Für die einen sind es die Bagger des Missvergnügens, für die anderen sind es die Bagger der Freude. Sei dem, wie ihm sei, sie rollen. Sie rollen im Zentrum Potsdams über den von der Hitze der ersten Maitage festgebackenen märkischen Matsch. 38 Pfähle werden in den Boden getrieben, durch ein barockes Fundament hindurch, auf dem einmal stand, was jetzt wiederaufgebaut wird: die schöne, die schwierige Garnisonkirche.

"Es hing an der Gardinenstange und hat uns sehr gefreut, das Brüstungsgitter", sagt der Herr mit Fliege und Sakko, dessentwegen die Organisatoren des Wiederaufbaus an diesem Maitag an der Baustelle zusammengekommen sind. Sie bekommen ein Geschenk, Geschenke mögen sie. Sie sitzen in der improvisierten Kapelle, die dort steht, wo einst das Schiff der Garnisonkirche stand – und wo es dermaleinst wieder stehen soll. Der Herr, seinerzeit ein Westberliner Student, hatte sich im Jahr 1962 illegalerweise nach Potsdam geschmuggelt und dort, in der kriegszerbombten Ruine der stolzen Kirche, den elegant geschwungenen Teil eines eisernen Brüstungsgitters eingesteckt. Er entführte es in den Westen, wo es Jahrzehnte verblieb, doch nun ist es heimgekehrt, um idealerweise wieder einmontiert zu werden in das größte Wiederaufbauprojekt der evangelischen Kirche in Deutschland seit der Auferstehung der Dresdner Frauenkirche aus Schutt und Asche.

Weil sie nicht ins ideologische Konzept passte, sprengte die DDR unter Walter Ulbricht vor 50 Jahren, im Juni 1968, die preußische Garnisonkirche. 27,5 Millionen Euro kostet der Wiederaufbau allein des Turms jetzt, er schreitet seit Oktober 2017 voran. Für das Kirchenschiff selbst gibt es noch keine Finanzierung. Weil das Ganze ein Projekt von nationaler Bedeutung ist, schießt der Bund dem Turmbau zwölf Millionen Euro zu – Schirmherr ist der Bundespräsident. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) selbst hat auf mehreren Organisationsebenen Darlehen von fünf Millionen Euro aufgebracht. Durch private Spender sind noch einmal zehn Millionen Euro zusammengekommen. Genug, um den Turm in einer Basisvariante, noch ohne Schmuck und Haube, aber mit Besucherplattform, wieder zu errichten.

Im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche finden sich brandenburgische Politiker: die gewesenen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und Manfred Stolpe, der ehemalige Innenminister Jörg Schönbohm, die aktuelle Wissenschaftsministerin Martina Münch, dazu Jann Jakobs, der Potsdamer Oberbürgermeister. Von evangelischer Seite sitzen unter anderen Irmgard Schwaetzer, Präses der EKD-Synode, und Wolfgang Huber, Ex-EKD-Ratsvorsitzender, im Gremium. Auch Günther Jauch gehört zu den Freunden und Spendern, er trat in einem ZDF-Beitrag zur Kirche auf, das ZDF hat auch einen Garnisonkirchen-Werbespot gedreht, der eine Zeit lang vor den "heute"-Nachrichten gesendet wurde. Das Establishment, man kann es sagen, ist für dieses Gotteshaus. Potsdam braucht den Turm, sagen die Befürworter, er ist schön, wichtig und einzigartig, ein Symbol für Frieden und Versöhnung. Der beste Turm des norddeutschen Barock!

Es gibt nur ein Problem: Ein Teil der Potsdamer möchte diese Kirche gar nicht haben. Mindestens 14 285 von ihnen, die bei einem Bürgerbegehren gegen den Bau unterschrieben haben. Dieser Teil demonstriert und protestiert hartnäckig, kreativ und auch böse gegen das Projekt. Die Kirche spaltet statt zu versöhnen, sagen die Gegner. Und das könne doch für eine Kirche nicht gut sein. In ihrer Version der Geschichte ist das Haus kein Leuchtturm des Friedens, sondern ein furchtbarer Ort nicht nur preußischer Heldenverehrung. Am 21. März 1933 schüttelte der Reichskanzler Adolf Hitler dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg vor der Kirche in einer berühmten halben Verbeugung die Hand – nach einem gemeinsamen Staatsakt im Gotteshaus. Der Handschlag gilt als Symbol der unguten Verbrüderung, der verhängnisvollen Mesalliance zwischen der neuen faschistischen Elite des Jahres 1933 und dem alten preußischen Establishment, das Hindenburg repräsentierte. Hindenburgs Verhalten in und vor der Garnisonkirche in jenen Stunden gab Hitlers Tun – das Ermächtigungsgesetz trat drei Tage nach dem Tag von Potsdam in Kraft – eine quasisakrale Legitimation, sagen viele Historiker. Baut die evangelische Kirche ein Symbol für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland wieder auf? Und wenn ja, wäre das schlimm oder sinnvoll?

