Es gibt Geschichten, die auch nach ihrem Ende weitergehen. Wenn das Publikum sich abgewandt hat, schreiben sie sich fort, unbeachtet und unerbittlich. So wie diese, in der Yussif O. zwei Tage und zwei Nächte nach seiner Abschiebung aus Deutschland obdachlos im Menschengewühl des Hauptbahnhofs von Rom steht und sagt: "Maybe God didn’t want me to travel." Vielleicht also hat Gott nie gewollt, dass er sich überhaupt auf den Weg macht.

In Italien bricht an diesem Morgen ein wunderschöner Tag an, Sonne, leichter Wind. Vor der Stazione Termini hupen die Taxis, sammeln sich Schulklassen, hasten Anzugträger zur Arbeit, sortiert sich die Stadt. Inmitten all der Alltäglichkeiten verharrt Yussif O., 23, und riecht nach Schweiß und Angst.

Er ist jener abgelehnte Asylbewerber, der am 30. April aus seiner Unterkunft im schwäbischen Ellwangen abgeholt und nach Italien abgeschoben werden sollte, was damals misslang, weil Mitbewohner die Polizei vertrieben. Der Fall traf ein politisch aufgerautes Land, im Frühjahr 2018 seiner Milde gegenüber Migranten in etwa so müde, wie es kurz zuvor noch von derselben Milde begeistert war. Politiker sprachen von einer "Kapitulation des Rechtsstaats", von einem "Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung", sie forderten, Flüchtlingen die Mittel zu kürzen und Staaten, die Abschiebungen blockieren, die Entwicklungshilfe zu streichen. Der Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, Alexander Dobrindt, nannte Anwälte, die Menschen wie O. vertreten, Teil einer "Anti-Abschiebe-Industrie". Und Yussif O. selbst wurde zum bekanntesten Unbekannten des Landes, sein Name eine Chiffre für Undankbarkeit und Unverfrorenheit. Ein Staatsfeind, der auf Staatskosten lebte.

Nun ist er ein Niemand.

Der Weg des Yussif O.

Deutschland erreichte der Asylbewerber über Italien (blaue Linie), dorthin wurde er jetzt wieder abgeschoben (rote Linie).

© ZEIT-Grafik

An diesem Vormittag in Rom liegt der Augenblick, in dem Yussif O. aus der Wahrnehmung der Deutschen verschwand, gerade einmal 48 Stunden zurück. O. trägt noch immer dieselbe Jeans, dasselbe T-Shirt und dasselbe Paar Socken wie am Morgen des 15. Mai, als um 9.19 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen die Triebwerke eines Alitalia-Jets aufheulten und er vom Schub des Flugzeugs in Sitz 26F gepresst wurde, umringt von fünf Bundespolizisten. Die Maschine, Flug AZ 413 nach Mailand-Linate, hatte weit draußen auf dem Vorfeld gestanden, noch im Zubringerbus hatten einige Passagiere einen Anruf erhalten: Sie seien in vordere Reihen umgebucht worden. So saßen O. und seine Bewacher allein im Flugzeugheck, bis beim Erlöschen der Anschnallzeichen zwei Reporter der Bild-Zeitung aus ihren Sesseln sprangen, sich umdrehten und ihn über die leeren Sitzreihen hinweg fotografierten und filmten. O., wütend und heiser, rief: "What’s your problem?! Look in front!" Der Fotograf tat, als hörte er ihn nicht, und raunte seinem schreibenden Kollegen zu: "Ich hab ihn! Das war’s." Vorn zerrte eine Stewardess den Vorhang zur Businessclass zu, hinten zog sich O. eine rote Mütze tief ins Gesicht und blickte fortan starr wie eine Statue aus dem Fenster. Bald zogen unter ihm die Alpen vorbei, aus dem Bergweiß ragte das Matterhorn – unwahrscheinlich, dass O. mit der Silhouette irgendetwas verband. Unklar auch, ob er verstand, dass die Polizisten um ihn herum sich über bevorstehende Urlaube unterhielten, über Dubrovnik, Kroatien, "Inseln, megageil: schön ruhig und sauber".

