Für die einen sind es die Bagger des Missvergnügens, für die anderen sind es die Bagger der Freude. Sei dem, wie ihm sei, sie rollen. Sie rollen im Zentrum Potsdams über den von der Hitze der ersten Maitage festgebackenen märkischen Matsch. 38 Pfähle werden in den Boden getrieben, durch ein barockes Fundament hindurch, auf dem einmal stand, was jetzt wiederaufgebaut wird: die schöne, die schwierige Garnisonkirche.

"Es hing an der Gardinenstange und hat uns sehr gefreut, das Brüstungsgitter", sagt der Herr mit Fliege und Sakko, dessentwegen die Organisatoren des Wiederaufbaus an diesem Maitag an der Baustelle zusammengekommen sind. Sie bekommen ein Geschenk, Geschenke mögen sie. Sie sitzen in der improvisierten Kapelle, die dort steht, wo einst das Schiff der Garnisonkirche stand – und wo es dermaleinst wieder stehen soll. Der Herr, seinerzeit ein Westberliner Student, hatte sich im Jahr 1962 illegalerweise nach Potsdam geschmuggelt und dort, in der kriegszerbombten Ruine der stolzen Kirche, den elegant geschwungenen Teil eines eisernen Brüstungsgitters eingesteckt. Er entführte es in den Westen, wo es Jahrzehnte verblieb, doch nun ist es heimgekehrt, um idealerweise wieder einmontiert zu werden in das größte Wiederaufbauprojekt der evangelischen Kirche in Deutschland seit der Auferstehung der Dresdner Frauenkirche aus Schutt und Asche.

Weil sie nicht ins ideologische Konzept passte, sprengte die DDR unter Walter Ulbricht vor 50 Jahren, im Juni 1968, die preußische Garnisonkirche. 27,5 Millionen Euro kostet der Wiederaufbau allein des Turms jetzt, er schreitet seit Oktober 2017 voran. Für das Kirchenschiff selbst gibt es noch keine Finanzierung. Weil das Ganze ein Projekt von nationaler Bedeutung ist, schießt der Bund dem Turmbau zwölf Millionen Euro zu – Schirmherr ist der Bundespräsident. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) selbst hat auf mehreren Organisationsebenen Darlehen von fünf Millionen Euro aufgebracht. Durch private Spender sind noch einmal zehn Millionen Euro zusammengekommen. Genug, um den Turm in einer Basisvariante, noch ohne Schmuck und Haube, aber mit Besucherplattform, wieder zu errichten.

Im Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche finden sich brandenburgische Politiker: die gewesenen Ministerpräsidenten Matthias Platzeck und Manfred Stolpe, der ehemalige Innenminister Jörg Schönbohm, die aktuelle Wissenschaftsministerin Martina Münch, dazu Jann Jakobs, der Potsdamer Oberbürgermeister. Von evangelischer Seite sitzen unter anderen Irmgard Schwaetzer, Präses der EKD-Synode, und Wolfgang Huber, Ex-EKD-Ratsvorsitzender, im Gremium. Auch Günther Jauch gehört zu den Freunden und Spendern, er trat in einem ZDF-Beitrag zur Kirche auf, das ZDF hat auch einen Garnisonkirchen-Werbespot gedreht, der eine Zeit lang vor den "heute"-Nachrichten gesendet wurde. Das Establishment, man kann es sagen, ist für dieses Gotteshaus. Potsdam braucht den Turm, sagen die Befürworter, er ist schön, wichtig und einzigartig, ein Symbol für Frieden und Versöhnung. Der beste Turm des norddeutschen Barock!

