Der Tag beginnt ganz nach dem Geschmack der Beraterin Antonella Mei-Pochtler. Mit einem Festakt. In der Aula der Wissenschaften in der Wiener Innenstadt will die Bundesregierung an diesem Morgen den Europatag mit einem Staatsakt begehen. In der ersten Reihe sitzt Bundeskanzler Sebastian Kurz und richtet sich das Mikro seines Headsets.

Mei-Pochtler, blonde Haare, blaues Kleid, trippelt zu ihm, küsst ihn links und rechts auf die Wange und nimmt hinter ihm und seinem Vize Heinz-Christian Strache Platz. Als Kurz auf die Bühne steigt und mit dem Moderator und früheren Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust plaudert, blickt Mei-Pochtler längst auf ihr Handy. Die Phrasen von Kurz kennt sie ohnehin. Einige davon hat sie konzipiert.

In der breiten Öffentlichkeit ist die langjährige Unternehmensberaterin Antonella Mei-Pochtler nur wenig bekannt. Dabei zählt die 59-Jährige zum engsten Kreis des Kanzlers und hat Kurz schon in dessen Zeit als Integrationsstaatssekretär beraten. Im Wahlkampf half sie Kurz bei wirtschaftspolitischen Fragen. Nun ist ihr Wirkungskreis drastisch erweitert worden. Im Bundeskanzleramt soll sie die Denkfabrik Think Austria etablieren. Das Problem: Welche Gedanken die Eggheads des Regierungschefs ausbrüten sollen, weiß niemand so genau.

Offiziell will Mei-Pochtler mit Think Austria ein Zukunftsprogramm für Österreich entwickeln, das von Wettbewerbsfähigkeit über Philosophie bis zur künftigen Rolle Österreichs in der Weltraumforschung reicht. Mit "Reports" und "Briefings" sollen der Bundeskanzler und die Regierung von dem Expertenkreis versorgt werden, den die Beraterin gerade aufbaut. Auch wenn es offiziell noch keine Bestätigung gibt, werden rund um das Bundeskanzleramt schon eifrig Namen dieser ehrenamtlich tätigen Ideengeber kolportiert: Neben dem Quantenphysiker Anton Zeilinger werden etwa Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz, die Moderatorin Arabella Kiesbauer oder der Künstler Erwin Wurm genannt.

Doch was genau plant Mei-Pochtler mit dieser bunten Riege mehr oder minder prominenter Köpfe? Und warum setzt Kurz ausgerechnet auf sie?

In der Aula der Wissenschaften gruppiert sich die Festgemeinde um die Stehtische am Buffet. Mei-Pochtler will sich den Weg zu einer Kaffeekanne bahnen. Kein leichtes Unterfangen. Von allen Tischen strecken sich ihr Hände zur Begrüßung entgegen. Altkanzler Wolfgang Schüssel herzt sie, Justizminister Josef Moser will mit ihr sprechen, EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn drängt sich an ihre Seite.

Angekommen am Buffet hat Mei-Pochtler die Tasse noch nicht gefüllt, als Moderator Stefan Aust auf sie zusteuert und sie überschwänglich begrüßt. Was sie von der Digitalstrategie des Spiegels halte, will er wissen. Die Antwort wartet er gar nicht erst ab. Wenn Mei-Pochtler und er seinerzeit ihr gemeinsam erarbeitetes Programm umgesetzt hätten, wäre bei dem Hamburger Magazin ohnehin alles besser gelaufen.

Wie Medien die Herausforderungen der digitalen Ära meistern können, damit kennt sich Mei-Pochtler bestens aus. Jahrelang hat sie diesen Bereich bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) betreut. Dort verlief ihre Karriere steil aufwärts: Schon mit 31 Jahren wurde die promovierte Betriebswirtin Partner bei dem globalen Beraterkonzern, galt rasch als Star in der Szene, leitete später das Wiener Büro und war für mehrere Jahre Mitglied im weltweiten Führungsgremium. Das Netzwerk, das sich die Mutter von drei Töchtern in dieser Zeit erarbeitet hat, soll um den halben Erdball reichen, vielleicht sogar um den ganzen.

Nach dem Festakt wartet bereits ein Tesla samt Chauffeur auf die Think-Austria-Chefin

Mei-Pochtler kommt aus der Aula der Wissenschaften, wo ein schnittiger Tesla samt Chauffeur auf sie wartet. Ihr Mann, der Industrielle Christian Pochtler, stellt ihr das Elektroauto samt Chauffeur zur Verfügung. Im Auto sitzt die Mutter. Eigentlich hätte der Fahrer sie zum Friseur bringen sollen. Doch das muss warten. Mei-Pochtler muss ins Kanzleramt. Dringend.

"Bitte mach das Schiebedach einen Spalt auf", ersucht sie den Chauffeur. Eine Pollenallergie mache ihr zu schaffen. Mit ihrer Mutter unterhält sie sich in melodiösem Italienisch. Die gebürtige Römerin Mei-Pochtler, die am Tiber eine deutsche Schule besuchte und später in Deutschland und Frankreich studierte, spricht fünf Sprachen fließend. Kosmopolitisch wirkt sie schon, wenn sie ihrem Fahrer auf Italienisch Anweisungen gibt.

Als der Tesla am Ballhausplatz bremst, wird er von einer Traube neugieriger Touristen umringt. Mei-Pochtler schreitet durch das Spalier der Polizisten und läuft durch die Gänge im Bundeskanzleramt. Alle paar Meter schlägt der Gang einen Haken. Es ist ein Labyrinth, aus dem heraus Österreichs Regierungsgeschäfte gesteuert werden. Hinter dem Trakt mit den Spiegeln ist das Arbeitszimmer des Kanzlers. Nur ein paar Ecken weiter liegt Mei-Pochtlers Büro.