Licht aus, es kann losgehen! Drei, vier Lämpchen funzeln aus dem Stockdunkel ins Publikum, ihr Streulicht umkreist unsere Köpfe, der Vorhang geht in die Höhe, und wir sehen ins tiefe Dunkel. Doch halt, eine Streugarbe von oben markiert in nebligem Weiß zwei Menschen im Gespräch: Wir sind in Spanien, an König Philipps Hof, im Zentrum der Macht und der Ängste, wo Verschwörer huschen und alle voreinander kuschen, wo keiner weiß, wer liebt, wer hasst, und wo verräterische Briefchen kursieren, verwechselt oder gestohlen werden, als Beweis der Untreue oder der Treue, gleichviel – auf jeden Fall des Misstrauens.

Schiller selbst war mit einigem Recht unzufrieden, kürzte es immer wieder, ja, er verabscheute sein Drama und hat uns endlich ein durchaus spannendes, wenngleich verwirrt-verwirrendes Werk hinterlassen, wo so recht niemand weiß, was da wer wie gewollt und fehlgeplant hat. Aber das ist in Chandlers The Big Sleep nicht anders, und dennoch ist Howard Hawks Verfilmung ein Meisterwerk der Black Series (oder des Film noir).

Du hast zwei Möglichkeiten: Erhelle das Undeutliche – oder verdunkle es. Lass den Karlos zwischen gläsernen Wänden und stets offenen Türen im vollen Licht spielen (wie Andrea Breth vor 14 Jahren am Burgtheater, wo Kušej bald Direktor sein wird), oder versenke ihn in Schwärze und Ortlosigkeit – wie Kušej in München. Seine Bühnenbildnerin Annette Murschetz schlug den gesamten Bühnenraum tiefschwarz aus, unentrinnbar, fürs Auge unbegrenzt; bisweilen senkt sich von oben her ein gewaltiges Lichtglitzerding wie eine Swarovski-Brosche über die Bühnengruft, und bei "intimen" Szenen schwang schon mal ein Wandflügel über den Boden und entbarg einen Riesenraum, ausgestaltet mit nachtblauen "Eierkartons", wie man sie für schalltote Räume nutzt. Hier freilich waren die Kartonböden gefährlich gespitzt und wieder nur von oben fahl erhellt. Dann klappt die Raumschatulle zu, das Dunkel hat uns wieder, und elektronisches Sirren und Pochen, Dröhnen und Rauschen schiebt sich zwischen und vor die Dialoge.

Und dann war da noch, versenkt im Boden, ein Wasserbecken, in das gleich anfangs, wie im Vorbeigehen, ein paar halb nackte Delinquenten hineingestoßen wurden. Viel später – das sollte wohl an die Gruben in Litauen zur Nazi-Zeit erinnern – kippte man nochmals vier hinein und streute was drüber, bevor eine Feuerlohe die Untat auslöscht. Auch die Gräfin Eboli (vorzüglich in weidwundem Kummer: Meike Droste) wird sich in den Pool platschend entleiben. Und ganz am Ende fällt noch Karlos rein, bald nachdem der Großinquisitor aus dem Untergrund emporgekrochen kam, der bärenstark wütende Manfred Zapatka, schwarz gekleidet wie alle im Stück, Männer wie Frauen, schwarz im schwarzen Raum, sodass mitunter nur Nasenspitzen, Unterarme, Stirnen zu erkennen sind. Vermutlich um der drückenden Düsternis kurze Lichtblicke entgegenzusetzen, entledigen sich hin und wieder Männer ihrer Hemden, sitzen dann in schwarzen Unterhosen rum, von Schlaglichtern gestreift. Vor fünf Monaten erst hatten wir eine sehr ähnlich gebaute Inszenierung im gleichen Haus, Shakespeares Richard III. unter Thalheimers Regie: alles nachtdunkel unter wummernden Geräuschsalven; nur bisweilen blitzten knallrote Säcke zum Erwürgen durch die Schwärze. Das muss Kušej sehr gefallen haben. Und einen Vorzug hat diese Methode zweifellos: Wo kaum etwas zu sehen ist, lechzen die Ohren nach Information.

Das Resi hat vorzügliche, ja fantastische Sprecher: Nils Strunk (Karlos), Franz Pätzold (Posa) und Thomas Loibl als gequält herrschender Philipp – glasklar und sehr klug durchlebte, nur wegen der dusseligen Akustik oft schwer zu verstehende Sprache! Doch Sire, geben Sie mehr Spielfreiheit, mehr Licht! Über vier Stunden nur nebliges Lichtgeriesel, verworrenes Briefewechseln und Geraune, ein paar Tote und die Frage, wozu das alles – wozu?