Es gibt nur ein Problem: Ein Teil der Potsdamer möchte diese Kirche gar nicht haben. Mindestens 14 285 von ihnen, die bei einem Bürgerbegehren gegen den Bau unterschrieben haben. Dieser Teil demonstriert und protestiert hartnäckig, kreativ und auch böse gegen das Projekt. Die Kirche spaltet statt zu versöhnen, sagen die Gegner. Und das könne doch für eine Kirche nicht gut sein. In ihrer Version der Geschichte ist das Haus kein Leuchtturm des Friedens, sondern ein furchtbarer Ort nicht nur preußischer Heldenverehrung. Am 21. März 1933 schüttelte der Reichskanzler Adolf Hitler dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg vor der Kirche in einer berühmten halben Verbeugung die Hand – nach einem gemeinsamen Staatsakt im Gotteshaus. Der Handschlag gilt als Symbol der unguten Verbrüderung, der verhängnisvollen Mesalliance zwischen der neuen faschistischen Elite des Jahres 1933 und dem alten preußischen Establishment, das Hindenburg repräsentierte. Hindenburgs Verhalten in und vor der Garnisonkirche in jenen Stunden gab Hitlers Tun – das Ermächtigungsgesetz trat drei Tage nach dem Tag von Potsdam in Kraft – eine quasisakrale Legitimation, sagen viele Historiker. Baut die evangelische Kirche ein Symbol für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland wieder auf? Und wenn ja, wäre das schlimm oder sinnvoll?

"Wer hat Bock, zwei Stunden den Hindenburg zu machen?", fragt Carsten Linke. Er ist Mitglied im "Antimilitaristischen Förderverein", der gemeinsam mit dem Bündnis "Potsdam ohne Garnisonkirche" Widerstand leistet. "Und haben wir eine Pickelhaube?" Linke ist seit 30 Jahren Potsdamer Bürgerrechtler. Er sitzt mit seinen Oppositionskollegen, zu denen auch katholische und protestantische Kirchenmitglieder gehören, in einer erstaunlich schummrigen Kneipe des ansonsten durchgestylt-feinen Holländischen Viertels in Potsdams Innenstadt. Die Gruppe bespricht ihren Plan für das 85. Jubiläum des Tags von Potsdam, das im März ansteht. Vor der Baustelle wollen sie Hitler und Hindenburg auflaufen lassen, den Handschlag nachstellen, während drin ein Friedensgebet abgehalten wird. Das könnte Ärger geben, bei verschiedenen Aktionen sind Aktivisten auch schon mal polizeilich untersucht worden. Gegner aus den eigenen Reihen mache die evangelische Kirche mundtot, sagt man hier. Öffentlich traue sich von den Amtsträgern niemand, gegen den Neubau zu protestieren. Wer es doch tue, wie die Pfarrerin der Französischen Kirche in Potsdam, Hildegard Rugenstein, werde angefeindet und ausgegrenzt. Ihr Ehemann ist an diesem Abend auch im Holländischen Viertel.

"Statt dieses belastete Gebäude wiederaufzubauen, sollte die evangelische Kirche dort in Anerkennung ihrer Schuld im Dritten Reich einen Roboter hinstellen, der sich immerzu Asche aufs Haupt streut!", sagt ein Mitglied der Kneipenrunde, das anonym bleiben will, pointiert. Aber sind Steine nicht unschuldig? Nein, sagen die Gegner. Ein einziger Stein, der ist unschuldig, viele Steine zusammen, die ergeben ein Symbol. Und dieses Symbol wollen sie in Potsdam nicht haben. "Man macht nicht Frieden im Panzer!", sagen sie.

Die Gegner treibt nicht nur die NS-Zeit um, auch die Barockisierung ihrer Stadt in ein, wie sie meinen, preußelndes Disneyland. Geht man vom Potsdamer Hauptbahnhof über die Lange Brücke, die sich eher sachdienlich als elegant über die beiden Havelarme spannt, zur Garnisonkirchen-Baustelle in der Breiten Straße, kommt man am rosafarbenen Stadtschloss vorbei. Es ist ein Neubau von 2014, außen barock, innen Landtag. Vor der zierlichen, noch original erhaltenen Ringerkolonnade steht eine bronzene Tafel, hier dankt die Stadt Potsdam dem Schloss-Finanzier, dem SAP-Gründer und Wahlpotsdamer Hasso Plattner. Ein paar Meter weiter, am Alten Markt, steht das neue Fortunaportal, bezahlt von Günther Jauch, gegenüber ist jüngst das Palais Barberini wiedererstanden, auch das ein Plattner-Werk. Gleich nebenan graben sich gigantische Bagger durch das einzige am Alten Markt noch erhaltene DDR-Gebäude, die Fachhochschule. Sie wird abgerissen.

