Es gibt Geschichten, die auch nach ihrem Ende weitergehen. Wenn das Publikum sich abgewandt hat, schreiben sie sich fort, unbeachtet und unerbittlich. So wie diese, in der Yussif O. zwei Tage und zwei Nächte nach seiner Abschiebung aus Deutschland obdachlos im Menschengewühl des Hauptbahnhofs von Rom steht und sagt: "Maybe God didn’t want me to travel." Vielleicht also hat Gott nie gewollt, dass er sich überhaupt auf den Weg macht.

In Italien bricht an diesem Morgen ein wunderschöner Tag an, Sonne, leichter Wind. Vor der Stazione Termini hupen die Taxis, sammeln sich Schulklassen, hasten Anzugträger zur Arbeit, sortiert sich die Stadt. Inmitten all der Alltäglichkeiten verharrt Yussif O., 23, und riecht nach Schweiß und Angst.

Er ist jener abgelehnte Asylbewerber, der am 30. April aus seiner Unterkunft im schwäbischen Ellwangen abgeholt und nach Italien abgeschoben werden sollte, was damals misslang, weil Mitbewohner die Polizei vertrieben. Der Fall traf ein politisch aufgerautes Land, im Frühjahr 2018 seiner Milde gegenüber Migranten in etwa so müde, wie es kurz zuvor noch von derselben Milde begeistert war. Politiker sprachen von einer "Kapitulation des Rechtsstaats", von einem "Schlag ins Gesicht der rechtstreuen Bevölkerung", sie forderten, Flüchtlingen die Mittel zu kürzen und Staaten, die Abschiebungen blockieren, die Entwicklungshilfe zu streichen. Der Landesgruppenchef der CSU im Bundestag, Alexander Dobrindt, nannte Anwälte, die Menschen wie O. vertreten, Teil einer "Anti-Abschiebe-Industrie". Und Yussif O. selbst wurde zum bekanntesten Unbekannten des Landes, sein Name eine Chiffre für Undankbarkeit und Unverfrorenheit. Ein Staatsfeind, der auf Staatskosten lebte.

Nun ist er ein Niemand.

Der Weg des Yussif O.

Deutschland erreichte der Asylbewerber über Italien (blaue Linie), dorthin wurde er jetzt wieder abgeschoben (rote Linie).

© ZEIT-Grafik

An diesem Vormittag in Rom liegt der Augenblick, in dem Yussif O. aus der Wahrnehmung der Deutschen verschwand, gerade einmal 48 Stunden zurück. O. trägt noch immer dieselbe Jeans, dasselbe T-Shirt und dasselbe Paar Socken wie am Morgen des 15. Mai, als um 9.19 Uhr auf dem Frankfurter Flughafen die Triebwerke eines Alitalia-Jets aufheulten und er vom Schub des Flugzeugs in Sitz 26F gepresst wurde, umringt von fünf Bundespolizisten. Die Maschine, Flug AZ 413 nach Mailand-Linate, hatte weit draußen auf dem Vorfeld gestanden, noch im Zubringerbus hatten einige Passagiere einen Anruf erhalten: Sie seien in vordere Reihen umgebucht worden. So saßen O. und seine Bewacher allein im Flugzeugheck, bis beim Erlöschen der Anschnallzeichen zwei Reporter der Bild-Zeitung aus ihren Sesseln sprangen, sich umdrehten und ihn über die leeren Sitzreihen hinweg fotografierten und filmten. O., wütend und heiser, rief: "What’s your problem?! Look in front!" Der Fotograf tat, als hörte er ihn nicht, und raunte seinem schreibenden Kollegen zu: "Ich hab ihn! Das war’s." Vorn zerrte eine Stewardess den Vorhang zur Businessclass zu, hinten zog sich O. eine rote Mütze tief ins Gesicht und blickte fortan starr wie eine Statue aus dem Fenster. Bald zogen unter ihm die Alpen vorbei, aus dem Bergweiß ragte das Matterhorn – unwahrscheinlich, dass O. mit der Silhouette irgendetwas verband. Unklar auch, ob er verstand, dass die Polizisten um ihn herum sich über bevorstehende Urlaube unterhielten, über Dubrovnik, Kroatien, "Inseln, megageil: schön ruhig und sauber".

