Die Silurianer sollen intelligente Echsen gewesen sein. Angeblich haben sie vor 450 Millionen Jahren auf der Erde gelebt und ihre eigene Technologie entwickelt, vergleichbar der menschlichen von heute. Natürlich sind die Silurianer eine Erfindung, sie stammen aus einer Folge der britischen Fernsehserie Dr. Who.

Jetzt aber stehen die Silurianer Pate für eine außergewöhnliche wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel Die Silurianer-Hypothese. Kein Quatsch. Der Fachaufsatz stammt von seriösen Wissenschaftlern, nämlich dem Klimaforscher Gavin Schmidt, Direktor des Goddard Institute for Space Studies der Nasa, sowie dem Physiker Adam Frank von der University of Rochester. Die beiden fragen sich: Könnten Geologen Spuren einer untergegangenen Industriegesellschaft in den stratigrafischen Aufzeichnungen, also den Ablagerungen der Erdgeschichte, erkennen? Dabei geht es Schmidt und Frank nicht um die Silurianer, sondern um uns selbst – in radikaler Zeitrafferperspektive.

Die Stratigrafie ist so etwas wie das Tagebuch des Planeten. Geologische Schichten zeugen allerdings nicht von den Geschehnissen einzelner Tage, sondern ganzer Epochen. Berge türmen sich auf und vergehen, Meeresboden fällt trocken und wird Land, Klimazonen verschieben sich, Tierarten entstehen und sterben aus. Und am Ende bleiben davon vielleicht ein paar Millimeterchen Sediment.

Archäologen der näheren Zukunft mögen einmal Handys oder Kaffeebecher aus dem frühen 21. Jahrhundert ausgraben. Gebäude und Anlagen? Der Gedanke an die Hinterlassenschaften einer untergegangenen Industriegesellschaft erinnert an Alan Weismans Sachbuch Die Welt ohne uns, in dem dieser beschreibt, wie Städte, Autobahnen und Fabriken von der Natur zurückerobert werden (ZEIT Nr. 41/07). Doch das alles ginge zu schnell vonstatten, um sich auf einer Zeitskala, die in Multimillionen Jahren misst, niederzuschlagen. Stattdessen blicken Schmidt und Frank auf die Geochemie. Wie sehen Ablagerungen natürlicherweise aus, und welche Spuren darin ließen sich als Zeugnisse industrieller Aktivität deuten?

Es gäbe da einige. Eine entsprechende Kultur könnte man zum Beispiel daran erkennen, dass sich plötzlich große Mengen von Blei und Chrom, Rhenium, Platin und Gold in einer Sedimentschicht zeigten, dass sich darin feinste Plastikpartikel und Rückstände synthetischer Steroide fänden, dass der Mix der Kohlenstoff-Isotope von einem starken Anstieg des atmosphärischen Kohlendioxid-Gehalts zeugte – kurz gesagt daran, dass in ferner Vergangenheit dieselben geochemischen Signale entstanden sein sollten, wie wir sie gerade selbst erzeugen.

Deshalb sind die Gedanken von Schmidt und Frank nicht nur für Erdgeschichtler interessant. Sie gehören in die anhaltende Debatte um das Anthropozän, jene neue geochronologische Epoche, die nach ihrem prägenden Einflussfaktor benannt werden soll, nach anthropos, dem Menschen.

Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen hatte den obskuren Begriff bei einer Konferenz im Jahr 2000 popularisiert; zwei Jahre später schrieb Crutzen in Nature: "Während der vergangenen drei Jahrhunderte sind die Auswirkungen der Menschen auf die globale Umwelt eskaliert. (...) Es erscheint angemessen, den Terminus "Anthropozän" auf die gegenwärtige, vielfältig vom Menschen dominierte geologische Epoche anzuwenden." Seitdem streiten sich die Erdwissenschaftler. Ihre oberste Fachgesellschaft, die International Union of Geological Sciences, hat eine Arbeitsgruppe eingesetzt, um die Faktenlage zu sortieren. Mehrere Gremien haben sich auf dem Weg durch die Geo-Bürokratie schon dafür ausgesprochen. Aber frühestens 2019 könnte das "Anthropozän" offiziell ausgerufen werden – oder verworfen.