Baut die evangelische Kirche in Potsdam ein Symbol für den Aufstieg des Faschismus in Deutschland wieder auf? Und wenn ja, wäre das schlimm oder sinnvoll?

Die Erzählung für diese Art der Stadtentwicklung gibt es in zwei Varianten. Erstens: Man betreibt, wo es möglich ist, die Rettung, und wo das nicht geht, die Rekonstruktion des barocken preußischen Arkadien, das Potsdam war, Augapfel der Hohenzollern-Herrscher seit Friedrich Wilhelm I., Unesco-Erbe, einzig in der Welt. Oder zweitens: Es handelt sich um eine seit der Wende betriebene feindliche Übernahme durch eine reiche, aggressiv liebende, mäzenatische Schicht von Wessi-Millionären, die sich einen ästhetisch hochwertigen Vergnügungspark aus Betonfassaden zusammengießt und dabei die DDR-Architektur kalkuliert vernichtet. Kurz: Die Stadtentwicklung geht in Richtung nachträglicher Sieg einer Epoche über eine andere. Wahr sein könnten beide Sichtweisen. Momentan prallen sie im Matsch der Garnisonkirchen-Baustelle aufeinander.

"Die braune Soße ist von diesem Gebäude nicht abzuwaschen"

Hier soll er hin – Blick aus der Kapelle auf die Turmbaustelle. © Lena Tropschug für C&W

In der Kapelle am Ort des Wiederaufbaus steht Cornelia Radeke-Engst. Es ist der Tag von Potsdam, der 21. März, und sie ist hier die Pfarrerin, der die Leitung der Veranstaltung obliegt. Drinnen sitzen ein paar Dutzend Gottesdienstbesucher, vor sich die große Glasfront zur Baustelle hin. Sie blicken auf vier Stockwerke hohe Betonmischer, auf denen Gänseblümchenbilder prangen. In der Kapelle hängt ein Bild des Turms, wie er mal war und wieder sein soll. In einer Ecke steht ein Flügel, daneben ein einfacher Altartisch, Kerzen, zur Linken erhebt sich ein kupfernes Trophäenbündel, ein Original von 1925, später geborgen aus dem Sprengungsschutt. Das Trophäenbündel ist übermannshoch, besteht aus stilisierten eingeschmolzenen Standarten, Schilden, Degen und Fahnen. Es sind Siegessymbole, aber als Skulptur. Unter dem Bündel eine erst vor Kurzem angebrachte Inschrift: "Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein". Ein militärisches Objekt, pazifistisch umgedeutet. So soll der ganze Ort werden, geht es nach der evangelischen Kirche.

Vier Trophäenbündel standen auf dem knapp 90 Meter hohen Kirchenturm, der Potsdams höchster war. Wie der Name schon sagt: Garnisonkirche. Erbaut von Philipp Gerlach 1732 über den Ruinen einer Fachwerkkirche, auf Geheiß des Soldatenkönigs, Friedrich Wilhelms I., Vater Friedrichs des Großen. Der Soldatenkönig war, im Gegensatz zu seinem Sohn, ein frommer, ein christlicher Mann, der niemals einen Angriffskrieg geführt hat. Für die Potsdamer Truppen ließ er die Garnisonkirche bauen, sie war ihm direkt unterstellt. Hier wurde ein Bündnis aus Thron und Altar erst geschmiedet und dann zelebriert. Es kam zu Fahnen- und Regimentsweihen und, viel später, zur geistlichen Erbauung reaktionärer preußischer Militärs, die während der Weimarer Republik ganz offen und mit zahlreichen Veranstaltungen in dieser Kirche die Abschaffung der Demokratie betrieben. "Diese Kathedrale des deutschen Militarismus muss wegbleiben!", sagen die Gegner. "Wir können uns unserer verhängnisvollen Geschichte nur erinnern, wenn wir die Kirche wiederaufbauen!", sagt die evangelische Kirche.