Eine knappe Stunde nach dem Start setzte das Flugzeug in Mailand auf, die Passagiere griffen nach Taschen und Koffern, nur die Abordnung in den hintersten Reihen wartete noch eine Weile. Um 10.41 Uhr dann wurde Yussif O. an Gate A21 drei italienischen Polizisten übergeben. Durch eine Tür in der gläsernen Passagierbrücke führten sie ihn eine Treppe hinab aufs Rollfeld und drückten ihn dort in einen taubenblauen Fiat. Kaum war der Wagen davongefahren, da meldeten die ersten Nachrichten-Websites in Deutschland: "Togoer nach Italien abgeschoben", "Togolese Yussif O. abgeschoben!", "Togolese von Ellwangen abgeschoben". Baden-Württembergs Innenministerium twitterte: "Erfolgreiche Rückführung des 23-jährigen Togolesen, der in #Ellwangen festgenommen wurde. Min. #Strobl: Wir haben in Baden-Württemberg einen funktionierenden #Rechtsstaat."

Ein Tweet, drei Hashtags, Ende der Geschichte.

Nur nicht für Yussif O.

Mit seiner Zustimmung, die stets von seinem Zorn bedroht war, ist die ZEIT Yussif O. nach der Abschiebung weiter gefolgt. Die gemeinsame Reise war eine Hatz durch überfüllte Bahnhöfe und nachtleere Städte, war ein Dämmern und Tagträumen in Zug und Bus, war ein Wechsel aus Reden und Schweigen, ein Ringen um so etwas wie Wahrheit. Es sollte sich herausstellen, dass Yussif O. in Ellwangen nicht der Täter war, für den viele Deutsche ihn halten – aber auch nicht nur das Opfer eines kaltherzigen Landes, das andere in ihm sehen wollen. Sondern ein Mensch, der so, wie er ist, nicht in die Welt passt, so wie die ist.

Das klingt banal. Doch einen größeren Dissens kann es nicht geben.

Auf dem Mailänder Flughafen, am Morgen des 15. Mai, fahren die italienischen Polizisten Yussif O. in ihrem Wagen nur um einige Ecken, dann führen sie ihn zurück in den Terminal. Durch endlose Flure, über versteckte Treppen gelangt er hinauf in den zweiten Stock, in ein Vernehmungszimmer der Polizia di Frontiera, der Grenzpolizei. Yussif O. ist erschöpft, seine Augen sind blutunterlaufen. Hinter einer Milchglastür werden ihm Fingerabdrücke abgenommen, schnell finden die Beamten eine Übereinstimmung: O., YUSSIF – geb. am 9. Januar 1995 in Tchamba, Togo, nach eigenen Angaben ghanaischer Staatsbürger, allerdings ohne Papiere. Am 9. Mai 2015 auf dem Seeweg nach Italien eingereist, registriert auf Lampedusa, zwei Tage später nach Sizilien und dann in ein Aufnahmelager in der Region Mailand überführt.

Drei Jahre nachdem er zum ersten Mal nach Italien kam, hört Yussif O. von den Polizisten wieder ein Wort, das ihm damals nichts sagte, aber sein Schicksal entschied: Dublino. Nach der Dublin-Verordnung ist der EU-Staat, in dem ein Asylbewerber nachweislich zuerst eingereist ist, für das Verfahren zuständig. Zwei Jahre blieb O. in Italien, nach seiner Beschreibung in einem tristen, eingezäunten Lager irgendwo zwischen Mailand und Monza. Nichts tat sich, also wurde Yussif O. tätig. Er setzte sich in einen Zug nach Norden. Am 11. August 2017 reiste er nach Deutschland ein. Sein Asylantrag dort wurde nur einen Monat später als "unzulässig" abgelehnt. Dublino.

Jetzt, unmittelbar nach O.s Abschiebung zurück in ein Land, das er am Ende unerträglich fand, kommt es auf der Wache der Grenzpolizei auf dem Flughafen Mailand-Linate allem Anschein nach zu einer verblüffenden Verbrüderung: Die Beamten dort mögen das Wort Dublino ebenso wenig wie Yussif O. Deutschlands glückliche geografische Lage ist ihr Pech. Zwei Stunden lang füllen sie Formulare aus und schreiben Protokolle, dann tritt die Leiterin des Polizeibüros durch die Milchglastür und berichtet, Yussif O. habe etwas Erstaunliches getan: "Er hat darauf verzichtet, sein Asylverfahren in Italien wiederaufzunehmen. Er will unbedingt zurück nach Afrika!"

Sein Leben um drei Jahre zurückspulen?

