Der Mann, der das Ende des Rock ’n’ Roll verkörperte, sah nicht aus wie einer, der sich um Konventionen schert. Er trug Latzhose, kein Shirt, keine Schuhe. Es war auf dem schönen Festival "A Summer’s Tale" bei Lüneburg im vergangenen Jahr, der Boden vor der Hauptbühne war aufgeweicht – und mit seinen Fußsohlen war der Mittvierziger tief in den Untergrund eingesunken. Er hatte sich, seit der Auftritt der schottischen Indie-Rocker von Franz Ferdinand begonnen hatte, keinen Millimeter bewegt. So demonstrierte er in Reinform, was heute offenbar die meisten unter einem idealen Konzerterlebnis verstehen: schauen, rumstehen – bloß nicht tanzen.

Wenn die Leute nur harmlos rumstehen würden, wäre das noch zu ertragen, aber dummerweise stehen viele ziemlich aggressiv rum. Im Frühjahr auf einem Konzert in Köln, zehn Meter vor der Bühne, bei der grandios rhythmischen Rockband Everything Everything. Ich tanze. Alle drei Sekunden bekomme ich einen Ellbogen in die Rippen. Ich frage den zugehörigen Typen neben mir, was los sei. Seine Freundin schreit mich an: "Das ist so dermaßen respektlos, dass du deine Haare rumwirfst und wir hier nass werden!"

In England kann es auf Festivals passieren, dass man Plastikbecher mit Urin abbekommt – ekelhaft, aber trotzdem tanzen alle weiter. In Deutschland sind schon ein paar Schweißtropfen zu viel. Vorne, bei einem Rockkonzert!

Musik ist Ekstase, Rock ’n’ Roll ohne Bewegung nicht vorstellbar. Was wäre Mick Jagger, was wären Elvis Presley und Freddie Mercury gewesen ohne ihre Moves? Man wird schwerlich Musiker finden, die sich nicht im Takt regen. Ohne Bewegung gibt es keine Musik. Gitarre, Klavier, Stimme – jeder Ton entsteht dadurch, dass jemand seinen Körper bewegt. Und selbst bei komplett elektronisch erzeugter Musik sind immer noch ein paar Mausklicks nötig, damit wir etwas hören.

Getanzt hat man schon, ehe die Schrift erfunden wurde. Auf den 30.000 Jahre alten Zeichnungen in der indischen Bhimbetka-Höhle sind Tänzer zu sehen. Von den Aborigines in Australien bis zu den Urvölkern Amerikas haben die Menschen unabhängig voneinander Tänze entwickelt, obwohl es keinerlei Austausch zwischen den Kulturen gab. "Tanzen ist ein Nebenprodukt des aufrechten Gangs früher Hominiden und steckt in unseren Genen", sagt Gunter Kreutz, Musikwissenschaftler an der Universität Oldenburg. "Vielleicht hat sich die Menschheit nur durch den Tanz so weit entwickelt." Heute allerdings verleugnen viele ihr wertvolles evolutionäres Erbe. Warum sonst tanzen auf Konzerten so wenige?

Die Frau neben mir: 'Das ist so respektlos, dass du hier deine Haare rumwirfst'

Früher war das anders. Ich erinnere mich an die ersten Festivals, die ich mit 16 besuchte, Anfang der Neunziger. Die Menschen vor der Bühne – eine einzige wogende Masse. Einmal, bei einem Open Air in Köln, so wogend sogar, dass die ersten 50 Reihen geschlossen zu Boden gingen. Ich erinnere mich, dass auf dem Bizarre-Festival Zuschauer noch hundert Meter von der Bühne entfernt tanzten – und das am helllichten Tag, denn damals spielten alle Bands hintereinander auf derselben Bühne, sodass auch große Namen schon am Nachmittag dran waren.

Wann sind wir zu einem Volk von Rumstehern verkommen? Die Frau, die sich in Köln über mich beschwerte, war Mitte 20 und filmte den kompletten Auftritt mit dem Handy. Regungslos stehen die YouTube-, Instagram- und Facebook-Fans in den vorderen Reihen, die Gesichter ungesund bläulich bestrahlt vom Licht der Smartphone-Displays. Nach Spaß sieht das nicht aus, und schon gar nicht nach Rock ’n’ Roll.

Die allgemeine Lähmung kann aber nicht nur daran liegen, dass es vielen heute bei Konzerten vor allem darum geht, in sozialen Medien zu präsentieren, was sie gerade Tolles tun. Denn nicht nur junge Digital Natives verweigern sich dem Tanzen und verhindern so jede Form von Ekstase. Die Älteren sind selten besser. Als besonders störend empfinde ich die Handtuch-Reservierer des Rock ’n’ Roll. Sie kommen als Erste, Stunden vor dem Auftritt, stellen sich vor die Bühne und meinen, damit das Recht erworben zu haben, für immer dort stehen zu bleiben. Und wehe, jemand behindert ihre Sicht. In der Konzerthalle Batschkapp in Frankfurt, Band of Horses, bester Indie-Rock, in der zweiten Reihe sind anderthalb Quadratmeter frei, ich stelle mich hin. "Äh, Moment – da steht mein Mann", sagt die Frau neben mir.

"Anscheinend nicht", sage ich.

"Doch, der ist Getränke holen."

"Hier ist so viel Platz – da passen wir locker zusammen hin."

"Das wird aber schon sehr eng."

"Das ist die zweite Reihe bei einem Rockkonzert, da wird es schon mal ein bisschen enger."