Und mittendrin Cornelia Radeke-Engst, die Pfarrerin. "Was ist der Geist von Potsdam"? fragt sie beim Gottesdienst am 21. März. "Nicht nur Militarismus, auch Reform, Toleranz, Loyalität, Staatsräson! Der König empfand sein Gottesgnadentum als Verpflichtung!" In einer militaristischen Umgebung für den Frieden zu beten ist nicht so leicht. Oder ist es ganz leicht, leichter noch als anderswo? Draußen inszenieren die Wiederaufbaugegner den Tag von Potsdam. Sie haben nur einen Darsteller für die beiden historischen Personen gefunden. Der Darsteller trägt einen schwarzen Mantel, vorne ein Eisernes Kreuz, hinten aufgemalte Grabeskreuze, auf dem Kopf eine Pickelhaube, sein Bart ist ein Zwitter aus Hitler-Schnäuzer und Hindenburg-Zwirbel. "Haben die eijentlich jeroocht?", fragt er und steckt sich eine Zigarette an. Während Radeke-Engst drinnen vom Frieden spricht, läuft der Hitler-Hybrid an der Fensterfront der Kapelle vorbei. Ein bizarres Bild, aber es bleibt friedlich. Die Polizei ist da, am Morgen hat es bereits Ärger gegeben, weil Gegner unter klingendem Spiel die Zufahrt zur Baustelle blockiert haben.

"Ich mache diese Arbeit sehr gerne, aber der Job ist nicht direkt vergnügungssteuerpflichtig", sagt die Pfarrerin. "Beim Gottesdienst zur Baueröffnung im Oktober haben die Gegner mich laut als Nazi-Schlampe beschimpft." Sie zerrissen Andachtskalender und kippten Buttersäure aus. Radeke-Engst fragte sich: Breche ich den Gottesdienst ab? Neben ihr zitterten EKD-Granden, es stand Spitz auf Knopf, aber die Pfarrerin hat es durchgezogen und sich ein dickes Fell angelegt. "Es geht mir da um einen Mindeststandard, wir müssen doch wenigstens miteinander reden", sagt Radeke-Engst. Aufgewachsen ist sie in Dresden, mit der Frauenkirchenruine, deren Aufbau sie sich zunächst – später änderte sich das – nicht vorstellen konnte: "Mir wäre damals ein Mahnmal lieber gewesen. Heute finde ich es allerdings schön, dass die Kirche wieder die Stadtsilhouette prägt", sagt sie. Radeke-Engst fände es hilfreich, wenn sich die schwierige Geschichte der Garnisonkirche in der Architektur des Kirchenschiffs widerspiegeln würde, ähnlich wie beim Militärhistorischen Museum in Dresden, in das der Architekt Daniel Libeskind einen Keil getrieben hat.

Diesen Bruch gibt es im Turm. "Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens" soll als große Inschrift in fünf Sprachen in den Turmsockel der Garnisonkirche eingemeißelt werden – eine Art Gegenzauber für einen Bau, in dessen Innerem einst stilisierte Kanonen und Hellebarden prangten. "Die braune Soße ist von diesem Gebäude nicht abzuwaschen", sagte der Wittenberger evangelische Theologe Friedrich Schorlemmer zur Rekonstruktion. Längst ist der Streit um die Kirche zu einem Streit über architektonische Symbole geworden: Was bedeutet es für unser Verhältnis zu ganz verschiedenen Epochen deutscher Geschichte, wenn dieses Haus wiederaufgebaut wird? Kann man architektonische Zeichen durch andere löschen oder überschreiben?

Direkt bedroht vom Kirchenbau ist ein DDR-Gebäude, das teilweise auf Garnisonkirchen-Boden steht. Es ist das alte Rechenzentrum aus dem Jahr 1971. Rund 250 Potsdamer Künstler haben in dem Gebäude Ausstellungsräume und Ateliers. Sollte nach dem Turm auch das Schiff wiederaufgebaut werden, müsste das Zentrum weichen. Schon heute zittert der Boden in dem Gebäude, wenn ein Garnisonkirchen-Bohrer sich durchs alte Fundament frisst.