Der Mann, der sich in Deutschland noch einer Abschiebung entzog, behauptet in Italien, er wünsche sich sehnlichst zurück nach Afrika? Bittet darum, seine Flucht komplett rückgängig zu machen, sein Leben um drei Jahre zurückzuspulen? Kann das sein? Yussif O. wird später sagen, diesen Wunsch habe er schon in Deutschland geäußert, nur habe ihm niemand zugehört.

Für die Behörden ist eine neue Lage entstanden. Der Togoer O., der womöglich ein Ghanaer ist, wird nicht in irgendeine Unterkunft am Stadtrand gefahren. Stattdessen nimmt ein weiterer Polizeiwagen ihn mit in Mailands Innenstadt, bringt ihn in die Questura, das ornamentbeladene Hauptquartier der Polizei. Unterwegs, aus dem Auto heraus, sieht Yussif O. sicher das schöne Italien, die Espressobars, die Hotels, vielleicht die Boutiquen von Armani und Ermenegildo Zegna, Frauen auf Motorrollern, Manager auf Mittagspausenexkursion. In der Via Montebello fährt der Wagen durch ein Tor mit der Aufschrift "Ufficio Immigrazione" und taucht ins Parkhaus der Questura ein. Als Yussif O. zum zweiten Mal an diesem Tag auf einer Polizeiwache verschwindet, verlangsamt sich auf den deutschen Nachrichtenseiten schon der Takt, in dem die Leser die Meldungen von seiner Abschiebung kommentieren:

"Goooooood byyyyyyeeeeee! Endlich raus!"

"Wann wir ihn wohl wieder in unserem Sozialsystem begrüßen dürfen?"

"Die werden dem Typen ein Fünf-Sterne-Hotel in Italien bezahlen, damit er nicht sofort wieder einreist."

In Mailand wird es Nachmittag, wird es Abend, ein paar Straßen vom Hauptquartier der Polizei entfernt schließt der Dom, beginnt in der Scala eine Aufführung der Aida, fällt Dunkelheit auf die Stadt. Einmal ruft Yussif O. an und meldet: "I’m still with the police." Kurz vor Mitternacht steht er dann plötzlich auf der Straße, mit einem Zettel, den er am nächsten Morgen bei der Bahnhofspolizei vorzeigen soll: Dann werde er ein Zugticket nach Rom bekommen, dort könne er sich in der ghanaischen Botschaft einen neuen Pass besorgen – und einem Rückflug stehe nichts im Wege. So hat Yussif O. es verstanden.

In der Hand hält O. außerdem fünf Bögen eng bedrucktes Papier mit der Vorgangsnummer 15732/2018. Er glaubt, diese Blätter sind die Lösung. Doch sie sind ein Problem: Er habe gegenüber der Polizei mit sofortiger Wirkung auf seinen internationalen Schutzstatus als Flüchtling verzichtet, steht da auf Italienisch und Englisch. Er halte sich nun illegal im Land auf und müsse Italien innerhalb von 30 Tagen verlassen. Anspruch auf Unterkunft oder finanzielle Hilfe besteht nicht mehr.

"But what about the flight?", fragt Yussif O. Was ist mit dem Flug? Wer bezahlt ihn? Wer kauft das Ticket?

Davon steht nichts in den Papieren.

In den folgenden Stunden läuft Yussif O. ziellos durch die Stadt. Er knetet seine Hände, bis alle Finger knacken, windet seinen Hals, bis die Wirbel knirschen, dreht sich eine Zigarette nach der anderen, um die Ratlosigkeit wegzurauchen.

"Mein Kopf braucht eine Pause"

Meist schweigt er grimmig, dazwischen spuckt er seinen Hass auf den Kontinent aus, von dem er sich so viel versprach. Er zischt Wörter wie "racism" und Vorwürfe wie "white people still want us to suffer", die Weißen wollen uns immer noch leiden sehen. Jeden seiner Sätze beglaubigt er selbst, mit einem gedehnten "Yeeeah!". Sein Reden ist getränkt von Enttäuschung, steigert sich zu Tiraden, fügt sich einmal aber auch zu einer Metapher, so wuchtig, dass man sich fragt, wie viele Gedanken dieses Mannes in den vergangenen Wochen wohl hinter Sprachbarrieren verborgen geblieben sind. Er sagt, ins Deutsche übersetzt: "Europa ist wie ein Buch, das einen schönen Umschlag hat. Aber der Inhalt ernüchtert."

