Kristine Rott, Witwe des norwegischen Fischers Berthon Rott, ist 89 Jahre alt. Die Augen altershell, der Gang gebückt, durch ihre Wohnung bewegt sie sich mithilfe eines Rollators. Sie ist aufgeregt, denn endlich soll Berthons Geschichte den Weg in die Welt finden. Kaum etwas hatte sich ihr Mann, tot seit zehn Jahren, am Ende seines Lebens mehr gewünscht. An seiner Stelle will sie jetzt endlich sprechen.

Vor den Panoramascheiben ihres Wohnzimmers liegt der kleine Hafen von Tananger im Südwesten Norwegens wie eine Theaterbühne. Die Kulisse: die Boote der Fischer, die weiß getünchten Häuschen, eins ordentlicher als das andere, und die Mole, auf der ihr Mann an einem Novembertag 1970 sein Netz ausgebreitet hatte.

Die Witwe erzählt: Berthon hatte an seinem Netz herumgeflickt, da fiel ihm die schöne Frau am Ende des Piers auf. Reglos stand sie da und guckte raus auf die Nordsee, als halte sie Ausschau nach etwas oder jemandem. "Mein Mann mochte gut aussehende Frauen", sagt Kristine Rott, "und diese sah ganz besonders aus." Dunkle Haare, weibliche Figur. Sie war schön gekleidet, vollkommen unpassend für einen Ort wie diesen: Tananger war damals ein Fischerdorf mit 500 Einwohnern, die ersten Arbeiter fuhren von hier aus raus zu den Ölplattformen, doch dieses Geschäft hatte gerade erst begonnen, und wenn man nicht so genau hinschaute, konnte man Tananger für ein unschuldiges Örtchen am Ende der Welt halten.

Fünf Jahrzehnte ist das her, Tananger ist längst das Zentrum der norwegischen Ölindustrie, und Kristine Rott, die Witwe des Fischers, ist in eine seniorengerechte Wohnung gezogen, direkt an den Hafen, der dem Leben der Rotts den Takt vorgab. Früher lebten sie in einem Haus am Hang, auf der anderen Seite des Hafenbeckens: Vater Berthon, die Mutter Kristine und die Kinder, Sverre und Jostein, im Jahr 1970 waren sie 16 und 14 Jahre alt. Als Berthon am Abend jenes Novembertages nach Hause kam, erzählte er von seiner Begegnung. Die Sache hätte Kristine Rott eifersüchtig machen können, doch wenn sie so empfand, dann wurde das Gefühl sicher überblendet. Auf das entsetzliche Schicksal jener Frau ist man nicht neidisch.

Ein paar Tage nach der seltsamen Begegnung las Berthon Rott in der Zeitung: In der Nähe von Bergen, 160 Kilometer von Tananger entfernt, sei die Leiche einer Unbekannten gefunden worden. Zu dem Artikel gehörte auch ein Foto, ein Phantombild, denn die Frau war zum Teil verbrannt. Von ihrem zerstörten Gesicht hatte man eine Totenmaske abgenommen und so versucht, ihr Äußeres zu rekonstruieren. Berthon Rott war elektrisiert. "Die habe ich gesehen!", rief er. Er kontaktierte die Behörden. Er habe eine Aussage zu machen. Er habe die Frau beobachtet. Und nicht nur sie.

Was Berthon Rott nicht ahnen konnte: dass er ein Zeuge war in einem Fall, der heute zu den berühmtesten Rätseln der Kriminalgeschichte gehört (ZEIT Nr. 3/18) – ein unwillkommener Zeuge. Das würde man dem Fischer Rott bald unmissverständlich klarmachen.

Die Frau, die damals gefunden wurde, konnte bis heute nicht identifiziert werden. Noch fast 50 Jahre nach ihrem Tod bemühen sich Ermittler herauszufinden, wer sie war und ob sie von eigener oder von fremder Hand zu Tode kam. Das norwegische Fernsehen hat den Fall vor zwei Jahren hervorgeholt und begleitet die Kriminalpolizei bei dem Versuch, das Rätsel zu lösen. Rechtsmediziner und Wissenschaftler von Österreich bis Australien befassen sich mit der Toten. Die BBC erzählt die Story der geheimnisvollen Unbekannten in einem Podcast, die ZEIT recherchiert monatelang bei Augenzeugen, Historikern, in Archiven.

