Paul Achleitner, der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, hat im Moment wenig Zeit, konzentriert nachzudenken. Die Anteilseigner der Bank, vor denen er am Donnerstag zur alljährlichen Hauptversammlung auftritt, murren. Einige wollen, dass er seinen Posten räumt. Andere fordern das zwar nicht – aber auch nur, weil gerade schon der Vorstandsvorsitzende ausgetauscht wurde. Es geht nicht voran mit der Deutschen Bank. Nicht nur war sie bei gefühlt jedem Skandal dabei, sie verdient noch nicht einmal mehr richtig Geld, ist also weder moralisch noch finanziell auf der Höhe ihres Anspruchs.

Wie wäre es also, wenn der besagte Paul Achleitner am Donnerstag zum Äußersten greifen und einen Kulturwandel ankündigen würde? Nicht so einen, wie man ihn von der Deutschen Bank schon kennt. (Er hat nicht so gut geklappt.) Nein, einen Wandel hin zu einer "Kultur der Liebe".

Vermutlich wären die Aktionäre baff. Nervöses Gekicher kann man sich vorstellen, ebenso die sofortige Verständigung eines Psychiaters. Auf keinen Fall: Applaus.

Das zeigt, wie weit entfernt die Finanzwelt ist von demjenigen, der sich gerade zu ihrem obersten Kritiker aufgeschwungen hat: Papst Franziskus. Das Oberhaupt der katholischen Kirche hat jüngst ein Papier veröffentlichen lassen, das zwar nicht von ihm verfasst, aber von ihm "approbiert" wurde. Es heißt "Erwägungen zu einer ethischen Unterscheidung bezüglich einiger Aspekte des gegenwärtigen Finanzwirtschaftssystems" und kreist eben um die Kultur der Liebe. Gefordert werden dort beispielsweise eine schärfere Bankenregulierung, Sanktionen gegen Steuerumgehung, aber auch die Entlastung überschuldeter Staaten. Das Papier richtet sich auch an Führungskräfte aus der Finanzwirtschaft.

Die päpstliche Wortwahl, das Wort "Liebe" in Verbindung mit ihrer Arbeit, mag vielen dieser Führungskräfte befremdlich vorkommen. Das ist allerdings für beide Seiten entlarvend und zeigt nur, wie weit die Kirchenmoral und die Bankermoral auseinanderklaffen. Der Papst und seine Leute aber versuchen die Annäherung im Papier. Da tauchen Wörter auf wie Credit Default Swaps (CDS), Offshore-Geschäfte oder Hochfrequenzhandel. Die Katholiken lassen sich sogar zu erstaunlich konkreten Ratschlägen hinreißen. Eine Kultur der Liebe würde demnach bedeuten, dass Banken einen Ethikrat einrichten.

Manches geht gerade die Deutsche Bank an, etwa wenn Banker, die den Libor-Zinssatz manipuliert haben, "kriminelle Vereinigungen" genannt werden. Das können sich die Frankfurter ruhig zu Herzen nehmen. Ein solcher Appell der Kirche kommt zwar Jahre zu spät, ist aber angebracht.

Doch das ist leider schon fast alles, was zu loben ist. In weiten Teilen zeigt die Schrift vor allem Misstrauen, gepaart mit einem Unverständnis dafür, wie die Finanzwelt funktioniert. In einer gewagten Dichotomie von Gut und Böse versucht sie beispielsweise, CDS als eine Art Teufelszeug zu verdammen. Dabei verringern viele dieser Papiere einfach nur Gefahren. Ein Geldgeber kann sich damit etwa gegen das Risiko absichern, dass eine Firma, mit der er Geschäfte macht, pleitegeht. Fällt sie aus, bekommt er eine Ausgleichszahlung. Eine Gegenpartei muss dazu auf das weitere Wohlergehen der Firma wetten. Das ist Spekulation, ja. Aber sie verschafft dem Marktpartner Sicherheit. Nicht alle Wetten sind des Teufels.

Das ist das Problem der päpstlichen Sicht. Sie richtet sich gegen Spekulation. Aber was ist Spekulation? Im Grunde jedes Bankgeschäft. Beispielsweise ist jeder einfache Kredit die Spekulation der Bank darauf, dass er zurückgezahlt wird. Auch die vom Papst gelobten Mikrokredite an ärmere Menschen oder Kredite an Entwicklungsländer sind – natürlich! – Spekulation, womöglich sogar eine besonders gefährliche Form, weil diejenigen, die hier Geld bekommen, arm sind und damit schlecht in der Lage, es zurückzuzahlen. Es ist die erste Aufgabe der Banker, diese Risiken abzuwägen.

Trotzdem können Banken sich – das haben die vergangenen Jahre gezeigt – nicht ganz der Moral enthalten. Wie ein anständiges Verhalten ihrerseits aussehen könnte, das kann ihnen aber offenbar kein Papst aufschreiben. Abschauen könnten sie sich trotzdem etwas von ihm. Wie die Kirche die Welt des Geldes mit ihren Mitteln zu ergründen versucht, könnten Banker die Welt der Moral für sich zu entdecken versuchen. Es muss ja nicht gleich eine Kultur der Liebe sein. Eine Kultur des Nachdenkens wäre ein Anfang.