Stephan Schulmeister ist empört, und das seit bereits vielen Jahren. Unentwegt donnert er in Artikeln, Reden und Fernsehauftritten gegen den Neoliberalismus, gegen entfesselte Finanzmärkte und gegen die Griechenlandpolitik der Europäischen Union. Nun hat der prominente Wiener Ökonom, der bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2012 am Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut arbeitete, seine Thesen in einem umfangreichen Buch zusammengefasst, seinem "Lebensbuch", wie der 70-Jährige sagt: Der Weg zur Prosperität hat er es genannt – und widmet es "den Neoliberalen in allen Parteien, in den Medien und in der Wissenschaft". Das mag auf den ersten Blick ein wenig plump wirken, die 380 Seiten (plus 100 Seiten Anmerkungen) sind es größtenteils nicht.

Der Band ist mehr als ein Wutausbruch. Er ist eine Mischung aus Lehrbuch und Anklageschrift. Für Laien erklärt Schulmeister in den ersten Kapiteln ausführlich die vorherrschenden neoklassischen Wirtschaftstheorien, geizt nicht mit Grafiken und holt zu historischen Exkursen aus – von Adam Smith über die Mont Pelerin Society, die 1947 vom Österreicher Friedrich August von Hayek gegründet wurde und noch heute besteht, bis zur Wirtschaftspolitik der Europäischen Union und ihrer Mitgliedsstaaten.

Vieles davon kennt man aus früheren Texten von Stephan Schulmeister. Seine Grundannahme hat er bereits oft vorgetragen: Der Neoliberalismus, für Schulmeister die größte Gegenaufklärung der Geschichte, dominiert das ökonomische Denken der Eliten und lässt keine Alternativen zu. Ethik und Moral haben in diesem Denksystem keinen Platz, die neoliberalen "Therapien" für Krankheiten, die das System selbst verursacht hat, verschlimmern die Symptome jedoch nur und führen zu Arbeitslosigkeit, prekärer Beschäftigung, sozialer Unsicherheit und Armut.

Man merkt Schulmeister seinen Zorn an. Wenn er etwa darüber schreibt, dass in Spanien die Transferleistungen stagnierten, die Zahl der Arbeitslosen sich aber verdoppelte – und damit Sozialleistungen radikal gekürzt wurden –, wettert er gleich darauf über den "Irr-Sinn" des "Luftschloss-Denkens" abgehobener Mainstream-Ökonomen. Die hätten keine Vorstellung von der Lage jener Menschen, "die sie mit ihren Berechnungen abschreiben", und seien durch ihr abgeschlossenes Denksystem zu keinen empirischen Analysen fähig.

Die Lösung? Der Finanzkapitalismus müsse überwunden, das europäische Sozialmodell erneuert werden, und Ökonomen müssten ihrer "Marktreligiosität" abschwören. Denn bei keiner anderen Gruppe von Intellektuellen sei der Widerspruch zwischen der "Beschränktheit des Wissens" und der Selbstgewissheit, mit der Theorien und Therapien präsentiert werden, so groß wie bei seinen Kollegen, schreibt Schulmeister. Das Herdenverhalten sei jedoch eine logische Folge – da von der Publikationsliste die Karriere abhängt. Wer allerdings vom Mainstream abweicht, hat schlechtere Karten, seine wissenschaftlichen Artikel unterzubringen.

Nicht alles, was Stephan Schulmeister schreibt, ist neu. Die Einbettung in seine große Erzählung über den Neoliberalismus macht die Lektüre trotzdem lohnenswert. Man muss die Analysen und Schlussfolgerungen nicht teilen, und man muss auch nicht so empört sein wie der Autor. An manchen Stellen tritt der Zorn zu sehr zwischen den Zeilen hervor. Trotzdem: Es lohnt, sich auf die Thesen zumindest einzulassen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Stephan Schulmeister: Der Weg zur Prosperität; Ecowin Verlag, Salzburg/Wien 2018; 480 S., 28,– €