Der Bildhauer und Maler Stefan Pietryga sitzt in seinem Atelier und kann es nicht fassen. Roter Staub vom alten Fundament hat sich auf seine Fenster gelegt, die Betonmischer verschatten den Ausblick. "Die wollen die größten Denkmalpfleger sein und zerstören doch das einzig Originale, was von der Garnisonkirche noch übrig ist – das Fundament", sagt er. Pietryga ist viel in Kirchen unterwegs, er gestaltet so manchen Innenraum. Von der Rekonstruktion hält er gar nichts. Nicht nur, dass er und seine Kollegen um die Verlängerung ihrer Mietverträge zittern müssen, Pietryga fragt sich auch, ob das Geld, das die EKD in die Garnisonkirche steckt, nicht in klapprigen Dorfkirchen Brandenburgs besser angelegt wäre.

Doch das Geld spricht für das Projekt. Denn das Volk, es spendet ebenso wie die vermögende Elite. In einem weißen Katalog hat die Stiftung Garnisonkirche aufgelistet, was man alles sponsern kann: Sehr gut gehen die Turmziegel, über 3.500 Stück sind schon gespendet worden, 100 Euro das Exemplar. Die isländische Sängerin Björk hat einen gestiftet, die Queen auch, Horst Köhler desgleichen, und so weiter, und so weiter. Man kann für beinahe alles eine Spendenpatenschaft übernehmen. Türschwelle? 10.000 Euro. Flammenvase? 200.000 Euro. Säulenkapitell? 100.000 Euro.

Ein stämmig gemauerter Turm, geziert von schlanken Säulen, sich nach oben hin verjüngend, mit hohen Rundbogenfenstern, mächtig und doch elegant – und damit sehr preußisch, so soll der Turm wiederauferstehen. Schön wäre er ohne Zweifel, aber wie schön? Hat er große architektonische Bedeutung? Wenn man Historikern und Kunsthistorikern in Berlin, Potsdam und anderswo diese Frage stellt, bekommt man wenig Antworten. Jeder fürchtet, in den Grabenkampf hineingezogen zu werden. Horst Bredekamp, Preußenexperte und Gründungsintendant des Berliner Humboldt-Forums, sagt nix, Christopher Clarke, hoch dekorierter Preußenfachmann an der Universität Cambridge, sagt auch nix, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verweist auf die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, welche auf die Stiftung Preußischer Kulturbesitz verweist. Möchte denn niemand die Schönheit der Garnisonkirche loben? Unter anderem deshalb wird sie doch wiederaufgebaut!

"Der böse Geist der Vergangenheit hängt nicht an Mauern"

In der Stadtmitte sind bereits die klassizistische Nikolaikirche und das barocke Schloss wiedererstanden. Original erhalten: die Ringerkolonnade. Weichen muss die baufällige DDR-Fachhochschule. © Lena Tropschug für C&W

"Dass sie schön wäre, das ist das Lieblingsargument der älteren Damen", sagt Andreas Köstler, Professor für Kunstgeschichte an der Potsdamer Uni. Sein Dienstsitz befindet sich im Neuen Palais im Park Sanssouci, doch potsdambesoffen ist er deshalb nicht. "Das preußische Arkadien ist eine Fiktion und es immer gewesen", sagt er. Für die Soldaten der Potsdamer Garnison habe die Stadt eher einem Gefängnis geglichen, einem Militärknast, wer Fahnenflucht beging, musste zum Spießrutenlaufen – das häufig tödlich endete. Und geflohen aus diesem Umfeld ist selbst Kronprinz Friedrich, der spätere Große. Sein Vater, der Soldatenkönig, ließ ihn, nicht aber seinen Flucht-Mitverschworenen, danach nur knapp mit dem Leben davonkommen. Was nun die sprichwörtliche Schönheit der Garnisonkirche betrifft, so lässt Köstler als bedeutend nur ihren Turm gelten, der Rest sei nicht erstklassig gewesen. Auch den Turm nennt er bloß einen stadträumlichen Akzent, ein Meisterwerk sei er nicht. Überhaupt ist die ganze Schönheitsfrage für Köstler eine Scheindiskussion, denn: "Hier wird ein Grundsatz der Denkmalpflege ignoriert: Was verloren ist, ist verloren. Und wird auch nicht wieder aufgebaut." Seit der Dresdner Frauenkirche beobachtet Köstler einen Sündenfall bei vielen seiner Kollegen: "Die wollen auf einmal alles wiederaufbauen, auch das Humbug-Forum! Und dafür spenden die Leute!" Das Berliner Humboldt-Forum auf der Spreeinsel im Herzen der Stadt hat ebenfalls große Probleme. Einerseits wird es als Stadtschloss der Hohenzollern wiederaufgebaut, andererseits soll das Schloss möglichst demokratisch und tolerant daherkommen, was Diskussionen über Sinn und Unsinn historischer Rekonstruktion ausgelöst hat. Was jetzt als Garnisonkirche neu entsteht, hat für den Kunsthistoriker Andreas Köstler bloßen Schauwert, ist nur Fassade, Anno Domini 2018 und damit ahistorisch: "Das, was da jetzt hinkommt, das ist kein Barock mehr, das ist dritter und vierter Barock, also Geschichtsklitterung."

