Gerade war der 25. Mai 1818, ein Montag, angebrochen; die Stille der Nacht lag über Basels Dächern. Im Haus der Burckhardts am Hasengässlein hinter dem Münster aber gingen die Lichter an. Bei der hochschwangeren Hausherrin Susanna Maria, Gattin des Pfarrers Jacob Burckhardt, hatten die Wehen eingesetzt. Man weckte die Mägde, schickte nach der Hebamme. Feuer wurde angefacht, Kamillentee aufgesetzt. Um halb zwei war alles überstanden und ein Knabe auf der Welt. Fast wäre er als Sonntagskind geboren worden. Schon am Vormittag suchte er zur Freude der Eltern an der Mutterbrust Nahrung. Am 4. Juni taufte man ihn im Münster auf die Namen "Jacob Christoph".

Die Nachwelt verdankt das Wissen um Jacob Burckhardts erste Tage dem Eifer seines Biografen Werner Kaegi (1901–1979). In nicht weniger als sieben Bänden setzt er seinem Helden ein Denkmal, oder eher noch, wie man gespottet hat, ein Grabmal. Eine Fußnote vermerkt selbst das Auftauchen von "Jaköblys" erstem Zahn am 17. Dezember 1818. Die maßlose Gier auf Weintrauben, die der Kleine zeigte, deutet Kaegi als Vorzeichen späterer Leidenschaft für "südliche Genüsse". Auch Begeisterung für Kunst und Wissenschaft scheint in die Wiege gelegt gewesen zu sein. Schon der nicht einmal Zweijährige soll sich für Bilder auf Münzen und Medaillen interessiert haben. "Professorli" nannte ihn scherzend ein Onkel.

Von Burckhardts Leben ist wenig Aufregendes zu vermelden. Eigentlich wäre ihm die Nachfolge im Amt des Vaters vorgezeichnet gewesen. Doch brach er mit der Kirche; Gott blieb allenfalls unbestimmte "Gottheit" oder einfach etwas "Höheres". So wandte er sich dem Studium der Geschichte zu, in Basel, Bonn und Berlin. Aus dem "Professorli" wurde ein Professor. Als solcher wirkte er zeitlebens – abgesehen von einem Intermezzo im ungeliebten Zürich – in seiner Vaterstadt. Zeitlebens ledig, ging er ganz in seinem Amt als Hochschullehrer auf. Stille Begleiterin der späteren Jahre war eine Katze namens Miggi. Burckhardt rühmte das Tier als "das einzig wahrhaft philosophische Wesen in meiner Nähe", obwohl inzwischen kein Geringerer als Nietzsche in sein Leben getreten war. Allein Kunstreisen, deren meiste ihn ins Traum- und Traubenland Italien führten, unterbrachen die stillen Tage. Biografen steht eine Fülle an Quellen zur Verfügung. Manuskripte, Zeichnungen, Fotografien und, vor allem, über 1.700 Briefe. Publiziert hat er zu Lebzeiten wenig, als Erstes 1853 Das Zeitalter Constantins des Großen . Burckhardt erzählt darin, wie er sich ausdrückte, die Geschichte einer "wunderbaren Revolution", nämlich der Verdrängung der heidnischen Religionen durch das Christentum.

Heute ist das "Professorli" berühmt. Sein Konterfei fand sich bis vor Kurzem auf der 1.000-Franken-Note, seine wichtigsten Werke sind in alle bedeutenden Sprachen übersetzt. Die Weltgeschichtlichen Betrachtungen, eine aus dem Nachlass rekonstruierte Einführungsvorlesung in das Studium der Geschichte, findet sich auf fast jedem bildungsbürgerlichen Bücherbord. Eine überreiche Sekundärliteratur beschäftigt sich mit dem Basler Eremiten.

Das neueste Heft der Zeitschrift für Ideengeschichte ist ihm gewidmet; eine auf 28 Bände angelegte kritische Gesamtausgabe, die von dem Münchner Verlag C. H. Beck und dem in Basel ansässigen Haus Schwabe betreut wird, strebt ihrem Abschluss entgegen. Pünktlich zum 200. Geburtstag Burckhardts wird in ihrem Rahmen auch dessen Hauptwerk Die Cultur der Renaissance in Italien in einer knapp kommentierten, daher gut lesbaren Neuedition vorliegen. Wie schon der Constantin bewegt sich dieser "Versuch", wie der Untertitel einschränkend vermerkt, "rittlings auf der Grenzscheide zweier Epochen". Thema sind die Jahrhunderte zwischen Mittelalter und Neuzeit, während derer sich eine "Wiedergeburt", eben eine "Renaissance", antiken Denkens und Formens vollzog.

