Eine halbe Stunde vor der Premiere in München ist Frank Castorf im Foyer der Staatsoper beim Bayerischen Rundfunk zu Gast und wird gefragt, ob das nicht ein klaffender Gegensatz sei: draußen die in der Pfingstsonne funkelnde Luxusmeile Maximilianstraße und drinnen eine der schwärzesten Opern, die der Kanon zu bieten hat. Castorf überlegt derart lange, dass die Radiohörer daheim wahrscheinlich denken, es sei Sendepause. Dann sagt er "Ja" – und lächelt süffisant. Aus der Gleichzeitigkeit von Dingen, die eigentlich unvereinbar sind, künstlerisch Gewinn zu ziehen, das ist sein Kerngeschäft.

Es wäre aber Castorf nicht Castorf, wenn er es bei nur einem Wort beließe, und so gehören auch die folgenden zehn Minuten der öffentlichen Vorbereitungssendung allein ihm und einem langen Exkurs zur Inszenierung. Deren geistige Ahnherren sind, wie Castorf sagt, im weitesten Sinn Nietzsche und Schiller, Dostojewski natürlich, Dantes Inferno am Schluss, aber auch der Pantheismus spiele eine Rolle, wie übergeordnet das Volkstümliche in der Kunst verhandelt werde. In assoziativer Rhetorik steht der mittelspäte Castorf dem späten Heiner Müller kaum mehr nach. "Wir haben versucht", steht etwas konziser im Programmheft, "dieser Simultaneität Rechnung zu tragen, sie sogar noch zu steigern." Reizüberflutung garantiert.

Aus einem Totenhaus von Leoš Janáček, kurz vor dessen Tod 1928 gerade noch vollendet, ist die Oper, die auf Frank Castorf gewartet hat. Der Roman, auf dessen Grundlage das Libretto entstanden ist, stammt von Fjodor Dostojewski, und Dostojewski war immer schon Castorfs Haus- und Abgott. Verarbeitet werden in der Vorlage die vier Gefangenenjahre des Autors in der zaristischen Katorga in Omsk, als sibirisches Straflager ein Vorläufer der stalinistischen Gulags. Die Handlung tendiert gegen null: Männerschicksale scheinen auf, werden dramaturgisch gesehen kurz an-, aber nie vollkommen ausgeleuchtet. Im Vordergrund steht der Inhaftierte Gorjančikov. Janáček deutete ihn als politischen Gefangenen, bei Castorf ist es der Dichter Dostojewski selbst.

Von ihrer Bayreuther Ring-Inszenierung haben Castorf und sein Bühnenbildner Aleksandar Denić jenen Hasenstall mitgebracht, der damals in der Walküre ein wenig Heimeligkeit inmitten der Ölfelder Aserbaidschans verbreitete. Er bildet das Zentrum auf dem Boden eines erneuten Schachtelwunderwerks, das Denić unter einem brutal schwarzen Himmel errichtet. Gleißendes Licht kommt allein von den Stadionscheinwerfern, die sich auf den Gulag richten, inklusive Pepsi-Reklame in kyrillischen Buchstaben. Diese untertiteln wiederum einen Stummfilm, der während des Janáček-Vorspiels auf einer Leinwand läuft. Gezeigt wird, in Eisenstein-Kino-Optik, eine Szene aus dem autobiografischen Dostojewski-Roman Der Spieler, in der es zwischen Dostojewski und seiner Geliebten in einer Beichte um den Begriff der Lüge geht. Wer Castorfs kluge Gedanken dazu, ausgehend von Sigmunds Freuds Studie Dostojewski und die Vatertötung , im Programmheft bis zu diesem Moment nicht gelesen hat, mag vorübergehend ein wenig ins Schwimmen geraten. Aber genau das ist die Absicht: Alles fließt im theatralen Gedankenstrom – und entweder man lässt sich mitreißen oder nicht.

Castorfs letzte Operninszenierung war die politisch wuchtige und energiegeladene Stuttgarter Version von Charles Gounods Faust-Oper. Während sich dort Arioses im klassischen Opernrahmen entwickelte, hatte der Regisseur genug Zeit, eine Parallelhandlung zu montieren, die sich, unmittelbar einleuchtend, bis hin zum französischen Algerienkrieg entwickelte. Janáčeks Aus einem Totenhaus – in München vor allem vom Chor (Leitung: Sören Eckhoff) bravourös tschechisch gesungen nach der Bearbeitung von John Tyrrell – bietet diese Möglichkeit nicht. Dafür ist das ständig unter Hochspannung stehende Stück zu kleinteilig organisiert und musikalisch zu ruhelos. Castorf entspricht dieser Konstellation, indem er einerseits die Bühne maßlos und manchmal auch für Gulag-Verhältnisse ein bisschen übermunter bevölkert (namentlich in den nicht sehr gelungenen Travestieszenen und Verweisen auf Splatter-Movies) und den Protagonisten mit den Handkameras noch auf das stillste Örtchen folgt. Andererseits schält er sehr deutlich eine Geschichte heraus, die den Opernkomponisten Janáček letztlich ernster nimmt und enger beim Wort als den Dichter Dostojewski.

Janáčeks letztes Werk nämlich durchzieht, bei aller Tristesse und Dunkelheit, ein leiser utopischer Moment. In jedem Menschen, und sei er auch ein Schwerverbrecher, heißt es in einer Zeile, stecke "ein Funke Gottes". Und dann gibt es da den verletzten Adler in diesem Konzentrationslager, an dessen Schicksal die Gefangenen immer wieder Anteil nehmen. Wird er noch einmal fliegen? Von Beginn an lässt Castorf Aljeja, den jungen Tartaren (die Sopranistin Evgeniya Sotnikova), mit riesengroßen Flügeln und im rotglitzernden Kostüm auf der Bühne Kreise ziehen. Aljeja ist der einzige Mensch, zu dem Gorjančikov (mit feinem Bass: Peter Rose) eine Art Beziehung aufbauen kann. Mit sehr mildem Blick schaut Castorf auf dieses Paar, als gäbe es doch noch so etwas wie ein Humanum in solcher Hölle. Tendenziell geht er dabei Hand in Hand mit der Dirigentin Simone Young, deren umsichtige Gestaltung mit dem schwer geforderten Staatsorchester in raschen Tempi Grelles keineswegs ausspart, aber immer auch ein Ohr hat für Janáčeks halb hoffnungsvolle Passagen: auf dass die Tiere im Gefängnis doch noch werden wie die Stallhasen.

Am Ende hält es Frank Castorf wieder einmal mit Leo Trotzki und einer optisch selbstreferentiellen Metaphernüberfrachtung, die etwas Obsessives hat. Das "Element Mexiko" (Castorf), wo der Gegner Stalins gleich einer Spinne im Netz im Exil saß, hält in Frida-Kahlo-Farben opulent Einzug. Zudem rezitiert der mexikanische Sänger Galeano Salas vor dem letzten Akt jenen Text aus dem Lukas-Evangelium, der Dostojewskis Dämonen voransteht. Das ist dann ein bisschen viel zu viel des Anspielungsreichen, und man wird den Eindruck nicht los, dass auch Frank Castorf mittlerweile ein Gefangener ist: der seiner eigenen Systematik.

Was wohl bekommt der im Schlussschneetreiben freigelassene Gorjančikov geschenkt? Eine Sportjacke, nicht Maximilianstraßen-Style, aber Adidas, immerhin. Castorf kann noch Funken schlagen, allein: Als Feuerkopf zu altern bleibt ein Problem für Künstler.