Es waren Fälle wie der von Savita Halappanavar, die in Irland eine Neubesinnung auslösten. Der Zahnärztin aus Indien wurde 2012 in einem Krankenhaus in Galway ein Schwangerschaftsabbruch verwehrt, obwohl sich infolge einer Infektion des Fötus eine Fehlgeburt abzeichnete. Die Ärzte sagten der 31-Jährigen, solange das Herz des Kindes schlage, könnten sie nichts unternehmen. Denn die irische Verfassung enthält eine radikale Gleichsetzung: Eine befruchtete Eizelle genießt dasselbe Lebensrecht wie die Mutter. Halappanavar erlitt eine Blutvergiftung und starb drei Tage später.

Am Schicksal der jungen Frau entzündete sich eine Debatte über jene Regelung, die viele Bürger nicht zuletzt als Machtüberrest eines durch Missbrauchsskandale gründlich diskreditierten katholischen Klerus betrachten. Am Freitag werden die Iren über eine Verfassungsänderung abstimmen. Sie würde ein Abtreibungsrecht zulassen, das ungefähr dem deutschen entspräche.

Doch je näher es auf den Tag der Abstimmung zugeht, desto mehr wird die Diskussion um eine neue Güterabwägung von einer zweiten, ebenso grundsätzlichen Debatte überlagert: Welche Leute eigentlich, von wo und mit welchen Mitteln, mischen in diesem emotionalen Gefecht mit?

Irland - Referendum über Abtreibungsregelung In Irland sind Befürworter und Gegner des Abtreibungsverbots auf die Straßen gegangen. Für das Referendum am Freitag liegen laut Umfragen die Gegner leicht vorne. © Foto: Brian Lawless/PA Wire/dpa

Denn Irland mag zwar ein kleines Land sein, der Abtreibungsstreit jedoch ist Teil eines größeren Kulturkampfes, der gerade im gesamten Westen tobt und den manche in der Forderung zuspitzen, dass es jetzt langsam einmal genug sein müsse mit der liberalen Agenda des städtischen Establishments. Diese Überhöhung zieht Lobbygruppen von weit entfernt an. Und wie ein Gewitter geht die ideologische Ladung gerade auf die Insel nieder.

Internet-Forscher in Dublin, die sich zu einer "Referendums-Transparenz-Initiative" zusammengeschlossen haben, zählten in den Timelines von 600 irischen Facebook-Usern rund 500 politische Werbebotschaften zur Abtreibung, viele davon aus dem Ausland geschaltet. Unter den Aktivisten findet sich eine Gruppe namens "Vereinte schwangere Mütter" aus den USA, außerdem noch eine weitere Stiftung, die in Amerika Anti-Abtreibungs-Kampagnen finanziert, oder auch eine "Catholic Marketing and Technology"-Firma aus Texas, die sogar so offen war, auf ihrer Facebook-Seite zu schreiben: "Wir sind heute in Dublin. Betet für uns! #warroomsessions".

Abgeordnete und Journalisten fürchten, die traditionell auf Vertrauen, gründliche Debatten und Fair Play bauende politische Kultur Irlands verwandele sich gerade in einen Wilden Westen, in dem alle möglichen finanzkräftigen Influencer gegeneinander aufmarschieren. Auf der Insel wacht eine staatliche Behörde darüber, dass vor Referenden alle Seiten im Radio und im Fernsehen ausgewogen zu Wort kommen und kein Geld aus dem Ausland annehmen. Amnesty International steht gerade vor Gericht, weil der US-Milliardär George Soros seine Pro-Reform-Kampagne mit 137.000 Euro unterstützt haben soll. Für das Internet gibt es keine solche Wacht.

Sogar John McGuirk, der Sprecher der größten irischen Gruppe gegen eine Abtreibungsreform, zeigt sich genervt von den ungewollten Alliierten. "Die Amerikaner glauben, was für Trump in Alabama oder Wisconsin geklappt hat, klappt in der Abtreibungsdebatte auch hier. Das tut es aber nicht." Im Dubliner Büro des "Life Institute" ist McGuirk umstellt von Kartons mit Postwurfsendungen und Stapeln von Plakaten. Er wünschte, sagt McGuirk, die Amerikaner würden verschwinden und all ihre Online-Anzeigen einpacken. Warum? "Weil sie es versauen." Im übersichtlichen Irland sei es schließlich kein Problem, Wähler anzusprechen. Die entscheidende Frage sei, wie man dies tue.

Tatsächlich sind es die Iren nicht bloß gewohnt, dass Politiker und Interessenvertreter persönlich an ihre Haustüren klopfen. Sie erwarten es sogar. Canvassing heißt diese Form der Ansprache von Angesicht zu Angesicht – ein Wort, für das es keine rechte Übersetzung gibt. Es stammt von canvas, Leinwand, und vielleicht steht es etymologisch wie praktisch am ehesten für die Bemühung, ein Thema gründlich durchzusieben.