Sie alle, wir alle wissen eine Menge – und zugleich fast nichts. Nicht, wie die Frau hieß. Nicht, wie alt sie war. Nicht, welche Nationalität sie hatte. Neue chemische Analysen ihres Zahnschmelzes legen nahe, dass sie bei Nürnberg geboren wurde und dass sie als Jugendliche im deutsch-französisch-belgischen Grenzgebiet lebte. Aus der radioaktiven Belastung ihrer Zähne lässt sich schließen, dass sie vor 1944 zur Welt kam, möglicherweise zwischen 1926 und 1930. Und, wie Analysen ihrer Handschrift ergaben: Sie dürfte eine französischsprachige Schule besucht haben.

War die Unbekannte eine Spionin im Kalten Krieg?

Gefunden wurde die Tote abseits eines Wanderwegs in einem dunklen Tal bei Bergen, dem Isdal. Sie hatte weder Papiere bei sich noch andere Hinweise auf ihre Identität. Die Etiketten ihrer Kleidungsstücke waren herausgetrennt worden. Ein Chemiker konnte in der Erde unter der Leiche einen Tropfen Benzin nachweisen. Aber weit und breit gab es keinen passenden Behälter. War er verbrannt? Bei der Obduktion der Leiche fand man Kohlenmonoxid in der Lunge – die Frau hatte noch gelebt, als die Flammen ihr entgegenschlugen. In ihrem Blut, in ihrem Magen fanden sich große Mengen eines Schlafmittels. Hatte sie die Tabletten selbst genommen? Hatte man sie gezwungen?

Das Phantombild der Toten wurde rekonstruiert. © Stephen Missal CFA

Tage nach dem Fund der Leiche fanden Beamte in einem Schließfach zwei Koffer. Darin: eine Brille mit Fingerabdrücken der Toten, Kleidung ohne Etiketten, mehrere Perücken, Kosmetikflaschen ohne Beschriftung – und ein Notizbuch mit wirren Zahlen- und Buchstabenkombinationen.

Anhand der Plastiktüte eines Schuhgeschäfts konnten die Polizisten die Spur der Frau verfolgen: In Stavanger, 13 Kilometer von Tananger entfernt, hatte sie Gummistiefel gekauft, und sie war in einem Hotel abgestiegen, unter dem Namen Finella Lorck, als Belgierin. Doch auch unter sechs weiteren Identitäten war die Unbekannte durch Norwegen und andere europäische Länder gereist – ein Dechiffrierexperte kam darauf, dass die Zahlen und Buchstaben aus dem Notizbuch ein Code waren, der ihre Reiseroute beschrieb. Die Meldezettel der Hotels füllte sie in – fehlerhaftem – Deutsch aus. Die Frau sprach sehr schlechtes Englisch – ihren Akzent wussten Zeugen nicht einzuordnen. Manche hörten sie deutsch sprechen. Hotelangestellten fiel die Frau auf, weil sie sich seltsam benahm. Mehrmals wechselte sie das Zimmer, räumte sie Möbel um.

Alles an diesem Fall ist rätselhaft. Schnell wird spekuliert, es könnte sich bei der Toten um eine Spionin handeln. Um auf die Idee zu kommen, musste man keine James-Bond-Filme gesehen haben. Norwegen lag damals wie heute am Rand des Weltgeschehens. Aber es war ein Nato-Staat an der Grenze zum Ostblock. Regelmäßig berichteten die Zeitungen von russischen U-Booten und Kriegsschiffen, die man in den Fjorden gesichtet habe. Die norwegische Urangst: Die Sowjets, die nah, so nah waren, könnten von See aus angreifen.