Eine knappe Stunde nach dem Start setzte das Flugzeug in Mailand auf, die Passagiere griffen nach Taschen und Koffern, nur die Abordnung in den hintersten Reihen wartete noch eine Weile. Um 10.41 Uhr dann wurde Yussif O. an Gate A21 drei italienischen Polizisten übergeben. Durch eine Tür in der gläsernen Passagierbrücke führten sie ihn eine Treppe hinab aufs Rollfeld und drückten ihn dort in einen taubenblauen Fiat. Kaum war der Wagen davongefahren, da meldeten die ersten Nachrichten-Websites in Deutschland: "Togoer nach Italien abgeschoben", "Togolese Yussif O. abgeschoben!", "Togolese von Ellwangen abgeschoben". Baden-Württembergs Innenministerium twitterte: "Erfolgreiche Rückführung des 23-jährigen Togolesen, der in #Ellwangen festgenommen wurde. Min. #Strobl: Wir haben in Baden-Württemberg einen funktionierenden #Rechtsstaat."

Ein Tweet, drei Hashtags, Ende der Geschichte.

Nur nicht für Yussif O.

Mit seiner Zustimmung, die stets von seinem Zorn bedroht war, ist die ZEIT Yussif O. nach der Abschiebung weiter gefolgt. Die gemeinsame Reise war eine Hatz durch überfüllte Bahnhöfe und nachtleere Städte, war ein Dämmern und Tagträumen in Zug und Bus, war ein Wechsel aus Reden und Schweigen, ein Ringen um so etwas wie Wahrheit. Es sollte sich herausstellen, dass Yussif O. in Ellwangen nicht der Täter war, für den viele Deutsche ihn halten – aber auch nicht nur das Opfer eines kaltherzigen Landes, das andere in ihm sehen wollen. Sondern ein Mensch, der so, wie er ist, nicht in die Welt passt, so wie die ist.

Das klingt banal. Doch einen größeren Dissens kann es nicht geben.

Auf dem Mailänder Flughafen, am Morgen des 15. Mai, fahren die italienischen Polizisten Yussif O. in ihrem Wagen nur um einige Ecken, dann führen sie ihn zurück in den Terminal. Durch endlose Flure, über versteckte Treppen gelangt er hinauf in den zweiten Stock, in ein Vernehmungszimmer der Polizia di Frontiera, der Grenzpolizei. Yussif O. ist erschöpft, seine Augen sind blutunterlaufen. Hinter einer Milchglastür werden ihm Fingerabdrücke abgenommen, schnell finden die Beamten eine Übereinstimmung: O., YUSSIF – geb. am 9. Januar 1995 in Tchamba, Togo, nach eigenen Angaben ghanaischer Staatsbürger, allerdings ohne Papiere. Am 9. Mai 2015 auf dem Seeweg nach Italien eingereist, registriert auf Lampedusa, zwei Tage später nach Sizilien und dann in ein Aufnahmelager in der Region Mailand überführt.

Drei Jahre nachdem er zum ersten Mal nach Italien kam, hört Yussif O. von den Polizisten wieder ein Wort, das ihm damals nichts sagte, aber sein Schicksal entschied: Dublino. Nach der Dublin-Verordnung ist der EU-Staat, in dem ein Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, für das Verfahren zuständig. Zwei Jahre blieb O. in Italien, nach seiner Beschreibung in einem tristen, eingezäunten Lager irgendwo zwischen Mailand und Monza. Nichts tat sich, also wurde Yussif O. tätig. Er setzte sich in einen Zug nach Norden. Am 11. August 2017 reiste er nach Deutschland ein. Sein Asylantrag dort wurde nur einen Monat später als "unzulässig" abgelehnt. Dublino.

Jetzt, unmittelbar nach O.s Abschiebung zurück in ein Land, das er am Ende unerträglich fand, kommt es auf der Wache der Grenzpolizei auf dem Flughafen Mailand-Linate allem Anschein nach zu einer verblüffenden Verbrüderung: Die Beamten dort mögen das Wort Dublino ebenso wenig wie Yussif O. Deutschlands glückliche geografische Lage ist ihr Pech. Zwei Stunden lang füllen sie Formulare aus und schreiben Protokolle, dann tritt die Leiterin des Polizeibüros durch die Milchglastür und berichtet, Yussif O. habe etwas Erstaunliches getan: "Er hat darauf verzichtet, sein Asylverfahren in Italien wiederaufzunehmen. Er will unbedingt zurück nach Afrika!"