Am Ende werden wir 70 Kilometer unterwegs gewesen sein, eine Rundfahrt mit dem Auto auf den schlechtesten Straßen der Stadt. Ergebnis: ein einziges Schlagloch. Will man es sich einfach machen, könnte man es dabei bewenden lassen: Die Straßen sind okay.

Es wäre ignorant, so zu urteilen, etwa so, als ginge man erst zum Zahnarzt, wenn es sehr wehtut. Und doch ist eine solche Herangehensweise in Hamburg lange üblich gewesen. Viele Jahre sind Regierungen in dieser Art verfahren: Solange man noch vorwärtskommt, sind Straßen kein Problem.

Gerade hat die Landesregierung einen neuen Straßenzustandsbericht vorgelegt. Er fasst mehr als hunderttausend Einzeldaten zusammen, das 550 Kilometer lange Netz der wichtigsten Straßen wird in 20 Meter lange Abschnitte zerlegt und jeder einzelne davon unter fünf verschiedenen Gesichtspunkten bewertet. In einen so umfangreichen Datensatz kann jeder hineinlesen, was er dort sehen möchte. Die Landesregierung sieht Fortschritte, die CDU einen "Griff in die Statistik-Trickkiste", der nichts "am schlechten Gesamtzustand der Straßen in Hamburg" ändere.

Sehen wir uns das selbst an: Abfahrt beim Speersort in der Innenstadt, am Steuer sitzt Jörn Gottschalk, 56 Jahre alt, Taxifahrer seit 30 Jahren. Weit über eine halbe Million Kilometer hat er im Lauf der Jahrzehnte hinter sich gebracht. Gottschalk muss ein sehr guter oder sehr glücklicher Autofahrer sein, denn er ist nur zweimal verunglückt, einmal davon durch eigene Schuld. "Statistisch", sagt er, "wäre ich überfällig, schon seit Jahren."

Für den Taxifahrer sind die Straßen sein Arbeitsplatz, wie nimmt er ihn wahr? Mit einem erstaunlichen Blick für Details. "Wenn auf einmal ein Schlagloch wieder da ist, das ein Jahr nicht da war", sagt er, "das fällt schon auf."

Wir biegen in die Willy-Brandt-Straße ein, sanft schaukelt der Mercedes beim Abbiegen durch die Spurrillen. Die Straße zwischen Rödingsmarkt und Deichtorplatz gehört zu den am stärksten befahrenen der Stadt, mehr als 50.000 Autos kommen hier an Werktagen durch, es waren allerdings auch schon deutlich mehr. Das größte Problem sind die Lastwagen, jeder einzelne von ihnen richtet so viel Schaden an wie mehrere zehntausend Personenwagen zusammen. Sieben Prozent Schwerlastanteil machen die Straße zur Dauerbaustelle, und so sieht sie aus. Auf dem Asphalt reiht sich Flicken an Flicken.

"Das ist bei vielen Straßen so, gerade bei den Haupt-, Ein- und Ausfallstraßen", sagt Gottschalk. Das ist die auffälligste Beobachtung auf dieser Rundfahrt. Wir haben uns gezielt Strecken ausgesucht, die im aktuellen Zustandsbericht schlecht abschneiden. Sie alle sind gut befahrbar, doch die Asphaltdecke der Straße ist Flickwerk.

Ist das ein Problem? Durchaus. Reparaturstellen im Asphalt sind nicht nur Ergebnis vergangener Sanierungsversuche, sondern auch Vorboten neuer Baustellen. Sie reißen schnell ein, und wo Wasser eindringt, gefriert und Risse erweitert, werden bald neue Ausbesserungsarbeiten nötig.

Im Straßenzustandsbericht der Verkehrsbehörde ist das Ausmaß solcher provisorischen Sanierungsarbeiten daher eines der wichtigsten Kriterien. Sogar Flicken werden bei der Zustandsbeurteilung in bessere und weniger gute eingeteilt. Gefürchtet sind aufgeklebte Billigflicken, besser ist es, der alte Asphalt wurde aufgetrennt und entfernt, das Loch neu gefüllt und der Übergang vom alten zum neuen Deckmaterial mit einer elastischen Fuge versehen. Das hält länger, aber immer noch nicht so gut wie eine unversehrte Asphaltdecke.

Was denkt der Taxifahrer über das Hamburger Flickwerk? Jörn Gottschalk neigt nicht zu drastischen Formulierungen. "Es gab eine Zeit", sagt er, "das ist noch nicht so lange her, da wirkten die Straßen schon ein bisschen vernachlässigt."

Und heute? "Peu à peu ist der Eindruck entstanden, dass da ziemlich was gemacht wird."