Unsere Meinung zählt. Auf einmal werden wir als Internetnutzer tagein, tagaus um Zustimmung gebeten. Ob wir einen Newsletter beziehen oder online einkaufen: Digitale Anbieter bitten uns, einzuwilligen, wie sie mit unseren Daten umgehen.

Pragmatische Nutzer misten aus und verweigern einfach denjenigen, von denen sie nicht mehr behelligt werden wollen, die Antwort. Andere fühlen sich von den Anfragen überfordert. Viele aber wissen gar nicht, dass dahinter eine echte europäische Innovationsleistung steht: die Datenschutz-Grundverordnung, kurz DSGVO.

Seit zwei Jahren steht das neue Recht mit dem uncoolen Namen, ab diesem Freitag gilt es. Was die Europäer so schlecht verkaufen, ist der Grund, warum die Großen des Silicon Valley erstmals gebannt auf die Alte Welt schauen. Sie können vielleicht Algorithmen, aber Europa kann Datenschutz.

Weil die hiesige Politik die epochale Chance, eine Art Weltstandard für den Umgang mit persönlichen Daten zu setzen, kaum kommuniziert hat, ist die Unsicherheit jetzt groß. Bei Verbrauchern, die überall zustimmen sollen. Bei Kleinunternehmen, die einen Riesenaufwand treiben müssen, um ihren Kunden all diese Fragen zu stellen. Und sogar bei Juristen, weil die Verordnung in den kommenden Jahren überhaupt erst mit Leben gefüllt werden muss.

Es ist eben nicht einfach, die wild gewachsene Datenwelt zu kultivieren. Künftig muss der Kunde einwilligen, wenn Informationen über ihn als Person erhoben oder gar an Dritte weitergegeben werden. Anbieter müssen ihm auf Wunsch offenlegen, was sie über ihn wissen – und alles löschen, wenn er das wünscht. Und falls er die Daten zu einem anderen Anbieter mitnehmen will, etwa von einem Online-Shop zum nächsten, dann soll er sie als Paket mit auf den Weg kriegen.

All das kann eine fairere Datenwelt schaffen, und dafür wird es Zeit. Die digitale Wirtschaft durchdringt längst weite Teile des Lebens. Daten sind das neue Öl, der Treibstoff für immerfort hinzulernende Algorithmen. Und geschaffen werden sie von uns allen, wenn wir online etwas suchen, kaufen, uns mit anderen austauschen oder einfach nur Bilder und Videos anschauen.

Die Menschen sollten daher auch die souveränen Verwerter ihrer Daten sein – oder besser: werden! Heute herrscht im Internet oft das Recht des Stärkeren, und stark sind vor allem Digitalkonzerne, die mithilfe von Nutzerdaten zu den wertvollsten Unternehmen der Menschheitsgeschichte geworden sind.

Um eine echte Balance herzustellen, ist das neue europäische Recht ein Anfang. Schnell soll eine Verordnung zum Schutz der Privatsphäre folgen. Aber dann müsste es weitergehen mit einem neuen "Daten-Deal". Immer noch können die Internetfirmen ihren Nutzern sagen: Entweder ihr willigt ein, oder ihr erhaltet keinen guten Service mehr. Das ändert sich erst, wenn die Menschen ihre Daten in einen eigenen Tresor legen und ohne Umstand bestimmen können, wer diese Daten wofür und bei welcher Gegenleistung benutzen darf. Solche digitalen Tresore kann nicht jeder allein bauen, das geht nur gemeinschaftlich, und die Politik muss helfen.

Die Balance muss auch zwischen den Googles dieser Welt und kleineren Firmen stimmen. Gerade liegen Medienhäuser mit dem Suchkonzern über Kreuz. Das im Online-Werbegeschäft so mächtige Google legt das EU-Recht strenger aus als sie selbst und schreibt de facto vor, dass und wie sie bei ihren Nutzern die Zustimmung für Online-Anzeigen einholen. Dadurch, so eine Sorge, die auch im Zeitverlag zu hören ist, könnte der Riese am Ende auf dem Werbemarkt noch dominanter werden. Für diesen Donnerstag hat Google zum Gespräch eingeladen.

Man sieht daran: Der Weg zu einem neuen Daten-Deal ist weit. Aber erst wenn die Menschen in der zweiten, der digitalen Welt zu souveränen Datenbürgern werden, haben sie auch in der ersten, realen Welt wieder mehr Kontrolle über ihr wirtschaftliches Schicksal. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit Mark Zuckerberg so wichtig. Zum Glück setzten EU-Abgeordnete durch, dass die – am Ende streitbare – Fragerunde mit dem Facebook-Gründer öffentlich geführt wurde. Die Bürger sollen teilnehmen am Ringen um ihre digitale Zukunft. Und die Politik muss aufhören, so zu tun, als ginge es nur um Paragrafen. Es geht um eine der großen gesellschaftlichen Aufgaben unserer Zeit.

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