Denn kurioserweise ist der Begriff schneller zum soziologischen Faktum gereift als zu einem naturwissenschaftlichen. Er steht für die Folgen menschlichen Handelns zum Beispiel in Gestalt von Klimawandel, Artenschwund ("Das sechste Sterben") oder der Umlenkung der planetaren Nährstoffströme. Politiker und Umweltschützer bemühen die Vokabel, in den Feuilletons deuten Philosophen und Juristen sie aus. Ob das Konzept aber auch den Geowissenschaftlern genügen wird, das ist unsicher – wenngleich vieles darauf hindeutet. Das hat viel mit Timing zu tun. So gewaltig und zum Teil verhängnisvoll uns erscheinen mag, was gerade mit der Erde geschieht, so ist es doch zeitlich ein punktuelles Phänomen. Was sind schon 300 Jahre der aktuellen geologischen Ära angesichts der seit 66 Millionen Jahren währenden Erdneuzeit (Känozoikum)?

Schmidt und Frank bezeichnen den "Fingerabdruck" des Anthropozäns zwar als "klar", legen aber dar, dass viele einzelne Faktoren erdgeschichtlich nicht einzigartig sind. "Es gibt zweifelsfrei Ähnlichkeiten zwischen früheren abrupten Ereignissen in der geologischen Abfolge und der voraussichtlichen Signatur des Anthropozäns in künftigen Ablagerungen."

Vom Anthropozän bis zu den Aliens

Zurück zur Hypothese von den Silurianern! Was bedeutet all das nun für die Annahme, vor vielen Millionen Jahren könnte eine Industriezivilisation auf Erden existiert haben? "Es ist vielleicht ungewöhnlich", schreiben Schmidt und Frank, "aber die Autoren dieses Aufsatzes sind nicht überzeugt von der Richtigkeit der von ihnen vorgeschlagenen Hypothese." Anders gesagt: Natürlich gab es keine Silurianer. Dennoch sei eine solche geochemische Spurensuche sinnvoll. Sie könnte etwa zum Nachweis längst erloschenen Lebens auf anderen Himmelskörpern dienen. Nicht ohne Grund veröffentlichen Schmidt und Frank ihren Aufsatz im International Journal of Astrobiology.

Mit dem Blick ins Weltall schließt sich der intellektuelle Bogen, den die Forscher durch die Erdgeschichte und in die ferne Zukunft schlagen. Sie bedienen sich dafür der berühmten Formel des Astronomen Frank Drake aus dem Jahr 1961. Darin finden sich alle Faktoren für die Häufigkeit außerirdischer, kommunikationsfähiger Zivilisationen. Das wird als spekulative Antwort auf die berühmte Frage des italienischen Nobelpreisträgers Enrico Fermi verstanden, der im Jahr 1950 mit himmelwärts gerichtetem Blick gemurmelt hatte: "Wo sind sie bloß alle?" Falls um Unmengen von Sternen Planeten kreisen und sich auf einem Teil davon Leben entwickelte, aus dem womöglich Zivilisationen hervorgingen, warum haben Menschen dann niemals ein Signal aus der Milchstraße aufgefangen? Dieser Gedanke ging als Fermi-Paradox in die Wissenschaftsgeschichte ein.

Eine Antwort vermag sowohl das Paradox aufzulösen als auch die Aussicht zu dämpfen, dass Spuren einer irdischen Industriegesellschaft auf der geologischen Zeitskala erkennbar bleiben. Es geht um den Faktor "L" in Drakes Gleichung, der Langlebigkeit hochtechnisierter Zivilisationen. "Die Möglichkeit, eine Erscheinung von nur ein paar Jahrhunderten (oder weniger) aufzuspüren, ist fragwürdig", schreiben Schmidt und Frank bezogen auf die Stratigrafie. Natürlich gilt dasselbe für ferne Zivilisationen, die nur für kurze Zeit Signale aussenden. Beides wäre erdgeschichtlich nicht mehr als ein Wimpernschlag.

Ist also diese ganze Gedankenübung vom Anthropozän bis zu den Aliens nicht mehr als eine Lektion in Demut?

Gavin Schmidt hat parallel eine Science-Fiction-Kurzgeschichte geschrieben. In Under the Sun fantasiert er von einer Geochemikerin, die zufällig in 55 Millionen Jahre alten Sedimenten auf Spuren von PCB stößt, einer Stoffgruppe, die von Menschen erstmals im Jahr 1881 in einem deutschen Chemielabor erzeugt wurde. Diese Entdeckung wird in der Story als Beleg für die Existenz einer vormenschlichen Industriegesellschaft gedeutet. Doch die schriftstellerische Zweitverwertung des wissenschaftlichen Gedankenspiels geht noch weiter und rückt uns die fiktiven Silurianer erschreckend nahe. Findet sich doch in den Proben aus ihrer Schicht ein zweites Zeugnis der fernen Vergangenheit: Plutonium-244, ein radioaktives Isotop mit einer Halbwertszeit von 80 Millionen Jahren. Es entsteht nur bei der Zündung einer Kernwaffe.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio