"Jesses! Das sind doch zu viele Stühle!" Etwa 50 Stück stehen im kargen Saal des Bergrestaurants auf dem Stanserhorn. Etwas ratlos steht Blanca Imboden im noch leeren Raum. "Da wird doch keiner kommen, extra hier rauf", sagt sie. Bereits Tage zuvor hat sie ihre Zweifel in einer E-Mail geäußert: "Ob auf so einen hohen Berg viele Leute kommen?"

Blanca Imboden gehört zu jenen Schriftstellern, die zweifeln, obwohl sie Erfolg haben. Neun Bücher hat sie in den vergangenen fünf Jahren geschrieben. Neun wurden zu Bestsellern. Ihr neuster Roman Arosa liegt hinter Martin Walkers Revanche auf Platz zwei der Schweizer Bestsellerliste. Im Jahresüberblick des Bundesamtes für Kultur der meistverkauften Werke von Schweizerinnen und Schweizern stand ihr Name neben dem von Joël Dicker oder Martin Suter.

Während Dicker und Co. in den Feuilletons gefeiert wurden, existiert Blanca Imboden dort nicht. Sie schreibt Trivialliteratur.

Der kühle Wind auf 1.900 Metern über dem Meer wirbelt den Touristen, die unter rot-weißen Sonnenschirmen vor Rivella und Weißwein sitzen, die Haare auf. Blanca Imboden sitzt daneben, an einem Tisch. Sie trägt eine große, dunkle Sonnenbrille und spielt nervös an einer Flasche Coca-Cola. Sie sei aufgeregter als sonst, sagt sie, weil sie heute an einem besonderen Ort liest: an ihrem Arbeitsort. Seit Kurzem arbeitet sie als Passagierbegleiterin bei der Bergbahn, die auf das Stanserhorn hinaufführt.

Der Durchbruch gelang ihr 2013 mit dem Roman Wandern ist doof. Ihre ersten sechs Bücher waren Flops, nun, mit einem neuen Verlag, der Bestsellerfabrik Wörterseh, wurde alles anders. "Meine Verlegerin hat sicher ihren Anteil am Erfolg, sie setzt sich sehr für ihre Autoren ein", sagt Imboden. Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx selbst sagt: "Ich glaube nicht, dass es Zufall war, dass mit dem Wechsel der Erfolg kam. Wir sind ein kleiner Verlag und unterstützen unsere Autoren stark." Und, so ist Baumann-von Arx überzeugt, Imboden setzt auf die richtigen Themen: Ihre Bücher spielen in der Schweiz, in den Bergen. Es geht ums Wandern, um Eichhörnchen, um die Liebe. Um eine Kreuzworträtselkönigin, die sich in einen Bergführer verliebt. Damit kommt sie an.

Der Erfolg ist ihr noch nicht so recht geheuer. "Manchmal fühlt es sich an, als hätte ich mich in einen falschen Film geschlichen." Imboden lacht, fast beschämt. Verändert habe sie der Erfolg aber nicht. "Viele sagen, ich sei so natürlich. Glauben Sie mir, ich wäre manchmal gerne divenhafter, aber das bin dann ja gar nicht ich." Für diese Echtheit und Nähe liebt sie ihr Publikum – und die Medien. Homestories und Interviews, in denen sie über ihren kürzlich verstorbenen Mann Hans spricht, Talkshows im Radio: Imboden ist ein dankbarer Gast, es gibt keine Frage, die sie nicht beantwortet.

Im Saal liegen Ausdrucke auf dem Tisch bereit, an dem sie später lesen wird. Handschriftliche Notizen, Romane voller farbiger Post-its, ein kleines Necessaire mit hellblauem Edelweißmuster. Bevor die ersten Gäste kommen, nimmt sie dieses, um sich kurz frisch zu machen, dann schüttelt sie allen die Hand. Vor allem Frauen Mitte 50, viele kommen mit ihrer Freundin, manche mit ihrem Ehemann. Es kommen viele. Mehr als erwartet. Das Personal musste Extrastühle aufstellen.

Blanca Imboden ist im 4.000-Seelendorf Ibach, im Kanton Schwyz, am Vierwaldstättersee aufgewachsen. Die heute 56-Jährige war eines von sieben Kindern in einer Arbeiterfamilie. Geld für Bücher gab es keines, und die aus der kleinen Bibliothek waren schnell gelesen. Um sich selbst zu unterhalten, begann sie als Fünftklässlerin Geschichten zu schreiben. Eines der Schulhefte, in denen sie mit braunem Filzstift in akkurater Blockschrift ihre Liebesgeschichten schrieb und mit Models aus dem Katalog bebilderte, hat sie mit auf das Stanserhorn gebracht, um ihren Leserinnen zu zeigen, wie sie mit dem Schreiben begonnen hat.

Genau wie damals schreibt Imboden heute noch aus der Ich-Perspektive, das falle ihr am leichtesten. "Viele Leserinnen haben dadurch das Gefühl, sie würden mich kennen", sagt sie. Kein Wunder. Imboden schreibt in einem ihrer Bücher über eine Frau, die als Tanzmusikerin arbeitet – wie einst sie selbst. Über eine Frau, die ihren Job bei einer Zeitung verlor – wie einst sie selbst. Über eine Bähnlerin, die für die Stoosbahnen arbeitet – wie einst sie selbst. Über eine Frau, die ein Schreibstipendium in Arosa erhält – genau wie sie selbst.