Wer von außen auf die italienischen Verhältnisse schaut, der tut es mit einer Mischung aus Staunen, Belustigung und Erschrecken. Italien – das ist, allemal wenn es um Politik geht, ein Synonym für Sonderfall. Aber das ist womöglich eine ganz falsche Sicht. Vielleicht ist Italien eine Art Zukunftswerkstatt, in der früher als anderswo Muster sichtbar werden, die später auch in anderen Ländern Bedeutung gewinnen, oft mit drastischeren Folgen.

Es ist bekannt, dass die Faschisten elf Jahre vor den Nationalsozialisten die Macht eroberten. Anfang der neunziger Jahre zerfielen in Italien die Altparteien, und es begann der Aufstieg des hierzulande zu Unrecht als notgeiler Clown belächelten Silvio Berlusconi – eine beängstigend genaue Blaupause für den späteren Siegeszug Donald Trumps: Popularität durchs Fernsehen, Reichtum als Unternehmer, Massenwirkung nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Skandale und Beschimpfungen des Establishments.

Nun also scheint eine Koalition an die Regierung zu kommen, die – auf deutsche Verhältnisse übertragen – ungefähr so zusammengesetzt ist: Teile der AfD mit Teilen der Linken plus Piraten plus die Wir-finden-alles-scheiße-Partei "Die Partei". Es ist der bisher größte Triumph von Populisten im Westen Europas, die Vereinigung von zwei Bewegungen, die eigentlich Feinde sein müssten: den eher linken, basisdemokratischen Fünf Sternen mit der einst separatistischen, jetzt aber stramm rechtspopulistisch-nationalistischen Lega. Deren Anführer Matteo Salvini twittert in einer Grobheit, der gegenüber Trumps Tweets wirklich wie Gezwitscher wirken. Als ein Rechtsextremist in Macerata auf sechs dunkelhäutige Migranten schoss, äußerte Salvini nach einer halbherzigen Verurteilung Verständnis für den Täter: "Die unkontrollierte Einwanderung bringt Chaos, Wut und gesellschaftliche Zusammenstöße mit sich."

Bei der Vorstellung, diesen Mann künftig als Innenminister zu haben, hätten die Linken früher gekotzt. Jetzt hört man den Satz: "Aber er ist wenigstens authentisch" – im Gegensatz also zu den Renzis und Berlusconis, den versprengten Christdemokraten und nostalgischen Altkommunisten, die viele Italiener so satthaben.

Es hilft aber alles Klagen nicht. Diese bizarre Koalition stellt nun mal eine, wenn auch knappe Mehrheit im Parlament. Sie verkörpert den Überdruss an den zum Selbstzweck gewordenen Machtspielen der politischen Kaste im Allgemeinen und im Besonderen an der Weigerung Matteo Renzis, die Sozialdemokraten in eine Koalition mit der Fünf-Sterne-Bewegung zu führen.

Hinzu kommt eine wirklich originär italienische Spezialität: die Verführbarkeit durch serielle Heilsbringer. 20 Jahre lang war es Berlusconi, dann kam Supermann Renzi, jetzt sind es ausgerechnet Salvini und Luigi Di Maio von den Fünf Sternen. Beide spielten diese Rolle im Wahlkampf vollendet. Wozu sich mit der schnöden Realität abplagen, wenn man das Paradies auf Erden haben kann? Staatliches Grundeinkommen von 780 Euro monatlich für Arbeitssuchende und Arme, die Wiedereinführung der Frührente und vor allem eine ruinöse Niedrigsteuer für alle – und das in einem Land mit der im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt zweithöchsten Staatsverschuldung in der EU.

Wer soll das finanzieren? Und wird der Vorsatz der neuen Regierung, EU-Regeln zu ignorieren, am Ende den Euro, am meisten aber Italien selbst ins Wanken bringen? Ein Narr, wer das nicht fragte. Aber es ist falsch, dieser Regierung schon vor ihrem Amtsantritt so zu begegnen, wie es manche Politiker, Wirtschaftsführer und Medien in den letzten Tagen taten. "Rom öffnet seine Tore den modernen Barbaren", überschrieb die Financial Times einen Artikel. Und der französische Finanzminister Bruno Le Maire sprach gleich von der drohenden Destabilisierung der Euro-Zone.

Populisten brauchen für ihren Erfolg immer ein Feindbild oder ein apokalyptisches Szenario – den Zusammenbruch des Kapitalismus, die bösen Flüchtlinge oder eben die EU und Frau Merkel, die durch ihr "finanzpolitisches Diktat" die Südländer kleinhielten. Das Beharren auf den EU-Regeln ist richtig, allein schon, um wegen eventueller neuer Hilfen für Italien nicht die Protestparteien in anderen Ländern stark zu machen – aber das besser mit leisen Tönen. Die Populisten müssen sich jetzt an ihren eigenen Ankündigungen messen lassen. Italien darf diesmal kein Modell für den Rest der Welt werden.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio