Die ZEIT-Redaktion war vorgewarnt: Am 23. Mai veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina eine Studie zum umweltverträglichen Pflanzenschutz – mit harscher Kritik an bestehenden Zulassungsverfahren.

Unsere Autoren nahmen das zum Anlass, ein Szenario zu schreiben: Wie könnte der – möglichst chemiefreie – Ackerbau der Zukunft aussehen? Dazu griffen Christiane Grefe und Andreas Sentker auf Besuche von Landwirtschaftsmessen und Fachkongressen zurück, auf Gespräche mit Agrartechnikern, Forscherinnen und Landwirten. Alle im Text erwähnten Produkte und Strategien gibt es bereits heute, nichts ist erfunden. Ob das beschriebene Szenario Realität wird, ist also keine technische, sondern eine politische Frage.

Ein Dorf in der Nähe von München. Es ist der 24. Mai 2030. Gleich nach Sonnenaufgang hat Bauer Wachtveitl seinen Roboterschwarm losgeschickt. Die drei einkaufswagengroßen Maschinen staksen nun zwischen seinen Gemüsepflanzen umher. Mit einem Stempel drücken sie das Unkraut in den Boden. Seit vor 15 Jahren die ersten Roboter auf dem Feld erprobt wurden, ist die Technik viel zuverlässiger geworden. Chemie aufs Gemüsefeld? Das kommt für Wachtveitl nicht mehr infrage.

Dass einst Landwirte großzügig Pestizide auf dem Acker verteilten, das liegt für Wachtveitl in weiter Vergangenheit. Aber er erinnert sich noch gut an das Jahr 2018, als die große Pestiziddämmerung einsetzte: Damals war die Kritik an dem breitflächigen, oft vorbeugenden Einsatz von Ackergiften nicht mehr zu ignorieren gewesen. Vor allem das Verschwinden der wichtigen Bestäuber, Schmetterlinge, Vögel und Wildpflanzen hatte viele aufgeschreckt. Der Streit um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat wurde zum Fanal, Ackergifte galten plötzlich als Politikum.

Die Industrie hatte bereits begonnen, sich gegen die wachsende Kritik zu wappnen. Der Chemieriese BASF erprobte auf Modellhöfen Maßnahmen für mehr Artenvielfalt. BASF-Konkurrent Bayer hatte 2017 ein digitales Tochterunternehmen gegründet, dessen zentrale Aufgabe es war, auch mit dem Verkauf von weniger Pflanzenschutzchemie Geld zu verdienen. Der Einsatz etwa von Fungiziden sollte fortan nur noch empfohlen werden, wenn Datenanalysen das Auftreten eines schädlichen Pilzes in der jeweiligen Region tatsächlich vorhergesagt hatten. Für die Landwirte hieß das: Sie zahlten für eine ungefährdete Ernte und nicht mehr für die Menge der eingesetzten Chemikalien.

Die Kritik ist deutlich: Wurden Risiken des Pflanzenschutzes systematisch unterschätzt?

Zugleich kämpften die Konzerne mit Verweis auf Erntesicherheit und Verbraucherpreise politisch für die Existenzberechtigung ihrer alten Geschäftsmodelle. Denn darum wurde heftig gestritten in jenem Jahr 2018: Wie groß war die Verantwortung der Agrarchemikalien für die Belastung von Artenvielfalt, Böden und Gewässern tatsächlich? Auf der einen Seite wollten Biolandwirte und Umweltschützer so viele Gifte wie möglich verbieten. Auf der anderen Seite forderte der Bauernverband neue Wirkstoffe – und die Hersteller betonten, wie sicher die vorhandenen Produkte seien.

Für die chemischen Substanzen wurde es jedoch immer enger. Es begann im April mit strengen Auflagen für das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Die damalige Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner kündigte an, das Totalherbizid in der Landwirtschaft nur noch ausnahmsweise zuzulassen – und für private Gärten gar nicht mehr. Vielen ging auch das zu langsam, sie wollten ein Sofortverbot. Doch immerhin empfahl der Koalitionsvertrag der damaligen Regierung, die Anwendung "grundsätzlich" und "so schnell wie möglich" zu beenden.

Mitte Mai 2018 kam der nächste Schlag: Die Firmen Bayer und Syngenta verloren einen Rechtsstreit mit der EU-Kommission um die sogenannten Neonicotinoide, kurz "Neonics". Diese Nervengifte wurden damals oft vorbeugend eingesetzt: Saatgut wurde damit gebeizt, also mit einer chemischen Schicht umgeben, deren Inhaltsstoffe die heranwachsende Pflanze vor Schadinsekten wie Blattläusen schützen sollte. Im Februar hatte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit die Neonics als schädlich für Wild- und Honigbienen eingestuft. Daraufhin untersagten Europas Regierungen den Einsatz von drei Wirkstoffen.