"Wer hat Bock, zwei Stunden den Hindenburg zu machen?", fragt Carsten Linke. Er ist Mitglied im "Antimilitaristischen Förderverein", der gemeinsam mit dem Bündnis "Potsdam ohne Garnisonkirche" Widerstand leistet. "Und haben wir eine Pickelhaube?" Linke ist seit 30 Jahren Potsdamer Bürgerrechtler. Er sitzt mit seinen Oppositionskollegen, zu denen auch katholische und protestantische Kirchenmitglieder gehören, in einer erstaunlich schummrigen Kneipe des ansonsten durchgestylt-feinen Holländischen Viertels in Potsdams Innenstadt. Die Gruppe bespricht ihren Plan für das 85. Jubiläum des Tags von Potsdam, das im März ansteht. Vor der Baustelle wollen sie Hitler und Hindenburg auflaufen lassen, den Handschlag nachstellen, während drin ein Friedensgebet abgehalten wird. Das könnte Ärger geben, bei verschiedenen Aktionen sind Aktivisten auch schon mal polizeilich untersucht worden. Gegner aus den eigenen Reihen mache die evangelische Kirche mundtot, sagt man hier. Öffentlich traue sich von den Amtsträgern niemand, gegen den Neubau zu protestieren. Wer es doch tue, wie die Pfarrerin der Französischen Kirche in Potsdam, Hildegard Rugenstein, werde angefeindet und ausgegrenzt. Ihr Ehemann ist an diesem Abend auch im Holländischen Viertel.

"Statt dieses belastete Gebäude wiederaufzubauen, sollte die evangelische Kirche dort in Anerkennung ihrer Schuld im Dritten Reich einen Roboter hinstellen, der sich immerzu Asche aufs Haupt streut!", sagt ein Mitglied der Kneipenrunde, das anonym bleiben will, pointiert. Aber sind Steine nicht unschuldig? Nein, sagen die Gegner. Ein einziger Stein, der ist unschuldig, viele Steine zusammen, die ergeben ein Symbol. Und dieses Symbol wollen sie in Potsdam nicht haben. "Man macht nicht Frieden im Panzer!", sagen sie.

Die Gegner treibt nicht nur die NS-Zeit um, auch die Barockisierung ihrer Stadt in ein, wie sie meinen, preußelndes Disneyland. Geht man vom Potsdamer Hauptbahnhof über die Lange Brücke, die sich eher sachdienlich als elegant über die beiden Havelarme spannt, zur Garnisonkirchen-Baustelle in der Breiten Straße, kommt man am rosafarbenen Stadtschloss vorbei. Es ist ein Neubau von 2014, außen barock, innen Landtag. Vor der zierlichen, noch original erhaltenen Ringerkolonnade steht eine bronzene Tafel, hier dankt die Stadt Potsdam dem Schloss-Finanzier, dem SAP-Gründer und Wahlpotsdamer Hasso Plattner. Ein paar Meter weiter, am Alten Markt, steht das neue Fortunaportal, bezahlt von Günther Jauch, gegenüber ist jüngst das Palais Barberini wiedererstanden, auch das ein Plattner-Werk. Gleich nebenan graben sich gigantische Bagger durch das einzige am Alten Markt noch erhaltene DDR-Gebäude, die Fachhochschule. Sie wird abgerissen.

Baut die evangelische Kirche in Potsdam ein Symbol für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland wieder auf? Und wenn ja, wäre das schlimm oder sinnvoll?

Die Erzählung für diese Art der Stadtentwicklung gibt es in zwei Varianten. Erstens: Man betreibt, wo es möglich ist, die Rettung, und wo das nicht geht, die Rekonstruktion des barocken preußischen Arkadien, das Potsdam war, Augapfel der Hohenzollern-Herrscher seit Friedrich Wilhelm I., Unesco-Erbe, einzig in der Welt. Oder zweitens: Es handelt sich um eine seit der Wende betriebene feindliche Übernahme durch eine reiche, aggressiv liebende, mäzenatische Schicht von Wessi-Millionären, die sich einen ästhetisch hochwertigen Vergnügungspark aus Betonfassaden zusammengießt und dabei die DDR-Architektur kalkuliert vernichtet. Kurz: Die Stadtentwicklung geht in Richtung nachträglicher Sieg einer Epoche über eine andere. Wahr sein könnten beide Sichtweisen. Momentan prallen sie im Matsch der Garnisonkirchen-Baustelle aufeinander.