Ein Schamhaar von Rainer Langhans, dem Altrevoluzzer und Mitbegründer der sexuell befreiten Kommune 1, ist jetzt vergoldet worden und hat in diesem Zustand einen Kunstpreis gewonnen, von symbolischen 1.968 Euro. Das ist doch mal eine gute Nachricht. Langhans (77) hat die Spende auch gut überlebt, sehr im Gegensatz etwa zu den Nashörnern, die in der Regel den Verlust ihres gleichermaßen erotisch konnotierten Hornes nicht überleben. Die Schamhaarvergolder sind ferner nicht als Wilderer aufgetreten, Langhans hat ihnen das Teil freiwillig überlassen, und das bearbeitete Produkt ist nicht auf den asiatischen Markt dubioser Naturheilmittel gelangt. Es ist vielmehr in einer Installation des Kunstvereins Ahlen zu sehen, das heißt weder in Afrika noch in der Nähe von Bangkok, sondern in Nordrhein-Westfalen, ein enormer Zivilisationsfortschritt alles in allem. Beim Prozess der Vergoldung werden im Übrigen Chemikalien eingesetzt, die auch den Desinfektionserfolg sicherstellen. Die Frage ist nur, was die Künstler (sie heißen Evelyn Möcking und Daniel Nehring) von dem Publikum erwarten. Soll es vor dem gülden schimmernden Faden erschauern, vielleicht niederknien und sich erinnern, dass Langhans der Geliebte der seinerzeit legendären Uschi Obermaier war, insofern der Held erotischer Wunschträume einer ganzen Epoche? Zeigt Ahlen so etwas wie die wundertätige Reliquie eines Heiligen der 68er-Bewegung, kann sie Erlösung bewirken, Umkehr und Buße selbst von verstockt prüden Tugendwächtern? Reaktionen anzuregen gilt ja als vornehmstes Ziel moderner Kunst. Mit Nachahmern ist schon jetzt zu rechnen, die ganze Langhaarfrisuren der Zeit zu vergolden versuchen werden. Andere könnten vergilbte Flugblätter in edelsteinbesetzten Schreinen einschließen, die Glasscherben einstmals geworfener Molotowcocktails im Strahlenkranz revolutionärer Monstranzen zeigen, vielleicht auch die eine oder andere Patronenhülse aus Attentaten der RAF in Tabernakeln unterbringen. Kriege könnten entbrennen zwischen Frankfurt und Berlin um den Besitz der Reliquien, es könnte alles so aufregend und heilig werden wie im Mittelalter. Ein Schamhaar genügt, und der Glauben kehrt zurück! Was vor fünfzig Jahren im Zeichen banaler Aufklärung als sexuelle Emanzipation begann, könnte in eine grandiose Wiederverzauberung der Welt münden, und das Größte daran: Sie nähme von Nordrhein-Westfalen ihren Ausgang. Kein Zweifel: Ahlen wird das Rom des dritten Jahrtausends.

FINIS