In Ellwangen zum Beispiel, sagt O., habe das Personal eines Supermarktes ihn immer aufgefordert, beim Einkaufen seinen Rucksack draußen vor der Tür abzulegen. Als sei er ein Dieb! Fragt man – wie Reporter das tun – nach dem Namen des Ladens, um die Behauptung überprüfen zu können, bleibt Yussif O. abrupt stehen, dieser große, schwarze Mann, blickt auf einen herab und zischt: "Stop asking! My mind needs to rest." Hör auf zu fragen! Mein Kopf braucht eine Pause.

Yussif O. zeigt Fotos eines Babys, von dem er sagt, es sei seines

Es gibt vermutlich keinen schlechteren Zeitpunkt als diese Nacht in Mailand, um Yussif O. mit Fragen zur Last zu fallen, aber womöglich auch keinen weiteren. Die folgenden Stunden sind ein Kampf um Vertrauen. Ein falsches Wort, und er könnte weg sein. In seiner Verfassung, wegen seiner Schroffheit, ist O. niemand, den man leicht ins Herz schließt. Und genau deshalb berührt er einen.

Als er noch ein Junge war, sagt O. im Dunkel der Stadt, habe seine Mutter ihn aus Togo fortgeschickt, zur Großmutter nach Ghana.

Warum? "Stop asking."

In einem Dorf nahe der Grenze zu Burkina Faso, sagt O., habe er dann eine Koranschule besucht und später Handys repariert.

"Yeeeah."

Mit zwanzig, sagt O., sei er nach Europa aufgebrochen. Er wollte einen der vielen Jobs im Norden, ein paar Jahre putzen oder in Lagern Pakete schleppen, und als reicher Mann in den Süden zurückkehren. Er habe nicht gewusst, dass der Wunsch nach Wohlstand kein Asylgrund sei.

"Yeeeah."

In Libyen, sagt O., hätten Schlepper ihm den Pass abgenommen und ihn mit 80 anderen Afrikanern in ein schwarzes Schlauchboot gesetzt, das Luft verlor. Eine Ewigkeit seien sie durchs Wasser getrieben, dann hätten Retter sie auf ein Schiff gezogen.

War es die Marine? Waren es Fischer? "My mind needs to rest."

Im Lager bei Mailand, sagt O., habe er Elisabeth aus Nigeria kennengelernt, 38, "she was always watching me". Elisabeth wurde schwanger. Sie sagte, ihr Kind würde es in Deutschland besser haben, und brach auf. O. sagt, er sei ihr nachgereist, aber er habe die Frau nicht wiedergesehen. Elisabeth sei in Bayern untergekommen, O. wurde nach Ellwangen geschickt. Vor neun Monaten, sagt O., habe Elisabeth ein Mädchen namens Blessing geboren, "my daughter" . Sein Smartphone ist voller Fotos eines Neugeborenen. In dieser Nacht zeigt Yussif O. sie immer wieder, wie Beweise. Aber er hat nie versucht, das Kind zu sehen, hat keine Behörde darum gebeten, für einen Besuch im benachbarten Bundesland die Residenzpflicht aufzuheben.

Warum nicht? "Stop asking!"

Was ist in Ellwangen geschehen, in der Nacht auf den 30. April?

Wieder bleibt Yussif O. stehen. Er atmet tief ein, aus, wieder ein, dann flüstert er: "I ... am ... not ... a ... criminal." Und geht.

So wie Yussif O. an dieser Stelle, nahe der Mailänder Stazione Centrale, vorübergehend diese Geschichte verlässt, so verlässt diese Geschichte auch ihn und wendet sich all den Polizeiakten, Anwaltsbriefen und Hassmails zu, die sich in Deutschland in seiner Sache angehäuft haben.

In den Melderegistern der bayerischen Behörden findet sich keine Frau, findet sich auch kein Kind mit den von O. genannten Vor- und Nachnamen, jedenfalls nicht, wenn man sie so eingibt, wie er sie buchstabiert.

Was von O.s Erzählung ist wahr, was gelogen?

