Regierungsrätin Josefa Schmid sitzt am Pfingstmontag im Auto und will nichts sagen – weder über den ihrer Ansicht nach "größten Flüchtlingsskandal der Republik" noch über ihre zwangsweise Versetzung von Bremen ins bayerische Deggendorf. Als Beamtin sei sie zur Verschwiegenheit verpflichtet. Wer wissen wolle, warum man sie Anfang Mai quasi über Nacht als Leiterin der Bremer Flüchtlingsbehörde abgezogen habe, möge sich doch, bitte schön, an ihren Vorgesetzten wenden, an das Nürnberger Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz: Bamf.

So viel sagt sie dann aber doch: "Ich lasse mich nicht mundtot machen." Danach endet das Telefongespräch.

Die Affäre um mutmaßlich Tausende von manipulierten Asylbescheiden in Bremen zieht immer weitere Kreise, nicht nur bis zur Bamf-Präsidentin Jutta Cordt – sondern bis zum Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Seit Wochen verhärtet sich der Verdacht, dass die Stellen in Nürnberg wie in Berlin die Bremer Missstände gezielt vertuschten und die Kritikerin Josefa Schmid vom Bamf unter Druck gesetzt wird.

Das Bamf behauptet, es verheimliche nichts. 4.586 Asylbescheide habe man in den vergangenen Monaten unter die Lupe genommen, davon 1.500 aus Bremen, bei denen in 600 Fällen der Verdacht auf schwere Fehler bestehe. Außerdem hat Nürnberg vergangene Woche angeordnet, insgesamt 18.000 Asylbescheide aus Bremen bis in das Jahr 2000 zurückzuverfolgen. Frau Schmid sei aus "Fürsorge" versetzt worden, um sie vor der Öffentlichkeit zu schützen. Außerdem hätte sie ihren Bericht nicht an das Innenministerium weiterleiten sollen. Doch je länger man bohrt, desto größer wird der Verdacht, Josefa Schmid solle tatsächlich mundtot gemacht werden.

Die Regierungsrätin und Diplomjuristin hat gegen ihre Versetzung Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Bremen eingereicht. Diese liegt der ZEIT vor. In dem 21-seitigen Schriftsatz erhebt Schmid schwere Vorwürfe gegen das Bamf. Ihr Vorgesetzter handle "willkürlich". Die Versetzung sei eine "Bestrafung" und habe den "Charakter eines Racheakts". Dem Bamf sei es nicht um "Fürsorge" gegangen, sondern allein um die "Sorge um den Ruf des Amtes" und darum, "dass die Geschichte ... nicht an die Öffentlichkeit kommen" dürfe.

Seit ungefähr vier Wochen steht die 44-Jährige Josefa Schmid im Mittelpunkt der Affäre. Am 1. Januar dieses Jahres setzte das Bamf sie als kommissarische Leiterin der Bremer Außenstelle ein. Schmids Vorgängerin, Ulrike B., war erst wegen "Verfehlungen" innerhalb der Behörde versetzt und dann, nachdem die Bremer Staatsanwaltschaft gegen Ulrike B. und fünf weitere Beschuldigte ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hatte, im April 2017 vom Dienst suspendiert worden. Der Vorwurf der Strafverfolger: Bestechlichkeit und bandenmäßige Verleitung zur missbräuchlichen Asylantragstellung in mindestens 1.176 Fällen.

Josefa Schmid sollte in Bremen aufräumen. Sie hatte sich um die Stelle beworben und verfügte über hervorragende Beurteilungen. Die Regierungsdirektorin stellte nach drei Monaten einen 99-seitigen Bericht über "Unregelmäßigkeiten im Asylverfahren in der BAMF-Außenstelle Bremen" fertig. Den schickte sie an die Bremer Staatsanwälte – und an das Bundesinnenministerium, mit der ausdrücklichen Bitte um Weiterleitung an Horst Seehofer. Dieses Vorgehen, so heißt es in der Beschwerde, sei bei schweren Strafvorwürfen üblich und geboten. Schmid berichtet von 3.332 Verdachtsfällen zwischen 2016 und 2017, in denen in Bremen möglicherweise zu Unrecht Asyl gewährt worden sei. Sie nennt dies lediglich die "Spitze des Eisberges".