Was für Briefmarkenfans die blaue Mauritius ist, das sind für Handschriftensammler die Manuskripte des Schriftstellers Franz Kafka. Sie sind extrem selten und extrem teuer – wenn sie überhaupt einmal auf den Markt kommen.

"Kafka löst einen Reflex aus wie sonst nur Sigmund Freud oder Albert Einstein", sagt Wolfgang Mecklenburg, Inhaber des auf Autografe spezialisierten Auktionshauses Stargardt. "Für ihre Handschriften interessieren sich auch Sammler, die sonst in ganz anderen Bereichen unterwegs sind."

Eines von Kafkas seltenen Manuskripten kommt nun am 26. Mai im Auktionshaus Christian Hesse in Hamburg unter den Hammer: sechs eng beschriebene Seiten aus dem Jahr 1911. Es handelt sich um die Einleitung zu Richard und Samuel, einem Buch, das Kafka und sein Freund Max Brod gemeinsam schreiben wollten und das nie fertig wurde. Die Summe, die diese sechs Seiten nun erzielen könnten, wird auf 90.000 Euro geschätzt. Und wer die Preisentwicklung von Kafkas Schriften verfolgt hat, hält diese Taxe sogar eher für untertrieben.

Seit der Antiquar Heribert Tenschert 1988 das Manuskript zu Kafkas Roman Der Process für umgerechnet knapp 1,8 Millionen Euro für das Deutsche Literaturarchiv in Marbach ersteigert hat, sind die Preise ins Unermessliche gestiegen. Die sechs Seiten, die Ende Mai in Hamburg verkauft werden, wären vor dreißig Jahren deutlich günstiger zu haben gewesen. "Manuskripte von Kafka sind im Handel sehr selten", hieß es zwar schon damals im Lagerkatalog von Stargardt. Trotzdem sollte das Manuskript nur 12.000 Mark kosten. Im Vergleich zu seinem Wert heute ein Schnäppchen.

Vor vier Jahren wurde Kafkas "Mäuse-Brief" für 96.000 Euro verkauft. 2011 kündigte das Auktionshaus Stargardt die Auktion von 111 Briefen und Postkarten an, die Kafka an seine Lieblingsschwester Ottla geschrieben hatte. Über die Summe, zu der sie unter den Hammer kamen, wurde zwar Stillschweigen vereinbart. Der Aufrufpreis für die Auktion hatte allerdings bereits bei 500.000 Euro gelegen.

Wer die Käufer dieser Werke sind, wird so gut wie nie bekannt: Anders als bei der Kunst bleiben Sammler von Handschriften gern anonym. Warum sie für die Zeilen so viel Geld ausgeben, darüber lässt sich dennoch etwas sagen.

"Kafkas Manuskripte sind aus mehreren Gründen sehr begehrt", erklärt Professor Hans-Gerd Koch, Mitherausgeber der kritischen Kafka-Werkausgabe und einer der besten Kenner des Werks und seiner Geschichte. Das Bild des prophetischen und geheimnisvollen Denkers und Autors habe sich seit Ende der 1920er Jahre, vor allem aber nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit in den Köpfen festgesetzt. "Das verleiht ihm einen Sonderstatus", sagt er. Bei Handschriftenliebhabern seien die Briefe auch deshalb begehrt, weil sie besonders sind: Seine Schrift ist harmonisch und gut lesbar – was vielen gefällt.

Ein entscheidender Grund, warum Sammler bereit sind, so viel Geld dafür zu zahlen, ist allerdings auch bei Kafkas Briefen ihre Seltenheit.

Die meisten erhaltenen Kafka-Werkmanuskripte stammen aus dem Besitz seines Freundes, Kollegen und Nachlassverwalters Max Brod. Denn er kam Kafkas wohl nie ernst gemeintem, aber legendärem Wunsch nicht nach, nach dessen Tod alle Handschriften zu vernichten.

Einen Großteil der Briefe und Manuskripte schenkte Brod später seiner Sekretärin Esther Hoffe. Zwar wurden die Schenkungen zu Lebzeiten beurkundet. Doch weil Max Brod und Familie Hoffe in Israel lebten, bestreitet der Staat Israel seit einigen Jahren das Besitzrecht der Hoffe-Familie: Kafkas Handschriften seien nationales Kulturgut, heißt es da. Entsprechende Gerichtsverfahren laufen. Bis sie entschieden sind, bleiben die Manuskripte in Tresoren verschlossen und können nicht verkauft werden.

Das gilt allerdings nicht für jene Handschriften, die Esther Hoffe schon vor vielen Jahren verschenkte oder verkaufte. So kommt es auch, dass diese sechs Seiten, die nun Ende Mai in Hamburg versteigert werden, auf den Markt gelangten. Zur Freude der Sammler.