Elisabeth und Blessing bleiben Geister, in der Sache Ellwangen klärt sich einiges. Die Eskalation dort hat eine Vorgeschichte: Am 22. Februar war Yussif O. schon einmal aus der Unterkunft abgeholt worden. Nach Angaben des baden-württembergischen Innenministeriums scheiterte "die vorgesehene Überstellung daran, dass Yussif O. sich weigerte, die Diensträume der Bundespolizei zu verlassen und den gebuchten Flug anzutreten". O. muss damals den Eindruck erlangt haben, eine Abschiebung aus Deutschland lasse sich aussitzen, wegdiskutieren, fortbrüllen. Deshalb brüllte er auch, als ihn Beamte am 30. April um 2.30 Uhr aus seinem Zimmer in Gebäude 92 der Sammelunterkunft in Ellwangen holten und ihm Handschellen anlegten. Er schrie so laut, erst im Flur, dann auf dem Vorplatz, dass immer mehr Mitbewohner aufwachten, mürbe von den nächtlichen Polizeibesuchen, im Schnitt fast alle zwei Tage. Laut Polizei waren die beiden Streifenwagen bald von 50 Männern umringt, "extrem aggressiv und gewaltbereit". Verängstigt ließen die Beamten Yussif O. laufen.

Der Anwalt findet es verwunderlich

O.s Anwalt liegt ein Schreiben des zuständigen Polizeipräsidiums Aalen vor, aus dem hervorgeht, dass gegen O. selbst nicht ermittelt wird, nicht wegen Nötigung, nicht wegen Landfriedensbruchs, nicht wegen Gefangenenbefreiung. Da steht: "Ihr Mandant hat in diesem Verfahren einen Zeugenstatus." O. soll, als die Menschenmasse sich ansammelte, still geworden sein. Die Polizei verschwand, und er ging zurück auf sein Zimmer. Er schlief im selben Bett, als vier Nächte später ein Sonderkommando kam, ihn festnahm und nach Pforzheim in ein Abschiebegefängnis brachte.

Pforzheim, Ellwangen, Rechtsstaat, Strobl, Seehofer, Dobrindt. Yussif O. dürfte mit diesen Vokabeln einige Mühe gehabt haben. In seinem afrikanischen Englisch klingt schon Karlsruhe, wo er kurz mal gewesen sei, wie "Kashua". In Mailand spricht O. mehrfach von "Engine". Es braucht eine Weile, bis klar wird, dass er keine Maschine meint, sondern seinen Anwalt Engin Sanli in Stuttgart.

"Yeeeah."

In den Tagen, in denen ihr Fall zum Politikum wurde, hatten Anwalt und Mandant weniger Kontakt als vermutet. Dass "der Togolese von Ellwangen", dieses Nachrichtenphantom, sein Klient war, erfuhr Sanli nach eigenen Worten erst vier Tage nach dem Eklat. Kein Polizist, kein Richter, keine Behörde habe ihn angerufen. Rechtlich ist das in Ordnung, aber der Anwalt findet es verwunderlich. Im Zentrum der landesweiten Aufregung blieb sein Mandant "ohne Rechtsbeistand". Es war dann O. selbst, der sich aus der Abschiebehaft meldete und kleinlaut fragte, ob Sanli ihm helfen könne, obwohl er ihm bereits 300 Euro Honorar schuldete.

Yussif O. in seiner Zelle bekam wiederum nicht mit, dass sein Anwalt zur gleichen Zeit mit Hass und Häme zugeschüttet wurde. Engin Sanli, in Deutschland geborenes Kind türkischer Einwanderer, ist seit 15 Jahren Mitglied der SPD, war lange ehrenamtlicher Sanitäter beim Deutschen Roten Kreuz und kümmert sich im Vorstand des Waldheimvereins Zuffenhausen um benachteiligte Kinder. Jetzt bekam er E-Mails und Briefe:

"Eigentlich könnte ich bei ihrer hässlichen Fratze nur noch kotzen. Ich kann mir denken warum du helfen willst. Moslem hilft Moslem."

"Der deutsche Steuerzahler hat Ihnen Ihre Ausbildung finanziert, obwohl Sie nicht aus unserem Kulturraum stammen. Wieso setzen Sie sich für diese unmögliche Kreatur von Wirtschaftsflüchtling so ein?"

"Hallo Türke ... jetzt ist dein krimineller Togo-Asyl-Kumpel weg. Jetzt noch dich!!!"

"Engli du Drecksau! Wenn die AfD an der Macht ist, wirst du abgeholt!"

"Deine Familie wird das Jahrzehnt nicht überleben. Willkommen auf der Liste der Verräter."

