nicht zu weit zu treiben. Es könnten sich sonst Gläubige beleidigt und diskriminiert fühlen! Nicht mehr der Glaube gilt als zweifelhaft – sondern der Zweifel.

Kant, deutscher Prediger der Vernunftreligion, würde seinen Ohren nicht trauen. Lessing, deutscher Dichter der Toleranz, und Hegel, deutscher Erfinder des Weltgeistes, wären entsetzt. Nur Hegels Schüler, die Religionskritiker Ludwig Feuerbach und Karl Marx, fühlten sich heute bestätigt in ihrer Überzeugung: Ja, der Glaube benebelt den Verstand.

Wirft die Religion Probleme auf, melden sich Religionsverteidiger vehement zu Wort. Erhebt sich Religionskritik, wird sie als Religionsfeindschaft verdächtigt. Als verberge sich hinter jedem "Aber" ein aggressiver Atheismus, als sei jeder Skeptiker schon ein Kommunist, der Kirchen sprengen lässt. Es herrscht eine spürbare Angst vor offener Glaubenskontroverse. Religion wird verteidigt, als sei sie ein Wert an sich. Als komme es nicht darauf an, was und wie einer glaubt und in welchem Zustand sich seine Glaubensgemeinschaft befindet.

So war es 2010, als die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche ans Licht kamen: Systematische Vertuschung wurde offenbar, und die machtgeschützte Innerlichkeit des Klerus geriet in die Kritik, doch viele Kirchenvertreter verstanden dies als kirchenfeindliche Attacke. Später, als 240 deutsche katholische Theologen von Papst Benedikt Kirchenreformen forderten, verdächtigte man sie, Agenten der Verweltlichung zu sein. Jeder Kritiker war gleich ein Feind.

So ist es auch, seit sich islamistische Anschläge mehren: Deutsche Reformmuslime, die religiöse Eiferer des Islams kritisieren, werden von muslimischen Verbänden aufgefordert, keinen Generalverdacht gegen die Glaubensbrüder zu schüren. Muslimische Feministinnen, die das Kopftuch kritisieren, werden gerügt, ihre Kritik nütze den Islamhassern und sei daher zu unterlassen.