Karen M. fällt es nicht leicht, zu erzählen, was sowjetische Soldaten ihrer Familie im Mai 1945 angetan haben. "Als die Russen kamen, flüchtete meine Mutter mit einer anderen Frau in einen Stall. So entrann sie zunächst den marodierenden Soldaten." Die 72-Jährige klammert sich an die Armlehne ihres Stuhls: "Dann wurde meine Mutter krank und musste das Bett hüten. Die Russen kamen wieder, entdeckten sie und nahmen sie mit. Neun Monate später kam ich auf die Welt."

Als 14-Jährige erfuhr Karen M. von einer Freundin, dass ihr Vater nicht ihr Erzeuger ist. Doch schon als kleines Kind spürte sie, dass etwas nicht stimmte. "Ich hatte dauernd Angst, dass meine Eltern verschwinden, und fürchtete mich sehr vor einem plötzlichen Tod. Ich hatte ständig Vorstellungen, jemand würde mir etwas antun. Mit der Nachricht von der Vergewaltigung meiner Mutter endete meine Kindheit auf einen Schlag."

Sprechen konnte Karen M. über den Schrecken, der bei Kriegsende über so viele Frauen hereinbrach, auch danach nicht wirklich. Bei Familie M. waren die Geschehnisse vom Mai 1945 tabuisiert, und draußen im DDR-Kosmos durfte der sowjetische Verbündete nicht kritisiert werden.

Mehr als 70 Jahre nach dem 8. Mai 1945 hat es sich weithin durchgesetzt, das Kriegsende als Tag der Befreiung zu feiern. Dass er für viele auch ein Tag der Angst und der Gewalt war, hat längst im alljährlichen Gedenken Platz gefunden. Im 12.000 Einwohner zählenden Demmin, der vorpommerschen Hansestadt an der Peene, in deren Nähe Karen M. bis heute lebt, ist das anders.

Das hat mit Schicksalen wie dem ihren zu tun – aber die gab es zehntausendfach und nicht nur im Osten Deutschlands. Was Demmin unterscheidet, ist etwas anderes: Kaum irgendwo nahmen sich in den Wochen des Kriegsendes so viele Menschen das Leben wie hier. Anfang Mai 1945, nachdem die Wehrmacht alle Brücken gesprengt und die Bewohner von Demmin und den umliegenden Dörfern sich selbst und der Roten Armee überlassen hatte, entschieden sich hier zwischen 700 und 1.000 Menschen, mehrheitlich Frauen, für den Freitod.

Viele taten dies aus Angst vor den sowjetischen Truppen, aus Angst, vergewaltigt zu werden. Etliche Demminerinnen stürzten sich in die Peene oder schnitten sich mit Rasierklingen die Pulsadern auf. Doch das allein erklärt noch nicht, warum die Suizidrate hier so hoch war: Schließlich grassierte, wie der Historiker Christian Goeschel 2011 in seinem Buch Selbstmord im Dritten Reich gezeigt hat, im gesamten Reich eine wahre Selbstmord-Epidemie. Und längst nicht nur Deutsche, die sich vor der Rache der Alliierten fürchteten oder bis zuletzt ihrem "Führer" folgten, brachten sich um, auch Verfolgte, die Angst vor der bis zum Ende ungebremsten rassistischen Gewalt hatten.

Die Zahlen sind immens. Im April 1945 nahmen sich im zerbombten Berlin 3881 Menschen das Leben, mehr als hundert jeden Tag. Besonders viele Suizide gab es im Osten des Reiches. Kaum irgendwo aber gingen so viele Menschen freiwillig in den Tod wie in Demmin – gemessen an der Bevölkerungszahl von damals 15.000.

Zu tun hatte dies wohl auch damit, dass das Regime hier eine starke Anhängerschaft hatte. Bereits 1933 hatte es die NSDAP in Demmin auf 53,7 Prozent der Stimmen gebracht – das waren zehn Prozent mehr als im Reichsdurchschnitt. Einige Demminer überboten sich danach mit antisemitischer Hetze und "Führer"-Huldigungen. Die Kriegs- und Gräuelpropaganda fiel bis zum Ende auf fruchtbaren Boden. Als "der Russe" vor der Tür stand und das Regime kollabierte, verloren daher nicht wenige jeglichen Lebenssinn. In seinem 2015 erschienenen Buch Kind, versprich mir, dass du dich erschießt. Der Untergang der kleinen Leute 1945 beschreibt der Filmemacher Florian Huber, wie in den ersten Maitagen ein geradezu hysterischer, kollektiver "Todesdrang" die Demminer ergriff. Etliche hatten vorgesorgt und lagerten Gift zu Hause, sodass die Kinder nicht zu sehr leiden mussten. Familie Goebbels hatte wenige Tage zuvor demonstriert, wie es geht. Lieber sterben als auf das "Tausendjährige Reich" verzichten!

Wenn man Demmin heute besucht, fallen die vielen NPD-Sticker auf, die an Laternen, Verkehrsschildern und Fassaden verlassener Gebäude kleben. Manche wurden abgeknibbelt. Manche sind mit Stickern der Antifa, der Partei Die Linke oder der Grünen überklebt. Im Herbst 2017 wählte hier jeder Vierte AfD.