Am Montag, dem 14. Mai, bekam Engin Sanli Besuch vom Staatsschutz. Am Dienstag, dem 15. Mai, saß Yussif O. im Flugzeug. Alles geschah gleichzeitig, alle redeten über die Angelegenheit, aber nur wenige sprachen miteinander. Zwar erzählte Yussif O. seinem Anwalt von dem Wunsch, im Fall einer Abschiebung nicht nach Italien ausgeflogen zu werden, sondern lieber nach Afrika. Der Anwalt aber gab den Hinweis nicht weiter. Er zweifelte daran, dass die Behörden sich die Mühe machen würden, mit irgendwelchen afrikanischen Botschaften zu verhandeln. Sie würden Deutschlands berüchtigtsten Asylbewerber schnellstmöglich abschieben wollen. Um ein Exempel zu statuieren. Um die Lage zu beruhigen. Das wollte der Anwalt dem Staat vermasseln. Also zog er vors Bundesverfassungsgericht – und verlor. Danach war es zu spät. Am nächsten Morgen wurde Yussif O. nach Italien gebracht.

Wäre es anders gekommen, wenn der Anwalt mit den Ämtern gesprochen hätte? Die zuständige Behörde, das Regierungspräsidium Karlsruhe, behauptet im Nachhinein: "Im Fall einer Rückreise ins Herkunftsland wären grundsätzlich die Übernahme der Beförderungskosten, eine Reisebeihilfe in Höhe von 200 Euro und eine Starthilfe von 300 Euro möglich gewesen."

Und nun weg!

Am Morgen des 16. Mai, nur einen Tag und zugleich eine gefühlte Ewigkeit nach seiner Abschiebung, taucht Yussif O. um sieben Uhr früh auf Mailands Zentralbahnhof auf. Bei einem Bekannten sei er gewesen, sagt er, die Nummer hatte er noch in seinem Handy gespeichert. Die beiden haben gekocht, gegessen, geredet.

Jetzt fragt sich O. zur Polizia Ferroviaria durch, zur Bahnpolizei an Gleis 21. Er betritt einen engen Warteraum, hinter einer Glasfront wieder Uniformen, zwischen Mützen und Kragen nur andere Gesichter. Yussif O. klopft, ein Beamter öffnet die Tür. Lange betrachtet er den Zug-Gutschein, dann sagt er: "Der ist ungültig. Sie hätten schon in der Nacht fahren müssen."

"No", sagt O.

"Si", sagt der Beamte.

Yussif O. lässt sich in eine Sitzschale fallen, die an der Wand angeschraubt ist. Metallisches Knarzen. Menschliches Schnaufen. O. legt das Gesicht in seine Hände. Falls er weint, verbirgt er es gut.

Minutenlang bleibt O. so sitzen, dann hebt er den Blick und stiert ins Nichts. Eine Stunde. Zwei Stunden. Die Polizisten hinter der Glaswand beäugen ihn. Als er es merkt, beäugt er auch sie. Er steht auf, raucht auf dem Bahnsteig eine Zigarette, zermalmt einen Kaugummi, kauft sich in einer Bar einen Cappuccino.

Im Abschiebegefängnis hatten die Deutschen ihm in einem letzten Amtsakt "50 Euro Reisebeihilfe für Mittellose" überreicht und ein Lunchpaket angeboten. Das Geld nahm O. an. Das Essen lehnte er ab. Diese Geste wollte er Deutschland nicht zugestehen.

Hinter der Scheibe sieht Yussif O. nun, wie die Polizisten telefonieren. Um kurz vor zehn öffnet sich die Glastür, zwei Beamte reichen ihm ein Ticket und sagen, der Schnellzug nach Rom gehe in drei Minuten von Gleis 16. Und nun weg!

Yussif O. läuft los, die Beamten neben ihm her. Er springt in den ersten erreichbaren Wagen, Nummer 8, setzt sich auf den ersten freien Platz, Sitz 2D, gegen die Fahrtrichtung. Unmerklich setzt sich der Zug in Bewegung und gewinnt schnell an Tempo. Alles draußen vor dem Fenster entfernt sich und verschmilzt in einem Fluchtpunkt am Horizont: Häuser, Laternen, Strommasten, Mailand. O.s Kopf knickt weg. Er schläft, als der Zug durch Florenz schlingert, am Horizont die Kuppel des Doms wie ein aufgehender Mond. Er schläft, als der Zug durch eine sattgrüne Renaissancelandschaft gleitet, Hügel, Zypressen, Villen. Er schläft, weil er in diesem Zug nichts tun kann, also auch nichts falsch machen.

