Der Weltgeist wird diese Woche einmal mehr die Faust ballen und Geschichte hämmern, steigt doch schließlich das Finale von Germany’s next Topmodel. Die Sendung ist dieses Jahr besonders interessant, weil sie die wesentlichen Gedanken in Søren Kierkegaards Die Krankheit zum Tode eindrucksvoll illustriert. Bei GNTM, muss man wissen, sind derzeit noch vier Mädchen übrig: Pia, Julianna, Christina und Toni. Nur eine kann am Ende das sogenannte Topmodel werden. In diesem Jahr ist dies das Mädchen Toni. Notabene: Zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Textes ist das Finale noch nicht gelaufen, aber es ist offensichtlich, dass Toni gewinnen wird. Warum? Weil Toni das Topmodel ist. Die anderen Mädchen wollen nur Model sein oder wollen sogar in Wahrheit überhaupt nicht Model sein, und sie werden deswegen auch nicht Model sein.

Womit wir bei Kierkegaard sind.

Die Krankheit zum Tode, von der der Philosoph in seinem Buch schreibt, ist die Verzweiflung. Kierkegaard behauptet, dass eigentlich alle Menschen verzweifelt sind. Auch diejenigen, die das nicht von sich sagen würden. Die Wurzel aller Verzweiflung, sagt Kierkegaard, liegt in der Tatsache, dass der Mensch ein Verhältnis zu seinem Selbst hat. Alle Verzweiflung, so schreibt es Sören Kirchengarten, der Herr Friedhof, liegt in einem ungelenken Selbstverhältnis begründet und lässt sich letztlich auf zwei Formen herunterbrechen: "verzweifelt nicht man selbst sein zu wollen", also das eigene Selbst nicht zu lieben; und "verzweifelt man selbst sein zu wollen", also das eigene Selbst lieben zu wollen und das nicht zu können. Man wird schon vom bloßen Drüber-Schreiben ganz traurig.

Das Perverse an GNTM ist natürlich, dass diese Sendung reihenweise Mädchen anlockt, die in einem dieser beiden Sinne verzweifelt sind. Die Sendung lebt davon, diese Verzweiflung aufzudecken, den Hunger, den Mangel, und wahrscheinlich lebt sie außerdem davon, dass wir uns damit identifizieren können, was, oh Mann, bedeutet, dass Kierkegaard recht haben könnte. Tröstlich an Kierkegaards Buch ist unterdessen, dass er einen Weg aus der Verzweiflung kennt, und das Tolle an dieser Staffel von GNTM ist, dass dieser Weg darin so einwandfrei demonstriert wird.

Kierkegaard schreibt also, als schlimmste Form der Verzweiflung gelte, wenn man nicht wisse, dass man in Wirklichkeit verzweifelt sei. Besser sei es, wenn man weiß, dass man verzweifelt ist, allerdings ist man dann verzweifelt, und das ist furchtbar. Aber erst wenn man um seine Verzweiflung weiß, kann man sie überwinden.

Dieses Jahr gibt es bei GNTM für jeden Verzweiflungstypus ein Beispiel. Die unbewusst verzweifelte Pia, ein sogenanntes curvy body-Mädchen, will verzweifelt sie selbst sein dürfen. Die unbewusst verzweifelte Christina, die mit einem Ehrfurcht gebietenden Narzissmus unbedingt Siegerin werden will, möchte also, das ist die Kierkegaardsche Pointe, verzweifelt nicht sie selbst sein, denn so selbstverliebt sie erscheint, leidet sie ungeheuer daran, nicht das zertifizierte Topmodel zu sein. Ein Schritt nach oben, ein melancholischer Lichtblick schon ist Julianna, die in der Sendung bereits die eigene Verzweiflung erkannt hat. Sie hat ausdrücklich begriffen, dass sie nicht sein kann, was sie werden wollte. Deshalb ist sie verzweifelt, aber immerhin bewusst verzweifelt.

Und dann ist da am Ende Toni, die alle anderen so offensichtlich deswegen aussticht, weil sie nicht verzweifelt ist. Sie will nicht das Topmodel werden, sondern sie ist es bereits, und sie wird es deswegen auch werden. Toni strahlt etwas aus, das den anderen drei Mädchen fehlt: ein Selbst, das sich selbst in allen Möglichkeiten und Grenzen genuin kennt und liebt, eine ungeheure freundliche Gelassenheit, ein Bewusstsein, vom lieben Gott wundervoll gemacht worden zu sein.

Wir wollen alle wie Toni sein, aber Kierkegaard und GNTM lehren uns: Sei nicht wie Toni, sondern wie du selbst, denn willst du werden, was du nicht bist, so wirst du unglücklich sein. Trost für Christina, Pia, Julianna und uns: Wenn du nicht wirst, was du werden wolltest, heißt das noch lange nicht, dass du unglücklich werden musst. Erst mal verzweifelst du nur, hurra!