Der Abend des Eurovision Song Contest vor gut zwei Wochen auf der Reeperbahn war auch ein Abend der Entzauberungen. Da standen Barbara Schöneberger und Max Giesinger auf der Bühne und plauderten über die große Show, die gerade in Lissabon stattgefunden hatte. Schöneberger stellte Fragen, Giesinger musste antworten. Was denkt er über Michael Schulte, den Sänger des deutschen Beitrags? "So geile Lieder, ohne Scheiß, zieht euch das alles rein, mega der Künstler." Fazit des Abends? "Michael ist der geilste Typ im Lande." Sonst noch was? "Echt, einfach geil." Gemeinhin wird Giesinger, der Sänger von Liedern wie 80 Millionen und Wenn sie tanzt, als "Pop-Poet" gehandelt. Doch jetzt, wo ihm niemand zuvor einen Text geschrieben hatte, sprach er in etwa so poetisch und artikuliert wie ein Fußballprofi beim Interview am Spielfeldrand. Mit dem Unterschied, dass Giesinger nicht die letzten 90 Minuten lang gerannt war.

Die gegenteilige Verwandlung war kurz darauf bei Barbara Schöneberger zu erleben. Sie, die so stark ist, wenn sie scheinbar völlig frei und ungeschützt spricht, die auch an diesem Abend wieder schlagfertig war, witzig und vor Temperament sprühte, schrumpfte plötzlich zusammen, als sie den Text eines anderen aufführen musste. Als sie statt zu moderieren zu singen begann. Und mit beiden Händen an den Mikrofonständer geklammert zur Musik einen Text aufsagte, mit einfachen Reimen und einstudierten Anzüglichkeiten ("komm, wir lassen uns geh’n / heut muss gar nichts mehr steh’n", sagt eine erschöpfte Frau zu ihrem Ehemann). Plötzlich war da kein Temperament mehr. Kein Witz. Keine Größe.

Der Auftritt auf der Reeperbahn war keine Ausnahme, man kann es nachhören auf Eine Frau gibt Auskunft, dem neuen, vierten Musikalbum von Barbara Schöneberger. Ohne viel Dynamik und ohne großen Tonumfang singt sie Schlager-Chansons von Frauen, die frei, aber auf keinen Fall einsam sein wollen; die am liebsten Chips essend auf der Couch säßen, aber dabei bitte so elegant sein wollen wie die Frauen in Film-noir-Filmen; die vor lauter Zerrissenheit und privilegiertem Weltschmerz zu Einsichten kommen wie: "Männer sind wie Fast Food / machen süchtig und fett." Die einander Tipps geben wie: "Macht dich der Winter / richtig krank / dreh ’ne Runde auf der Sonnenbank."

Das ist Unterhaltungsmusik mit therapeutischer Funktion, die ihre Hörerschaft sicher finden wird. Und doch ist das Album eine Enttäuschung, weil man von Barbara Schöneberger Anderes, Besseres und vor allem Furchtloseres gewohnt ist – von ihr als Moderatorin.

Ihre Moderationen sind deshalb so gut, weil Schöneberger oft nur haarscharf daran vorbeischrammt, den Abend mit einem ihrer Witze zu ruinieren. Dieses Vorbeischrammen gelingt ihr mit großer Virtuosität. Auch beim ESC war das zu erleben, als sie den Sänger Sasha anmoderierte mit den Worten, er habe schon viele Preise gewonnen, Bambis, Goldene Kameras "und andere Preise, formerly known as Echos". Bei anderen hätte das gemein geklungen, bei ihr klang es entwaffnend. Überhaupt muss man das erst mal bringen: als Moderatorin einer Musikpreis-Party an einen anderen, soeben in Schimpf und Schande untergegangenen Musikpreis zu erinnern. Und ausgerechnet beim ESC, dieser großen Verdrängungsleistung aus Ein bißchen Frieden und heiler Welt, noch mal auf Antisemitismus und Auschwitz-Witze in der deutschen Popmusik hinzuweisen.

Auch mit ihrer Zeitschrift Barbara lotet Schöneberger Grenzen aus. Während andere Frauenmagazine in diesem Frühjahr anfingen, ihre Leserinnen in Richtung Bikinifigur zu drillen, titelte Barbara: "Gerade sind wieder alle auf Diät. Da machen wir nicht mit, oder?" Im Heft wurden dann Fotos von Frauen mit unterschiedlichen Figuren in Unterwäsche gezeigt. Sicher kein Tabubruch, aber zu viel für eine Leserbriefautorin, die mitteilte, sie lese das Heft seit der ersten Ausgabe und wolle sich "keine dicken Frauen in Dessous anschauen müssen".

Das Album Eine Frau gibt Auskunft aber ist braver deutscher Durchschnittspop, der nichts will, außer zu funktionieren. "Liebe kommt und Liebe geht", säuselt Barbara Schöneberger, und klingt dabei so uninspiriert wie diese Zeile der Produzenten Peter Plate und Ulf Leo Sommer, die sonst Texte für Helene Fischer und Rosenstolz schreiben. Mit diesem Team fällt Schöneberger zurück hinter die klügeren Texte, den interessanteren Gesang ihres Debütalbums Jetzt singt sie auch noch!.

Immerhin: Manchmal schleicht sich ein bisschen Gegenwart in die Texte von Eine Frau gibt Auskunft. Dann singt Schöneberger von Instagram-Storys, von Männern mit Hipster-Dutt oder von einer alleinerziehenden Mutter, bei deren Date alles super läuft, wäre nur die Frage nicht: "Wann sage ich ihm das mit den Kindern?"

Die beiden besten Songs auf dem Album heißen Happy Patchwork Family (der Titel ist ironisch, tatsächlich geht es hier um Häme und Neid) und Das beste Date seit Jahren. Hier testet Barbara Schöneberger die Grenzen der Mainstream-Unterhaltung aus: Geht das, Wohlfühlpop hart an der Grenze zum Schlager zu singen, der aber echte Probleme behandelt und der von Liebe, Eifersucht und Begehren erzählt, ohne auf bereits endlos wiederholte Phrasen zurückzugreifen?

Die beiden Songs sind zwei von vier Stücken, bei denen Barbara Schöneberger als Co-Autorin angegeben ist. Es besteht Hoffnung, dass ihr nach dem Moderieren und dem Zeitschriftenmachen auch das Singen noch richtig gut gelingen wird. Was das nächste Album von Barbara Schöneberger dafür braucht, ist viel mehr Barbara Schöneberger.

Barbara Schöneberger: "Eine Frau gibt Auskunft" (Sony Music), das Album ist gerade erschienen.