Wenn Polizisten in eine Flüchtlingsunterkunft kommen, um jemanden zur Abschiebung abzuholen, dann melden sie sich normalerweise nicht an. Der Flüchtling, der das Land verlassen soll, darf nichts ahnen. Er soll keine Zeit haben zu fliehen. Also kommen die Beamten oft in der Nacht. Aber weil sie sich nicht anmelden, können die Polizisten auch nicht wissen, wo der Flüchtling genau ist, den sie suchen.

Sie müssen also fragen – und hoffen, dass sie dabei nicht an einen Mitarbeiter der Sammelunterkunft geraten, der sich an die Empfehlungen des Berliner Flüchtlingsrats hält.

Der hat genau für solche Fälle ein Handbuch veröffentlicht, in dem Sozialarbeiter, die in Flüchtlingsheimen Dienst tun, Tipps bekommen. "Geben Sie keine Auskünfte an die Polizei", steht dort. "Diese Frage möchte ich nicht beantworten", könne so ein Sozialarbeiter sagen und sich auf sein Vertrauensverhältnis zu den Bewohnern berufen. Und wenn die gesuchte Person nicht auf ihrem Zimmer ist? "Nicht mitwirken. Schweigen geht immer, aber falsche Auskünfte geben ist tabu."

Ganz selbstverständlich gehen die Autoren des Handbuchs von einem Interessengegensatz aus. "Da treffen unterschiedliche Welten aufeinander", schreiben sie. Die Polizei will etwas, die Sozialarbeiter wollen etwas anderes. Als wären Polizisten und Sozialarbeiter nicht Teil ein und desselben Rechtsstaats.

16 Flüchtlingsräte gibt es in Deutschland, in jedem Bundesland einen. Es sind nicht staatliche Vertretungen von Unterstützergruppen, alle sind Mitglied in der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Pro Asyl. Als der CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt sich kürzlich in einem Interview über die "Anti-Abschiebe-Industrie" empörte, da fühlten sich auch die Flüchtlingsräte angesprochen. Dobrindt kritisierte, dass "Abschiebe-Saboteure" den Rechtsstaat unterminierten.

Hat er Recht?

Flüchtlingsräte geben Tipps, wie Abschiebungen verhindert werden können

Mehr als 20.000 der circa 250.000 geplanten Abschiebungen scheiterten laut Behördenkreisen im vergangenen Jahr. In vielen dieser Fälle musste die Polizei unverrichteter Dinge wieder abziehen, weil der Betroffene nicht anzutreffen war. "Was glauben Sie, wie blöd man sich als Polizist vorkommt", sagt Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft, "wenn wochenlang und für teures Geld ein Charterflug organisiert wird, Flugbegleitung durch die Bundespolizei, ein Arzt und so weiter, und dann steht man einfach vor einem leeren Bett. Von 80 Ausreisepflichtigen sitzen dann 16 in der Maschine." Ein Charterflug, zum Beispiel für Abschiebungen nach Afghanistan, kostet 299.000 Euro.

Für den Fall, dass die Polizei die Abzuschiebenden doch gefunden hat und mit ihnen auf dem Weg zum Flughafen ist, rät ihnen ein anderer, nämlich der Bayerische Flüchtlingsrat auf seiner Internetseite: "Wenn ihr verletzt seid oder krank, solltet ihr das allen erzählen, die ihr auf dem Weg zur Abschiebung trefft. Möglicherweise seid ihr deswegen nicht 'flugtauglich'." Außerdem seien die Polizisten zwar auf dem Weg zum Flugzeug, aber in der Maschine selbst nicht mehr berechtigt, Gewalt anzuwenden. "Verwendet deshalb Eure Energie erst im Flugzeug darauf, die Abschiebung zu verhindern. Erklärt klar und deutlich, dass Ihr nicht freiwillig fliegt und Euch notfalls wehren werdet." Eine weitere Empfehlung: den Piloten mit Klage drohen. Immer wieder misslingen Abschiebungen, speziell in Linienflügen, weil die Fluggesellschaft sich weigert, Passagiere zu befördern, die aggressiv sind. Im vergangenen Jahr gab es 314 solcher Fälle.