Dem strapazierten Schönheitsargument trauen die Wiederaufbau-Kämpfer selber nicht so ganz über den Weg. Deshalb haben sie ein moralisches Konzept für den Garnisonkirchenturm ausgearbeitet, ethische Stahlträger, die das Bauwerk halten sollen, wenn ästhetische und historische Argumente bröseln. Das Konzept allerdings ist schwer kompliziert. Wen dann besser nach dem theoretischen Überbau fragen als den Vordenker in ethischen Fragen und Spiritus Rector des Neubaus, den ehemaligen EKD-Vorsitzenden, Altbischof Professor Wolfgang Huber?

Huber wohnt im bürgerlichen Südwesten Berlins, gar nicht weit von Potsdam entfernt. In seine Amtszeit als berlin-brandenburgischer Landesbischof fällt der "Ruf aus Potsdam", vermittels dessen die Fördergesellschaft der Garnisonkirche wortmächtig Spender in aller Welt zur Mithilfe aufrief. Heute ist Huber ihr Kuratoriumsvorsitzender. Wolfgang Huber ist ein kluger Mann auf einem schönen Polstersessel in einem ausgebauten Dachgeschoss, doch über die Kritik am Wiederaufbau des Kirchturms kann er sich aufregen. "Die Frage ist nicht: Muss man den Turm wiederaufbauen? Die Frage ist: Darf man ihn wiederaufbauen? Die Gegner wollen das verneinen. Das halte ich für magisches Denken, das ich als Christ nicht akzeptiere. Der böse Geist der Vergangenheit hängt nicht an Mauern. Verantwortlich für diesen Geist waren Menschen. Verantwortlich für eine Fortführung dieses Geistes würden auch heute Menschen sein. Und nicht Mauern. Da werde ich ganz fromm und sage: Diese Sichtweise ist mit meinem christlichen Glauben nicht vereinbar."

Gepredigt hat Wolfgang Huber auch, und zwar während des schwierigen Eröffnungsgottesdienstes zu Baubeginn. Für ihn ist es inakzeptabel, dass Menschen das Recht auf freie Religionsausübung so gering schätzen, dass sie Bibeln zerreißen, einen Gottesdienst lautstark stören und eine Pfarrerin "Nazi-Schlampe" nennen. Er ist der Meinung, dass "man den Abgründen unserer Geschichte nirgends an einem kirchlichen Ort so nah kommen kann wie hier". Deshalb bestehe das ethische Konzept des Turms aus drei Teilen: Geschichte erinnern, Verantwortung lernen, Versöhnung leben. Zusätzlich zu Gottesdiensten soll es im neuen Turm deshalb pädagogische und wissenschaftliche Veranstaltungen zum Umgang mit der Geschichte geben. Ein wissenschaftlicher Beirat für die Garnisonkirche konstituiert sich gerade, von ihm sollen Impulse zur Aufarbeitung der Vergangenheit kommen.

Es ist die Rede von der Versöhnung, welche die Gegner des Neubaus auf die Palme – oder den Turm – treibt. Mit wem wollen die sich denn versöhnen?, fragen sie. Mit den Nazis? Mit den Sprengmeistern Walter Ulbrichts? Mit den englischen Bombern? Am Jahrestag der Bombardierung Potsdams riefen die Gegner deshalb (als Veranstalter war das "Komitee für Preußische Leichtigkeit" eingetragen) zu einer sogenannten Massenversöhnung auf dem Alten Markt auf. "Ab 5:45 wird zurückversöhnt", hieß es auf den Werbeplakaten.