Er spricht in der Botschaft vor und sagt, er will nach Hause

In Rom, Stazione Termini, Touristen und Tauben. O. hastet zum Taxistand, die ghanaische Botschaft, fürchtet er, schließt bald. "Via Ostriana!", ruft er dem Fahrer schon draußen zu. Im Auto, wieder ein Fiat, dieses Mal weiß statt blau, knetet er einen 20-Euro-Schein in den Händen und sieht zu, wie das Taxameter rast: € 9,40 – 10,20 – 11,70 – 12,50. Bei 13,30 hält der Wagen vor einer rissigen Mauer. Darauf ein Botschaftsschild, aus dem eine Ecke gebrochen ist. Ein Pförtnerhaus. Eine Klingel.

Yussif O. streckt sich, macht sich stolz und stark, und drückt auf den Klingelknopf. Ein Summen, dann das Dunkel eines klimagekühlten Hauses, wieder eine Glasscheibe, dahinter wieder Menschen, die über ihn entscheiden werden, nun zwei dicke, kahlköpfige Männer in Khakihosen und hellblauen Hemden, an ihren Handgelenken tragen sie goldglänzende Uhren.

Eine Botschaft, die nicht hilft

Was in den folgenden Sekunden passiert, wissen nur die beiden Pförtner und Yussif O., denn der spricht Twi mit ihnen, eine ghanaische Sprache, die jetzt als Passersatz funktioniert, seine Biografie beglaubigt. Aber der eine Mann in der Loge wischt nur gelangweilt auf seinem Smartphone herum, der andere schüttelt lachend den Kopf und wedelt O. weg. Der ruft etwas durch die Scheibe, das auch auf Twi nicht schön klingt, reißt die Tür auf und steht wieder auf der Straße.

"These are wicked people!", ruft er. Böse Leute! "An embassy that doesn’t help!" Eine Botschaft, die nicht hilft!

Keine Papiere? Ein Rückflug nach Ghana für einen Kerl, dem das Land vor einiger Zeit nicht gut genug war? Das fanden schon die Pförtner nicht schlüssig, warum sollten sie O. dann zur Botschafterin vorlassen?

Draußen rutscht Yussif O. mit dem Rücken an der rauen Betonmauer der Botschaft herab und kauert sich auf den Gehweg. Schatten wachsen die Hausfassaden an der Via Ostriana hinauf, es wird Abend, es neigt sich Tag zwei nach der Abschiebung, und Yussif O., der Staatsfeind, spürt, dass er gleich mehrere Staaten zum Feind hat. Deutschland ist erleichtert, ihn los zu sein. Italien versucht, ihn wegzuignorieren. Und Ghana will ihn nicht zurück. Ein Mensch, den niemand haben will und über den doch nur andere verfügen.

Ist dieser 23-Jährige in Armut oder Anspruchsdenken gefangen, wenn er ganz selbstverständlich davon ausgeht, eines der drei Länder werde seinen Heimflug bezahlen?

Auf diese Frage gibt es hundert Antworten, vielleicht auch tausend, jede einzelne für die einen falsch und für die anderen richtig, je nach politischer Einstellung.

Man kann sagen: Wenn jede Flucht mit einer Rückreisegarantie versehen ist, dann stürzt die Welt ins Chaos.

Man kann auch fragen: Wie lange muss ein Mensch dafür büßen, dass er seinen Platz in der Welt woanders sah, als das Schicksal es vorgesehen hatte?

Yussif O. ist eine Art Täteropfer der Umstände.

Als er an diesem Abend noch einmal am Tor der Botschaft klingelt, macht er sich klein wie ein geprügelter Hund, und die Pförtner lassen ihn zumindest in den Keller, in die Visa-Abteilung. Fliesenboden, Sperrmüllmöbel, nackte Wände. Ein Porträt des gütig lächelnden Staatspräsidenten Nana Addo Dankwa Akufo-Addo. Darunter ein zweiter Rahmen, eine Durchreiche, dahinter das Gesicht einer jungen Frau.

"Sister", murmelt Yussif O., "I need help!"

Vielleicht könne sie ihm ein provisorisches Reisedokument ausstellen, sagt die Frau. Aber vorher müsse er schon selbst ein Flugticket auftreiben.

Wie denn?

Er solle "Iom" anrufen.

Wer ist das?

Die Frau schreibt eine Telefonnummer auf einen Zettel. Draußen tippt Yussif O. die Ziffern in sein Handy, einmal, zweimal, dreimal, immer springt ein Anrufbeantworter an und frisst ein paar Cent seines Guthabens. Bei wiederholtem Abhören der knarzigen Ansage stellt sich Iom als IOM heraus, als Internationale Organisation für Migration, Teil der Vereinten Nationen.

