Die Heimat, die Sehnsucht nach regionaler Verbundenheit, hat wieder Konjunktur. Regionale Küche, Urlaub im Umland oder neues Arbeiten in alten Gemäuern auf dem Land liegen im Trend. Die Politik liefert sich einen Wettbewerb um das neue Zukunftsthema. Gleich zwei Bundesministerien beanspruchen das Copyright für Heimat: das Landwirtschafts- und das Innenministerium. Julia Klöckner (CDU, geboren im 50.000-Einwohner-Städtchen Bad Kreuznach) und Horst Seehofer (CSU, aus Ingolstadt, 135.000 Einwohner) wollen den ländlichen Raum attraktiver machen und für gleichwertige Lebensverhältnisse sorgen. Das Thema "Leben auf dem Land" wird dabei eine Schlüsselrolle spielen.

Einer neuen Allensbach-Umfrage zufolge verbinden die Deutschen mit Heimat weniger eine nationale denn eine regionale Identität. Die Mehrheit der Deutschen wohnt weder in einem Dorf noch in einer Großstadt, sondern in kleinen und mittleren Städten. Nicht einmal jeder dritte Deutsche lebt in einer Großstadt mit über 100.000 Einwohnern.

Das stetige Wachsen der Städte und Schrumpfen der ländlichen Regionen ist kein Naturgesetz. Der jahrzehntelange Trend zur Landflucht, wonach immer mehr Menschen in die Städte ziehen und das Land verlassen, scheint neuerdings gestoppt. Die Bundesstiftung Baukultur fragte zuletzt 2015, wo die Deutschen am liebsten leben würden. Fast 80 Prozent der Befragten gaben an: auf dem Land oder in einer Mittel- oder Kleinstadt.

Die große Mehrheit der Deutschen zieht es nicht mehr in die Großstädte. Erstmals seit zwanzig Jahren ist die Differenz aus Zu- und Fortzügen in den sieben größten deutschen Städten negativ. Die Trendwende kann sich in Zukunft noch beschleunigen. Für das Comeback der ländlichen Regionen sprechen demografische, ökonomische und auch technologische Gründe.

Erstens: Die Bevölkerungsprognosen für die nächsten Jahrzehnte müssen aufgrund der Zuwanderung in den letzten Jahren neu berechnet werden. Deutschland wächst. Bis 2021 prognostiziert das Institut der deutschen Wirtschaft einen Anstieg der Einwohner von heute circa 82 auf dann rund 84 Millionen. Insbesondere für die Schrumpfungsregionen in West- und Ostdeutschland, die unter Abwanderung leiden und massiv Einwohner verloren haben, ist die neue Zuwanderung nach Deutschland eine Chance.

Zweitens spricht ökonomisch einiges fürs Land. Viele Regionen, die von Abwanderung bedroht sind, suchen händeringend nach Arbeitskräften. Nur in zehn von insgesamt 402 deutschen Landkreisen ist in den letzten Jahren die Zahl der Arbeitsplätze gesunken. Viele erfolgreiche Weltmarkführer haben in der Provinz ihren Sitz. Die Mehrheit dieser meist kleinen und mittleren Unternehmen sucht Fachkräfte, fast alle suchen Auszubildende. Die Beschäftigung ist im ländlichen Raum deutlich stabiler. Die Zahl der Arbeitslosen geht dort stärker zurück als in den Großstädten.

Drittens: Immer weniger Menschen können sich künftig in den Großstädten eine Wohnung leisten. Der Wohnbedarf wird sich dort nur zur Hälfte decken lassen. Forscher warnen vor einer neuen Wohnungsnot. Wegen der höheren Lebenshaltungskosten insbesondere für Wohnen gilt nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft jeder fünfte Bewohner einer deutschen Großstadt als kaufkraftarm.

Während Städter 25 bis 45 Prozent ihres Einkommens für Miete ausgeben, sind es in den ländlichen Regionen oft nur zehn Prozent. Die Eigenheimquote liegt hier bei 80 Prozent. Die Armut wird sich künftig zunehmend in den Metropolen und Ballungsgebieten konzentrieren.

Die digitale Revolution macht, und das ist der vierte Punkt, das Leben auf dem Land für mehr Bürger möglich. Die Digitalisierung führt zu einer Dezentralisierung von Leben und Arbeiten. Wenn überall flächendeckend schnelles Internet verfügbar ist, lassen sich viele Tätigkeiten in jedem Dorf oder jeder Kleinstadt ausführen. Neue Formen der Mobilität entstehen. Lange Wegstrecken und Pendeln sind künftig passé, weil immer mehr Menschen von zu Hause aus arbeiten. Die Menschen werden mehr Zeit mit der Familie und für sich selbst haben.

Gerade deswegen werden sie mehr reisen und unterwegs sein wollen. Eine Mobilitäts-Flat für alle würde den Unterschied zwischen Land und Stadt ebenso einebnen wie ein Deutschland-Ticket für alle regionalen Verkehrsverbünde. Eine Antwort auf den Ärztemangel vor Ort sind Online-Praxen. "Mobile Health" bringt den Landarzt wieder zurück – auf den Bildschirm des Heimcomputers. In Baden-Württemberg dürfen Ärzte Patienten auch am Telefon oder online behandeln. Das Rezept und die Krankschreibung folgen per E-Mail. Lange Wegstrecken und Wartezeiten werden überflüssig und das Gesundheitssystem wird entlastet.

Deutschlands Städte und Regionen sind in Zukunft mehr denn je aufeinander angewiesen. Smart Cities und Smart Countries bedingen einander. Was fehlt, ist eine "Agenda Heimat 4.0" für Daseinsvorsorge und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Gefragt sind innovative Gesamtstrategien für die Zukunftsthemen Digitalisierung, Mobilität, Gesundheit, Bildung, neues Arbeiten und Tourismus. Voraussetzung ist eine bessere Infrastruktur und Anbindung der ländlichen Regionen, Klein- und Mittelstädte an die Metropolen.

Die bisherigen Gegensätze Urbanisierung und Regionalisierung verschmelzen. Die Zukunftsforschung hat für den Wandel einen schönen Begriff erfunden: "Glokalisierung". Wir sind global unterwegs und lokal zu Hause. Wir leben in der Heimat, überblicken aber einen weiten Horizont. Aufs Land ziehen ist kein Umzug mehr zurück in die Provinz, sondern nach vorne in die Zukunft.