Fort Vigdel ist eine alte Festung, 1940 an der zerklüfteten norwegischen Küste von den deutschen Besatzern errichtet, 15 Kilometer von Tananger entfernt. Nach dem Zweiten Weltkrieg und bis 2007 wurde die Anlage vom norwegischen Militär genutzt. Heute kann man zwischen den alten Bunkern wandern gehen, durch eine zerzauste Landschaft, Wasser und Wind von allen Seiten. Moos, Steine, Gräser. Von hier aus wurden in den sechziger und siebziger Jahren Raketen abgeschossen, denen man den Namen "Penguin" gegeben hatte, eine Verniedlichung. Die Pinguine waren Raketen, die ihr Ziel eigenständig verfolgten, mithilfe der damals neuen Infrarottechnik.

Ingenieure montierten die Penguin-Raketen auf Torpedoboote, fuhren aufs offene Meer hinaus und feuerten testweise auf abgewrackte Schiffe. Oft tauchten bei solchen Übungen andere Fischerboote auf: Boote mit kyrillischer Beschriftung. Boote aus Polen und der DDR. Forderte die norwegische Marine die Besatzung der fremden Boote auf, sich zu entfernen, hieß es, man habe eine Panne. Einen kranken Matrosen an Bord. Kein Benzin mehr. So erzählen es frühere Mitarbeiter des Waffenherstellers Kongsberg und ehemalige Militärangehörige, die damals an den Tests teilnahmen.

Auch Berthon Rott, der Fischer, dem die geheimnisvolle Frau begegnet war, sah immer wieder solche fremden Boote. Rott war der Vorsitzende der örtlichen Fischervereinigung. Wenn die Armeeleute vom Kontrollraum in Fort Vigdel aus das große Schiffeversenken beobachteten, musste er dafür sorgen, dass die Fischer von Tananger bloß im Hafen blieben. Man zahlte den Fischern Entschädigungen für den entgangenen Fang. Manchmal, das erzählt Rotts Sohn Sverre, sei sein Vater mit den Leuten von der Marine rausgefahren; was genau die Aufgabe des Vaters war, weiß der Sohn nicht. Einmal holte Berthon Rott einen Blindgänger aus dem Wasser, damit ihn die Sowjets nicht bergen konnten. Dafür habe er 15.000 Kronen bekommen, so viel wie ein Jahreslohn. Auch eine Auszeichnung bekam der Vater. Er hatte sein Leben riskiert, damit der Pinguin nicht den Sowjets ins Netz ging.

An jenem Novembertag hatte Berthon Rott die schöne Frau am Pier länger beobachtet. Und nach einer geraumen Zeit, einer Stunde vielleicht, sah er, wie sie auf die andere Hafenseite wechselte, dorthin, wo eines der Torpedoboote anlandete. Ein Marineoffizier sei von Bord gegangen, so erzählte Berthon Rott es seiner Familie. Die Frau habe sich mit ihm eine Weile unterhalten, dann hätten die beiden sich getrennt.

Eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten

Am 22. Dezember 1970, die Isdal-Frau ist seit einem Monat tot, bricht die Familie Rott auf in Richtung London. Dort wollen die vier die Weihnachtstage verbringen. Am Bahnsteig in Stavanger, so erinnert sich Berthon Rotts Witwe, so erinnern sich die Söhne, hätten zwei Beamte sie empfangen, Kristine Rott glaubt, sie seien von der Spionageabwehr gewesen. Sie seien mit dem Vater weggegangen. Als der Vater zurückgekommen sei, habe er etwas dabeigehabt, das er ihnen zunächst nicht zeigen wollte. Dann aber doch. Einen Revolver. "Er lag viele Jahre in unserem Küchenregal", sagt die Witwe. "Sie haben ihn meinem Mann überreicht für den Fall, dass er bedroht würde." Vor allem aber sagten sie ihm, dass er mit niemandem über seine Beobachtungen reden sollte. Berthon Rott, loyal, hielt sich daran. Er ging weiter fischen, sorgte für freies Gewässer, wenn die Marine die Pinguine losschickte. Er engagierte sich in der Lokalpolitik, seine Söhne wurden erwachsen, und irgendwann sprach man auch in der Familie nicht mehr von der mysteriösen Frau. Irgendwann war der Kalte Krieg Geschichte. Die Pistole lag nicht mehr im Küchenregal, die Familie hat vergessen, wo sie geblieben ist.

