Das Treffen war von langer Hand vorbereitet. Etwa zwei Dutzend Ministerialbeamte, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter kamen vor drei Wochen auf Schloss Ziethen bei Oranienburg zusammen, um nach der Antwort auf eine Frage zu suchen, von der man eigentlich hoffte, dass sie sich nie stellen würde: Wie schützen wir uns vor China?

Denn China, das war aus deutscher Sicht bislang so etwas wie ein ökonomischer Sehnsuchtsort – mit mehr als einer Milliarde potenzieller Kunden und hohen Wachstumsraten. Im Monatsrhythmus pilgerten deutsche Spitzenpolitiker nach Peking, im Schlepptau die Chefs der deutschen Großkonzerne.

Wenn Angela Merkel an diesem Donnerstag in der chinesischen Hauptstadt aus dem Flugzeug steigt, dann unterscheidet sich ihre Mission von der früherer Reisen. China ist für die deutsche Kanzlerin derzeit nicht mehr nur eine Chance – sondern auch eine Bedrohung. Nach außen verbreitet die Regierung zwar Zuversicht, doch die interne Lageanalyse zeichnet das Bild Chinas als eines aufstrebenden wirtschaftlichen Riesen, der es auf die internationalen Schlüsseltechnologien abgesehen hat und seine Einflusssphäre ausbaut.

Es gibt in der Weltgeschichte Momente, in denen der Beginn einer neuen Epoche fast mit Händen zu spüren ist. Dies ist so ein Moment.

Eine Ahnung davon bekam Merkel vor zwei Jahren. Barack Obama ist auf Deutschlandbesuch, Merkel nimmt ihn mit zur Hannover-Messe, der Leistungsschau der deutschen Industrie. Sie machen halt am Stand des Roboterbauers Kuka. Der Chef des Unternehmens zeigt der Kanzlerin einen Roboterarm, der sich um sich selbst dreht, und erklärt ihr, dass die Maschine auf den Menschen reagieren könne. "Fassen Sie mal an", sagt er. Merkel greift zu, der Arm hört auf, sich zu drehen.

Wenige Wochen später teilt der chinesische Konzern Midea mit, dass er Kuka übernehmen wolle. Es ist der Beginn einer Abwehrschlacht, wie sie das Land noch nicht gesehen hat. Die Roboter von Kuka haben nur noch wenig zu tun mit den Produktionsapparaten von früher. Sie sammeln Daten, lassen sich vernetzen und lernen dazu. Sie sind die Zukunft. Der Versuch, heimische Konzerne dazu zu bewegen, bei Kuka einzusteigen, bleibt ohne Erfolg. Die Chinesen überbieten alle potenziellen deutschen Käufer.

Hinter vermeintlich privaten Investoren steckt oft der chinesische Staat

China setzt seine Interessen durch – das Muster wird sich wiederholen: Als die Chinesen in diesem Frühjahr bei Daimler einsteigen, lassen sie die Transaktion über Mittelsmänner in Hongkong abwickeln, sodass die deutschen Behörden von dem Vorhaben erst nichts mitbekommen und am Ende vor vollendeten Tatsachen stehen. Die Methodik der Einkaufstour ist in der "Made in China 2025"-Strategie beschrieben, die der Staatsrat des Landes vor drei Jahren verabschiedet hat. Sie soll die Weichen stellen für den Aufstieg der Volksrepublik zur führenden industriellen Supermacht – eine Kampfansage an etablierte Industrieländer. Das würde die Technologienation Deutschland besonders hart treffen.

Eine Studie der Bertelsmann Stiftung hat alle Beteiligungen chinesischer Investoren an deutschen Firmen in den vergangenen vier Jahren untersucht. Ergebnis: Fast zwei Drittel der Investments fanden in den zehn Schlüsselbranchen statt, die die chinesische Führung in ihrem Strategiepapier ausdrücklich erwähnt, wie etwa alternative Antriebstechnologien, Biomedizin, Robotik. In 22 Prozent der Fälle sind die investierenden chinesischen Firmen mehrheitlich im Staatsbesitz. Und auch formal unabhängige Unternehmen werden in vielen Fällen vom Staat kontrolliert oder erhalten Zugang zu günstigen Krediten.

Dass das nicht nur Nachteile hat, zeigt das Beispiel Piräus: Der Hafen gehörte einst der griechischen Regierung, die ihn in der Schuldenkrise an die chinesische Reederei Cosco verkaufen musste. In Griechenland hat diese Entscheidung damals einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, doch zuletzt war von den Kritikern nicht mehr viel zu hören. Denn seit die Chinesen hier das Ruder übernommen haben, hat sich der Containerumschlag verdreifacht.