DIE ZEIT: Herr Abu Artema, Sie haben zu den Demonstrationen an der Grenze des Gazastreifens zu Israel aufgerufen. Zur Bilanz gehören mehr als hundert Tote durch die Scharfschützen der israelischen Armee. Sie wussten, dass die Teilnehmer sich in Gefahr begeben würden. Bereuen Sie Ihren Aufruf?

Ahmed Abu Artema: Ich trauere um jedes Opfer, aber ich bereue nichts. Man kann die Initiative zu diesem Protest und die Art, wie er sich dann entwickelte, nur verstehen, wenn man sie im Rahmen unserer Realität im Gazastreifen betrachtet. Wir leben unter israelischer Blockade. Es fehlt am Nötigsten. Die Wirtschaft liegt brach, die gesundheitliche Lage ist schlecht. Menschen sterben hier deswegen. Junge Menschen sind ohne Arbeit, ohne Zukunftsperspektive, ohne Hoffnung. Wir können uns hier kein Leben aufbauen, aber weggehen können wir auch nicht. Es ist ein Gefängnis unter freiem Himmel. Wir haben keine andere Wahl, als uns dagegen zu wehren. Für mich ist friedlicher Massenprotest der einzig mögliche Weg, um an unserer Situation etwas zu ändern. Nichts anderes haben wir getan: als Palästinenser an den Gittern unseres Gefängnisses zu rütteln.

ZEIT: Das erklärte Ziel der Demonstrationen ist die "Rückkehr" der palästinensischen Flüchtlinge in ihre Heimatdörfer – im heutigen Israel. Das ist kaum realistisch, und es schreckt auch alle auf, die um Israels Existenz besorgt sind. Warum etwas fordern, das nicht erfüllbar ist?

Abu Artema: Wir fordern die Rückkehr, weil es unser Recht ist. Die meisten Menschen in Gaza sind Flüchtlinge. Es sind Palästinenser, deren Familien vor 70 Jahren vertrieben wurden. Das Recht auf Rückkehr ist durch UN-Resolutionen verbrieft, es ist internationales Recht. Israel weigert sich, das anzuerkennen. Wir wollen frei, selbstbestimmt und in Würde leben, so wie der Rest der Welt auch. Die Besatzung ist ein anormaler Zustand, und dass sie schon so lange andauert, macht sie kein bisschen normaler. Genau das haben wir mit dem "Marsch der Rückkehr" erreicht: Wir haben der Welt klargemacht, dass wir hier unter Besatzung leben, nicht in der Normalität.

ZEIT: Der Marsch ist aber nicht friedlich geblieben. Es wurden Drachen mit Molotowcocktails über die Grenze geschickt. Einzelne haben versucht, mit Waffen den Zaun zu überwinden. Die in Gaza regierende Hamas, die in Israel und in der EU als Terrororganisation eingestuft wird, hat erklärt, die Hälfte der Toten seien ihre Leute gewesen. Haben Sie zugelassen, dass Ihr Protest gekapert wird?

Abu Artema: Der Marsch war explizit als friedlicher Protest konzipiert. Wir haben uns bewusst dazu entschlossen, ihn für alle zu öffnen, auch für jede politische Gruppe, die sich dem Konzept anschließen wollte. Das schließt Hamas ein. Es ist doch gut, wenn sie sich zu einer friedlichen Form des Protestes bekennt. Wir als Koordinatoren haben uns die ganze Zeit dagegen ausgesprochen, dass irgendeine Form von Bewaffnung stattfindet. Die Bewegung ist jedoch so groß geworden, dass wir nicht überall sein konnten, um die Menschen davon abzuhalten. Wir wollten eine gesellschaftliche Bewegung starten. Der "Marsch" hat erreicht, dass sämtliche politischen und zivilgesellschaftlichen Kräfte sich hinter die Idee des friedlichen Widerstands versammeln. Wir Initiatoren vertreten unsere Werte so deutlich, wie es nur geht.