Jahrzehntelang bestritten die norwegischen Nachrichtendienste, im Fall der Isdal-Frau ermittelt zu haben. Noch im Dezember 1970, kurz nachdem Berthon Rott den Revolver überreicht bekommen hatte, gab die Polizei bekannt, es sei ein Suizid gewesen, man werde nicht weiter an der Sache arbeiten. Niemand verstand, was das sollte. So viele Fragen waren offen. Hatte der Bergener Polizeichef auf Befehl von oben gehandelt?

Es gibt viele Menschen, vor allem in Norwegen, die versucht haben, das Mysterium der Isdal-Frau aufzuklären. Bücher sind über sie erschienen, Krimis wie Sachbücher, Comics, ein Film. In den neunziger Jahren setzte sich der Journalist Finn Bjørn Tønder, Kriminalreporter bei der Lokalzeitung Bergens Tidende, in den Kopf, das Rätsel zu lösen. Heute ist Tønder Schriftsteller. Die Geschichte der Unbekannten berührt ihn noch immer. Jedes Jahr an Weihnachten stellt er an ihrem Grab in Bergen eine Kerze auf. Am 23. November 1995, dem Tag, an dem der Mord – wenn es einer war – verjährte, ging Tønder zum Bergener Büro der norwegischen Nachrichtendienste. "Nun könnt ihr es mir sagen." Ein junger Mitarbeiter gab zur Antwort: "Wir werden es nie sagen können. Du wirst es nie erfahren."

Einmal wähnte Tønder sich der Lösung nahe. Bergen ist eine kleine Stadt. Dem Polizeichef, der 1971 die Ermittlungen eingestellt hatte, lief Tønder regelmäßig über den Weg. Immer wieder fragte er ihn, immer wieder bekam er zur Antwort: "Es war Selbstmord." Dann, es muss um das Jahr 2000 gewesen sein, liefen sich die beiden noch mal über den Weg. Diesmal habe der ehemalige Polizeichef, längst pensioniert, gesagt: "Ich bin jetzt ein alter Mann, das alles ist so lange her. Nächstes Mal, wenn wir uns treffen, erzähle ich es dir." Doch es gab kein nächstes Mal. Der frühere Polizeichef wurde dement.

Die Geschichte der Isdal-Frau ist auch eine Geschichte der verpassten Gelegenheiten.

Nun also die Recherchen des Fernsehsenders NRK. Die Journalisten erreichen, dass der Nachrichtendienst einige Papiere herausrückt. Eines davon ist eine Notiz vom 22. Dezember 1970. Darin wird angekündigt, dass ein Beamter namens Opsahl den Fischer Berthon Rott aus Tananger vernehmen werde. Er habe angegeben, die Unbekannte in Tananger gesehen zu haben. Und noch etwas steht da: dass die Aufenthalte der Toten in Stavanger und Bergen sich mit den Zeiten überschnitten, zu denen das 25. Torpedobootgeschwader sich zu Übungen dort aufhielt.

War die Isdal-Frau also wirklich eine Spionin? Kundschaftete sie das norwegische Raketenprogramm aus? Oder hatte sie bloß ein Verhältnis mit dem norwegischen Marineoffizier, den sie am Hafen von Tananger traf?

Die ZEIT hat bei verschiedenen Nachrichtendienstarchiven in ganz Europa angefragt, ob dort etwas zu den falschen Identitäten der Unbekannten vermerkt ist. Finella Lorck, Claudia Tielt, Vera Jarle, Elisabeth Leenhouwer, Geneviève Lancier, Claudia Nielsen, Alexia Zarna-Merchez – zu keinem der Namen, unter denen die Isdal-Frau durch Europa reiste, findet sich etwas. Nichts in den Archiven der früheren Spionagedienste von Polen, Tschechien, Bulgarien, Rumänien. Nichts in den Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde. Die Dokumente des einstigen sowjetischen Geheimdienstes KGB sind nicht zugänglich. Das war der Reim, den sich Berthon Rott auf die Sache gemacht hatte: die Isdal-Frau, eine KGB-Agentin. Vielleicht auch eine Doppelagentin, die dem norwegischen Marineoffizier etwas übermittelte – und die von ihren eigenen Leuten beseitigt wurde. Und noch einen Gedanken hatte er: Gab es in Stavanger, nicht weit von Tananger, nicht dieses kommunistische Ehepaar? Er Gewerkschafter, sie Lehrerin, bekennende Sympathisanten der Sowjetunion – hatten sie irgendwelche Beziehungen zu der Toten?

