Kein anderer Autor der letzten 25 Jahre hat die Öffentlichkeit so herausgefordert wie der Schriftsteller Christian Kracht. Schon sein Debüt, Faserland, erschienen 1995, spaltete die Öffentlichkeit. Der Ich-Erzähler, ein nihilistischer Dandy und ortloser Nomade wie alle Kracht-Helden, macht aus seiner ästhetischen Verachtung für seine Mitmenschen keinen Hehl, und wenn ihn der Taxifahrer in Hamburg nach Pöseldorf bringt, ist er froh, dass er "während der Fahrt kein einziges Wort gesagt hat, weil er sauer war, dass wir beide gleich alt sind und ich ein Jackett von Davies & Son trage und er auf Demos geht".

Einen so explizit antisozialdemokratischen Geist kannte der deutsche Literaturbetrieb bis dahin nicht, entsprechend wutschnaubend fielen die Reaktionen aus. Das sei menschenverachtende Schnöselliteratur, hieß es über Jahre – und dass der Autor seinen Protagonisten nicht gerade als nachahmenswertes Vorbild gezeichnet hatte, galt nicht als mildernder Umstand.

2001 folgte Krachts zweiter Roman 1979, da landet der selbstzerstörerische Erzähler auf der Suche nach Reinheit am Ende in einem chinesischen Straflager, wo er sich den Ritualen der Selbstkritik unterwirft, um sich die Sünden der Dekadenz austreiben zu lassen. Der Totalitarismus als Erlösungsversprechen für den sinnentleerten westlichen Zyniker – war das nun hellsichtige Analyse und Flirt mit dem Bösen?

Natürlich wusste jeder, der bis drei zählen konnte, dass man Erzählerstimme und Autor nicht in eins setzen durfte – aber manchmal wurde es einem doch unheimlich, weil der Autor Kracht in seiner Selbstinszenierung als exzentrischer Dandy so wenig dafür tat, sich von seinen Helden abzusetzen.

2012 erschien dann sein Roman Imperium. Darin erzählte Kracht von August Engelhardt, "Bartträger, Vegetarier, Nudist", der am Anfang des 20. Jahrhunderts in die Südsee aufbricht, um dort eine Kolonie zu gründen, die sich nur von Kokosnüssen ernährt. Der Vegetarismus soll vom Schmutz der Welt erlösen. Imperium ist ein meisterlich gebauter Roman, der den romantischen Naturwahn als eine der ideengeschichtlichen Quellen des Nationalsozialismus begreifbar macht. Nachdem der Roman erschienen war, in fast allen Zeitungen in den höchsten Tönen gerühmt, erklärte der Rezensent des Spiegels Christian Kracht zum "Türsteher der rechten Gedanken", indem er alle rassistischen Äußerungen Engelhardts seinem Erfinder anlastete.

Christian Kracht ist ein genialischer Selbstmystifikator, der die hohe Kunst der Zweideutigkeit beherrscht, der selber für Schüchternheit erklärt, was andere für Arroganz halten, der Posen so effektvoll und provokant einzusetzen weiß, dass er seine Gegner schlafwandlerisch zur Weißglut bringt, ein Autor, der die Ironie verabschiedet, aber die Geste selbst hat noch etwas Ironisches, und bei dem Ernst und Parodie nie ganz klar voneinander zu unterscheiden sind. Er scheint es zu genießen, unausdeutbar zu bleiben. Wie gerne hätte die literarisch interessierte Öffentlichkeit in den vergangenen zwanzig Jahren das Folterverbot nur einmal, ein einziges Mal aufgehoben, um ihn zum Sprechen zu bringen, um zu erfahren, wie finster seine Seele wirklich ist. Aber alles, was Christian Kracht jenseits seiner Werke verlauten ließ, erhöhte nur die Aura des Rätselhaften.

Doch nun hat dieser Christian Kracht aus freien Stücken geredet. Und zwar im Rahmen der Frankfurter Poetik-Vorlesungen. An drei Abenden. Die Vorträge waren spektakulär. Sie haben niemanden kaltgelassen. Binnen weniger Stunden fanden sich im Netz Testimonials, die ihre Erschütterung bezeugten. Auch eingefleischte Verächter des Schriftstellers beteuerten nun, Kracht wie einem reumütigen Kind eine zweite Chance geben zu wollen.