Den Wiederaufbau-Freunden symbolisiert die Kirche eine Idee: die Durchdringung des Staates und seiner Organe, zu denen auch das Militär gehört, mit christlicher Ethik.

"Wenn jemand eine Persiflage auf das Thema Versöhnung an dem Tag inszeniert, an dem man sich in Potsdam an die Opfer des Luftangriffs vom April 1945 erinnert, dann ist das eine Verhöhnung der vielen Opfer, die dieser späte Luftangriff gefordert hat. Da ist eine Grenze überschritten", sagt der Altbischof. Er war es auch, der den ehemaligen Bundeswehrsoldaten und Fan der Garnisonkirche, Max Klaar, mit 6,5 Millionen Euro Spenden vor die Tür gesetzt hat. Klaar wollte das Geld nur übergeben, wenn in der neuen Kirche keine Frauen predigen, keine homosexuellen Paare gesegnet und keine Kriegesdienstverweigerer beraten würden. "Daraufhin sagte ich ihm: Was in dieser Kirche geschehen wird, bestimmen nicht Sie, sondern die Kirche selbst", erklärt Huber.

Drin sein im neuen Turm werden eine Kapelle, Ausstellungsflächen, Seminarräume, ein Café, ein Shop, eine Bibliothek und eine Aussichtsplattform und nichts, was nur im Entferntesten bellizistisch stimmen könnte. Alexander Gauland sei mal bei einem Gottesdienst gewesen, aber, von der Liberalität des Ortes überrascht, niemals wiedergekommen, sagt die Pfarrerin. Zeit ihres Bestehens allerdings hat die Kirche Militärs angezogen. Friedrich der Große und sein Vater lagen hier begraben. Hitler, der das Preußentum stets ideologisch missbraucht hat, kommentierte das am Tag von Potsdam so: "Möge uns dann aber auch die Vorsehung verleihen jenen Mut und jene Beharrlichkeit, die wir in diesem für jeden Deutschen geheiligten Raume um uns spüren als für unseres Volkes Freiheit und Größe ringende Menschen zu Füßen der Bahre seines größten Königs."

Für die einen sind es die Bagger des Missvergnügens, für die anderen sind es die Bagger der Freude. Sei dem, wie ihm sei, sie rollen. Das Problem mit Symbolen ist, dass sie verschieden gedeutet werden können. Den Wiederaufbau-Freunden symbolisiert die Garnisonkirche eine Idee: die Durchdringung des Staates und seiner Organe, zu denen auch das Militär gehört, mit christlicher Ethik; das Gebundensein der Obrigkeit an höhere Normen und Werte einer allgemeinen Menschlichkeit, die neben Treu und Redlichkeit auch Toleranz übt. Für die Gegner symbolisiert die Garnisonkirche die Pervertierung dieser Idee: die Indienstnahme christlicher Werte und kirchlicher Autorität durch ein Unrechtsregime, deren Keim in der Architektur des Gebäudes selbst – durch Vermischung sakraler und militärischer Elemente – schon angelegt war. Diesen Interpretationsproblemen, die sich aus der Natur der Garnisonkirche als Symbol ergeben, kann man sich nur entziehen, wenn man ihr den Symbolcharakter abspricht und sagt: Sie bedeutet nichts. Sie ist nicht schuldig an ihrer Rezeption und an ihrem Missbrauch im gleichen Sinn, in dem auch Richard Wagners Noten unschuldig am Antisemitismus ihres Verfassers und dem Missbrauch durch die Nationalsozialisten sind. Dann stellt sich nur noch eine Frage: Ist das Kunstwerk nun schön oder nicht schön? Dann liegt die Macht beim und im Auge des Betrachters. Insofern werden Potsdams Besucher, die eben kommen oder es lassen, das letzte Urteil über die Garnisonkirche sprechen.

Korrekturhinweis: In der Printversion dieses Artikels wurde Björk als schwedische Sängerin bezeichnet. Sie stammt jedoch aus Island. Wir haben das online korrigiert. Die Redaktion