Wieder und wieder drückt er die Tasten, irgendwann meldet sich ein Claudio, im Hintergrund Kinderstimmen, Feierabendfröhlichkeit. Hastig erzählt Yussif O. seine Geschichte, Claudio sagt: "Hm." Und: "Schwierig." Und: Eigentlich sei das Büro in Mailand für ihn zuständig.

Yussif O. fragt, ob er Claudio heute noch treffen kann.

Nein, heute nicht mehr. "Domani." Morgen. Am Hauptbahnhof.

Langsam steht Yussif O. vom Gehsteig auf und blickt sich um. Es ist egal, ob er nach links oder nach rechts geht. Er hat kein Ziel. Er kennt niemanden in der Stadt, die für ihn nur ein Name ist. Rom. Yussif O. wirkt bloß noch wie die Hülle seiner selbst – falls er in den Tagen zuvor überhaupt er selbst war. Kein "Yeeeah" mehr, kein "Don’t ask!". Er läuft herum mit wiegenden Schritten, ein Schwarzer, der überall Schwarzen begegnet, die Armbänder und Selfiesticks verkaufen, Restaurant-Flyer verteilen oder an Häuserecken stehen und Touristen anzischen, die aussehen, als hätten sie Interesse an Drogen: "Tsss-tsss."

Eine Nacht im Freien, zwischen Lagerfeuern und Zelten

Am letzten Abend auf dieser gemeinsamen Reise fragt sich Yussif O. bei den schwarzen Männern durch, "tsss-tsss", fährt auf ihren Rat in einem Bus aus dem Zentrum, spart sich das Ticket, läuft eine Ausfallstraße entlang, bis er ein illegales Lager auf einer Industriebrache gefunden hat. Auf schrundigem Asphalt liegen Senegalesen, Eritreer, Nigerianer in Zelten und unter Planen. Abgelehnte, Abgeschobene, Abgetauchte. Lagerfeuer spenden zittriges Licht, Frauen tragen von irgendwoher Wasserkanister herbei und spülen den Urin ihrer Kinder weg. In dieser Nacht schläft Yussif O. auf einer splittrigen Euro-Palette und etwas Pappe, mit seiner blauen Jacke von der Caritas Ellwangen als Decke. Im Morgengrauen wacht er frierend auf. Er läuft die Ausfallstraße, die jetzt eine Einfallstraße ist, zurück in Richtung Stadt, wird von den Windstößen der Pendlerautos angeschoben, steigt in den Bus, lässt sich zur Stazione Termini schaukeln, wo bei den Taxis Claudio wartet, rundlich, freundlich. Claudio legt O. sogar eine Hand auf die Schulter.

Yussif O. hört, wie Claudio sagt, die IOM habe ein Programm für freiwillige Rückkehrer. Und ein Budget. Nur sei sein Fall kompliziert: "Ein Togoer aus Ghana ohne Pass, der in Deutschland Asyl wollte, aber in Italien keins." Claudio spricht schnell, er sagt, seine Organisation werde in den nächsten Tagen entscheiden, ob sich da was machen lasse. Falls ja, könne der Prozess ein halbes Jahr dauern. Er werde sich melden, sagt Claudio und gibt O. ein Blatt, auf dem Adressen von Obdachlosenasylen stehen. Dann muss er zum nächsten Termin, zum nächsten Gestrandeten, und lässt Yussif O. zurück mit einer Perspektive, die zu gut ist, um schlecht zu sein, und zu schlecht, um gut zu sein.

Und so steht Yussif O., der Mann, der für die Deutschen der "Togolese von Ellwangen" war, 48 Stunden nach seiner Abschiebung vor dem Hauptbahnhof von Rom. Er hat noch 29 Tage Aufenthaltsrecht, er hat noch 25 Euro in der Tasche und in der Hand sein Telefon, das er nicht verlieren darf, weil irgendwann, hoffentlich, Claudio anruft. Taxis hupen, Schulklassen sammeln sich, Anzugträger hasten zur Arbeit, die Stadt sortiert sich. Yussif O. riecht nach Schweiß und Angst und sagt: "Maybe God didn’t want me to travel."

Vielleicht also hat Gott nie gewollt, dass er aufbricht. Mit Menschen hat das alles aber auch zu tun.