DIE ZEIT: Frau Roth, wäre Ihr Leben leichter verlaufen, wenn Sie ein Mann gewesen wären?

Claudia Roth: Leichter ja, aber nicht so spannend. Wahrscheinlich wäre ich dann Zahnarzt geworden oder Diplomat, ganz so wie mein Lieblingsonkel. Ich glaube auch, es wäre schwieriger gewesen, einen unorthodoxen Lebensweg zu gehen. Als Frau konnte ich mich austoben und mich gegen die bestehenden Verhältnisse auflehnen. Aber schwieriger war es schon und ist es nach wie vor, besonders in letzter Zeit. Wir erleben gerade einen ziemlichen Backlash.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Roth: Ich sage immer wieder anderen Frauen: Fühlt euch nicht sicher. Was wir für uns erkämpft haben, steht wieder auf dem Spiel. Die Repräsentanz von Frauen im Bundestag ist in dieser Legislaturperiode auf den Stand von 1998 zurückgefallen. Und das wirkt sich auch auf die Debatten aus: Wir sehen es an der Diskussion um den Paragrafen 219 a des Strafgesetzbuches, der das "Werben" für Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt. Da Ärztinnen und Ärzte für sachliche Informationen kriminalisiert werden, ist es Frauen kaum möglich, sich eigenständig darüber zu informieren, wo sie einen Abbruch vornehmen lassen könnten. Hinzu kommt Paragraf 218, der Schwangerschaftsabbrüche als solche bis heute illegalisiert. Das Recht der Frau, selbst über ihren Körper zu bestimmen, wird wieder fundamental infrage gestellt. Vor allem Männer meinen zu wissen, wie Frauen und ihre Körper ticken. Unser Gesundheitsminister beispielsweise sagt einfach so daher, die "Pille danach" sei "kein Smartie". Was da für eine Herabwürdigung von Frauen drinsteckt. Da ist ein neuer Ton in der Debatte, Misogynie ist wieder erlaubt.

ZEIT: Und wie erklären Sie sich das?

Roth: Wir leben in einer Zeit, da wir immer mehr von Demokratie-Verächtern umgeben sind. Trump, Putin, Erdoğan: In deren autoritär-rechtspopulistischen Positionen steckt immer auch eine antifeministische Haltung. Wir haben aber auch im Bundestag mit der AfD eine Partei, die ganz offen antifeministisch ist – und der andere blind hinterherlaufen. Für sie sind das Feindbild Nummer eins der Feminismus und die Grünen. Und ganz vorne auch ich. Hören Sie der AfD zu, dann wissen Sie, warum ich Frauen sage, dass sie sich nicht zu sicher fühlen sollen. "Volkskörper", dieses Wort habe ich zwanzig Jahre nicht mehr gehört. Jetzt ist es wieder da. Und mir werden wieder Fragen gestellt, die ich jahrelang nicht beantworten musste.

ZEIT: Welche sind das zum Beispiel?

Roth: Warum ich nicht Mutter bin. Als ich Ende zwanzig war, Mitte der Achtziger, war es schon fast begründungspflichtig, dass ich kein Kind habe. Dauernd sagte jemand: Jetzt wird’s aber mal Zeit. Dann war jahrelang Ruhe. Es war klar, dass Kinderlosigkeit auch eine Entscheidung sein kann und dass man das nicht dauernd infrage stellen muss. Jetzt stelle ich wieder häufiger fest, dass ich als Frau reduziert werde, dass ich wieder zunehmend gefragt werde: Warum hast du kein Kind?

ZEIT: Wer fragt Sie das?

Roth: Viele, immer wieder. Spontan fällt mir ein älteres Beispiel ein. Günther Beckstein, den ich gut kenne und sehr mag, hat mir in einer Talkshow beim Thema Familie mal sinngemäß vorgehalten: Warum wollen Sie da mitreden? Sie haben ja eigentlich Ihre Rolle gar nicht erfüllt. Sie haben kein Kind.

ZEIT: Wie haben Sie reagiert?

Roth: Das hat mich sprachlos gemacht. Dass da jemand sitzt und denkt, ich sei ein Mängelwesen, weil ich keine Mutter bin. Es ist ätzend, wenn du so hingestellt wirst. Aber ich höre es immer wieder: Diese Merkel, diese Künast, diese Roth, all diese Weiber, die keine Kinder haben ...

ZEIT: Ist das eine Vorhaltung der Gesellschaft an Sie, oder fragen Sie sich manchmal auch, warum das so ist?

Roth: Ich habe mir die Frage natürlich gestellt, ob ich Mutter werden will. Es gab auch damals schon verschiedene Lebensentwürfe. Es gab Alleinerziehende, es gab Mütter, die zu Hause blieben, und andere, die versucht haben, Kind und Beruf zu verbinden. Ich wollte nicht alleinerziehend sein, und ich hatte keinen Mann, mit dem es gepasst hätte. In der Zeit, in der ich darüber nachgedacht habe, war ich im Europaparlament. Ein Kind hätte in dieses Leben nur gepasst, wenn ich eine Vollzeitnanny gehabt hätte. Das wollte ich für mich nicht.

ZEIT: Sie haben sich für die Karriere entschieden?

Roth: Karriere ist ein falsches Wort. Ich wollte etwas gestalten, etwas bewegen, nicht weniger als die Welt verändern. Das will ich immer noch. Ich wollte Einfluss, man könnte auch sagen: Macht. Für viele Menschen ist es komisch, wenn eine Frau diesen Anspruch formuliert. Und es klingt in den Ohren vieler Männer noch schlimmer. 2002 habe ich anlässlich eines Grünen-Parteitags in der taz gesagt: "Ich will Macht." Da sagten sogar Leute aus meinem Büro: "Claudia, ob das so gut ankommt?" Aber wenn Joschka Fischer sich hinstellt und sagt: "Ich will Macht", fragt keiner, ob das gut ankommt. Umgekehrt: Wenn heute eine junge Frau sagt: "Ich will Karriere machen", fragt man sie, wie sie das vereinbaren will. Einen Mann fragt das niemand. Einem kinderlosen Mann unterstellt man im Übrigen auch nicht, er habe seine Funktion als Vater nicht erfüllt.

ZEIT: Hat sich der Verzicht gelohnt?

Roth: Was heißt gelohnt? Ein bisschen Wehmut ist schon dabei. Aber ich habe meine Wünsche, meine Ziele, mein Glück verwirklicht, das ist viel. Manchmal werde ich sentimental und frage mich, ob ich irgendwann mal einsam und allein sein werde. Dann sagt mein Neffe: "Hast du eigentlich alle Tassen im Schrank? Du hast doch uns. Familie ist doch viel mehr als nur Mutterschaft." Meine Familie ist toll und gibt mir Rückhalt. Aber das macht schon was mit einem, wenn man immer wieder nach den Gründen der Kinderlosigkeit gefragt wird, und ich frage mich manchmal: Warum rechtfertige ich das andauernd, warum sage ich eigentlich immer, dass es keine Infrastruktur für Kinderbetreuung gab? Ja, die gab’s nicht. Aber warum muss ich’s dann immer begründen, auch vor mir selbst? Und dann merke ich, man ist eben Teil der Gesellschaft und kann sich von den Ansprüchen nicht freimachen. Deshalb ist es so wichtig, dass die Gesellschaft den Frauen wirkliche Wahlfreiheit gibt und sie nicht moralisch unter Druck setzt. Dass sie selber und frei bestimmen können, wie ihr Leben aussieht. Das wäre mein Ziel für die Zukunft: dass sich Frauen so etwas nicht mehr anhören müssen. Weil es unendlich verletzt.