In der kleinen Serie "Wo ist Europa schöner?" lassen wir Regionen, Städte, Seen und Inseln gegeneinander antreten. Hier schreibt Christian Schüle, warum ihm der Bodensee besser gefällt als der Gardasee. Vorige Woche: Lissabon oder Porto? Nächste Woche: Rügen oder Sylt?

Was ist das Schönste? Der frühmorgendliche Dunst über den Wassern, der die Sonne fängt und einen leuchtenden Rauch aus Silber über alle Dinge zieht? Über die Uferlinien, die Berge, die Gebäudekonturen, die darin verschwimmen, selbst um die Haare der Menschen legt sich ein lichter Schimmer wie eine Aureole, in der die Heiligen auf Altarbildern erscheinen. Oder ist es noch schöner, wenn ein paar Augenblicke später das Tragflächenboot, das auf den Namen Goethe hört, beim Ablegen eine schwarze Abgasfahne in den Silbernebel schickt, die sich darin langsam auflöst und wie auf einem Gemälde von Turner nur mehr die zitternde Andeutung eines kräftig motorisierten Schiffes hinterlässt? Der Gardasee am frühen Morgen erzeugt einen wahren Taumel poetischer Assoziationen.

Und doch steigert sich seine Schönheit womöglich zur späten Nacht, wenn ein ganz anderer, der rotgolden durchstrahlte Abendnebel sich verzogen hat und eine Dunkelheit von gläserner Schwärze entsteht, in der am Himmel die Sterne blinken und am gegenüberliegenden Ufer das rot-weiß wechselnde Lauflicht der vorbeieilenden Autos. Der Zauber der Nacht, in der die schwarzen Wellen leise um den Badesteg gluckern, vermehrt sich noch durch die Klangfetzen, die von einer fernen Party herüberwehen, und durch das plötzliche Aufheulen eines Sportbootes, das in rasend übermütiger Fahrt eine Bande junger Leute zu der Bar auf dem Torre San Marco bei Gardone befördert.

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Die Beine baumeln vom nächtlichen Bootssteg ins eisige Wasser, es ist schon wieder still, es ist einsam, ganz einsam in den Hotelgärten geworden, aber nicht lange, da lacht es irgendwo, ausgelassen oder verliebt, eine Ankerkette rasselt, ein noch schnelleres Boot wirft eine schäumende Wasserfahne in das Mondlicht, und landwärts kommt das Triebwerk eines ungeheuerlichen Sportwagens auf Touren. Es ist ja ganz falsch, sich den Luxus immer vornehm und zurückgezogen vorzustellen, er kann auch kreischen. Auf der Gardesana Occidentale und der Gardesana Orientale, der westlichen und der östlichen Uferstraße, die den See fest umklammern, schleichen nicht nur des Tags die müden Berufspendler und kinderabholenden Eltern, es toben und brüllen auch des Nachts die Frechen und die Reichen. Wer sich den Luxus als Raubtier denkt, findet hier den Zoo, in dem es die schönen Zähne fletscht.

Für Zivilisationsmüde ist der Gardasee nichts. Aber wenn es überhaupt so etwas wie eine Romantik des Überflusses gibt, eine Romantik des Belebten, des dem Menschenvergnügen bedingungslos Ergebenen, dann ist sie in dieser Gegend zu Hause. Selbst die Landschaftsreize liegen nicht allein in der Natur, sondern mehr noch in den menschengemachten Verzierungen, den Zitronengärten von Limone, den wuchtigen Schwalbenschwanzzinnen der Scaligerburgen, den weißen Segelwäldern der Jachthäfen, den Pilastern und Kapitellen der Villa Bettoni, die wie ein ockergelber Schmetterling vor der verwitterten Seeseite von Gargnano ruht.

Ist dies vielleicht das Schönste? Dass der Gardasee nicht durch die Eroberer, Reisenden und Schmarotzer verdorben wurde, sondern sich ihnen so lange schon hingegeben hat, dass man nicht bei jedem Anblick jammern muss, wie schön all das ohne die Menschen wäre? Die Klage um eine verlorene Unberührtheit wäre hier ganz und gar verlogen. Selbst der moderne Tourismus hat nur selten etwas verhässlicht, vielmehr mit seinen Hafenrestaurants und Uferpromenadencafés, seinen zu Hotels umgerüsteten Jugendstilvillen eine Kette von Boulevards zum Flanieren um den See gelegt, die hohen Unterhaltungswert haben und selten zum Jahrmarkt entgleisen wie in südenglischen oder norddeutschen Seebädern. Die Italiener wissen seit Jahrhunderten, wie Tourismus geht, und können ihn beherrschen. Jedenfalls größtenteils. Sicher gibt es auch hier eine natürliche Grenze, an der jeder Wille zum guten Geschmack scheitert, und wahrscheinlich ist sie in übermäßig beliebten Orten wie Sirmione, Malcesine und Limone schon überschritten. Ein Reiseführer empfiehlt sarkastisch, Sirmione höchstens im Advent, wegen des Weihnachtsmarktes, zu besuchen. Versöhnen kann man sich freilich damit: Nichts zwingt dazu, diese berühmten drei oder vier Orte zu besuchen – schon das nächste Städtchen am Ufer nebenan ist genauso attraktiv und weniger überlaufen.

Und tatsächlich kostet es eine gewisse Überwindung, sich in die Besucherwogen zu werfen, die durch das spektakulär auf einer Landzunge zusammengedrängte Festungsstädtchen Sirmione fluten. Doch namentlich Sirmione bietet, wenn es gelingt, sich bis an das Ende der Landzunge vorzuarbeiten, den großartigsten Punkt am ganzen See. Die Ruinen einer römischen Villa – unzutreffend Grotten des Catull genannt – beweisen dort, dass schon vor knapp zweitausend Jahren jemand sehr genau wusste, wo man bauen muss, wenn man es sich erlauben kann. Nur noch der Sockel ist zu sehen, aber seine Ausmaße verraten, dass sich hier eine Pracht entfaltet haben muss, die heute fast als gewalttätig empfunden würde. Erst recht, wenn man sich an dem herzigen kleinen Strand unterhalb vergnügt, mit den spitzen Kieseln spielt oder über sie, nicht ohne leise Schmerzensschreie, ins Wasser zu balancieren versucht, fühlt man sich verzwergt, wie ein Kind, das sich in den Hinterlassenschaften eines ausgestorbenen Geschlechts von Riesen ungezogen aufführt.