Die Erinnerung an die Unbekannte ließ den Fischer nie los

Die Vorstellung, dass eine Agentin aus dem Ostblock in einer überschaubaren Stadt in Norwegen ausgerechnet zu den ortsbekannten Kommunisten Kontakt aufnimmt, klingt ein wenig naiv. Andererseits gab es zu der Zeit tatsächlich ein norwegisches Paar mit gewerkschaftlichem Hintergrund, das mit großem Fleiß für den Osten spionierte. "Hein" und "Ros" lauteten die Decknamen. Sie arbeiteten nicht für den KGB, sondern für die HVA der DDR. Sie berichteten etwa über ein Munitionslager und eine Radaranlage, beides wie Stavanger im südlichen Teil Norwegens gelegen.

Eine neue Spur führt in den kleinen Hafen von Tananger im Südwesten Norwegens. © privat

Das Ehepaar, das der Fischer im Verdacht hatte, für den Osten zu spionieren, lebt nicht mehr. Die Frau starb 2012, der Mann 2016. Die Kinder des Paars aber erzählen unbefangen: dass ihre Eltern in den fünfziger Jahren eine parteinahe Schule in Moskau besucht hatten. Dass sie oft in den Ostblock gereist waren, in die Sowjetunion, nach Bulgarien, Jugoslawien, sogar nach Nordkorea, wo der Diktator Kim Il Sung ihnen sein Flugzeug zur Verfügung stellte. Auch in die DDR fuhren die beiden. Die Kinder können sich nicht erinnern, ihre Eltern je über die Isdal-Frau sprechen gehört zu haben. Sie wissen aber noch gut, wie es bei ihnen zu Hause in der Telefonleitung knackte. Im Jahr 2007 bekamen ihre Eltern eine Entschädigung vom norwegischen Staat, weil sie ohne rechtliche Grundlage über Jahrzehnte überwacht worden waren. Und noch etwas bekamen die Eltern: ihre Akten, in denen akribisch notiert war, was der norwegische Staat über sie gesammelt hatte. Wären sie von den Behörden – etwa nach der Vernehmung des Fischers Berthon Rott – verdächtigt worden, etwas mit der Isdal-Frau zu tun zu haben, ob zu Recht oder zu Unrecht, dann müsste sich in diesen Dokumenten dazu etwas finden. Doch genau in den Jahren 1970 und 1971 stellen die Kinder in der Akte eine Lücke fest. Die Behörden waren nicht verpflichtet, dem bespitzelten Paar alle Dokumente auszuhändigen. Alles, was die Arbeit des Nachrichtendiensts oder die auswärtigen Beziehungen Norwegens gefährden könnte, durfte weiter unter Verschluss bleiben.

Im Wohnzimmer von Kristine Rott, an der Wand über dem Sofa, hängt goldgerahmt und in Öl die Brønnes, Kennung R106 SOY, inmitten der sturmgepeitschten See: das Boot, mit dem ihr Mann damals rausfuhr. Berthon Rott fischte Kabeljau, Schellfisch, kleine Haie, Flundern. Manchmal blieb er Tage, ab und zu, wenn es zu den Lofoten ging, auch Monate. Als er nicht mehr fischen konnte, als er alt wurde und krank, tauchte die Unbekannte aus der Erinnerung des alten Manns auf wie aus der tiefen See. Er begann wieder über sie zu sprechen und hörte gar nicht mehr auf mit dem Thema. Noch kurz vor seinem Tod im Jahr 2008 machte er sich Gedanken über sie. Immer und immer wieder beschrieb er, was er beobachtet hatte. Es ließ ihn nicht los, dass seine Spur nicht weiterverfolgt wurde.

Berthon Rott hat nie erfahren, wer die Frau war. Bis heute haben diejenigen, die es wissen, nicht gesprochen.