Es war vor allem dieses Buch, das Burckhardts Ruhm begründete. Zwar hatte er die Renaissance nicht aus dem Nichts erschaffen; schon der französische Historiker Jules Michelet (1798–1874) hatte den Begriff als Titel eines Bandes seiner Geschichte Frankreichs verwandt. Doch war es Burckhardts Meistererzählung, die buchstäblich Epoche machte. Ihr Autor rückte das Italien des 15. und 16. Jahrhunderts an den Morgen der Moderne. Er komponierte ein Panorama, das von mörderischen Monstern und feinsinnigen Humanisten, Condottieri und Kurtisanen bevölkert wird. Leserin und Leser werden in eine Welt von Gewalt, Leidenschaft und Liebe entrückt. Sie wohnen Giftmord, Krieg und Dämonenbeschwörung bei, dürfen arkadische Landschaften durchwandern, erleben Feste der Medici; am Ende sehen sie sich in die gleißenden Sphären platonischer Ideen entrückt. Burckhardts Buch spricht Themen an, die zuvor kaum oder gar nicht interessiert hatten, zum Beispiel die Entstehung des "modernen Ruhmes", Spott und Witz, "Toilettenmittel der Frauen" und Hauswesen. Der Ton ist mal von gebändigtem Pathos, mal von leichter Ironie und immer gelassen. Burckhardts zentrale These, dass sich im Renaissance-Italien die "Entstehung des Individuums" und mit ihr die Geburt des modernen Europäers beobachten lasse, sorgt noch immer für Diskussionen.

Auffällig ist, dass die Cultur der Renaissance den Künsten nur geringe Aufmerksamkeit widmet. Dabei war Burckhardt einer der wenigen Historiker, die mit den Augen zu denken verstanden. Tatsächlich hatte er anfangs eine Darstellung unter dem Titel Das Zeitalter Raffaels erwogen, die Kunst- und Kulturgeschichte verschmolzen hätte. Doch hätte das erfordert, große Kunstwerke in irdische Zusammenhänge einzubinden und sie damit ein Stück weit zu entzaubern. Das dürfte Burckhardt widerstrebt haben. Ihm, dem Agnostiker, bot die Kunst Erfüllung metaphysischer Sehnsucht. Passagen seines 1855 publizierten Cicerone, der "Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens", deuten es an. Für die Malerei der Hochrenaissance findet er dort eine fast religiöse Sprache. Mit der Kunst des ausgehenden 15. Jahrhunderts sei die "höchste Stufe, die zu erreichen ihr beschieden war", erstiegen: "Die Zeit war gekommen." Als alles überstrahlender Leitstern leuchtet Raffael, der Meister eines "erhöhten Menschlichen".

Der Verlust des Glaubens war gewiss eine Voraussetzung des freien Blicks, den Burckhardt auf das Weltgeschehen richtete. Eine weitere war seine Identität als Bürger der "Polis" Basel. Sie bewahrte ihn davor, im Macht- und Nationalstaat das Ziel des Weltprozesses zu sehen. Die Vorstellung Leopold von Rankes, Völker seien Gedanken Gottes, lag ihm fern – und ferner noch der von Hegels Philosophie genährte Optimismus, Geschichte müsse, unzweifelhaft vernünftig organisiert, nach allerlei Umwegen einem Endzweck zustreben. Dergleichen zu behaupten, hielt Burckhardt für Anmaßung. Aber einmal wenigstens fand Fortschritt seinen Beifall: Der Bau der Gotthardbahn schien ihm wünschenswert, "weil wir dann wohlfeilen italienischen Wein, und zwar in Masse, bekämen".

Italien bot dem "Modernitätsmüden", wie er sich selbst charakterisierte, Asyl. "Neben Dir ist alles Tand / O Du, halb Dreck- halb Götterland", so reimte er einmal. Die Briefe von dort geben Idyllen. Sie erzählen vom mondscheinbeglitzerten Triton auf der Piazza Barberini in Rom oder vom Abend in einer Turiner Laube. Vom nahen Teatro Alfieri klingt die Arie Di Provenza il mar, il suol aus Verdis La Traviata herüber, während der Nebbiolo auf der Zunge zergeht ... Da ließ sich vergessen, dass die Welt jenseits des alten Italien aus den Fugen schien.

Burckhardt war einer der Trauernden am Sterbebett Alteuropas. Die Gegenwart mit ihren Beschleunigungen, ihren Maschinen, ihren Kriegen und Krisen hat ihn tief verstört, die Zukunft sah er dunkel. Unter dem Eindruck des Krieges von 1870/71 prophezeite er das Aufkommen des despotischen Militärstaats, der unter Trommelwirbel uniformierte Massen zur Arbeit zwingt. Das Gefühl, in einem Zeitalter andauernder Revolution zu leben, ließ ihn zur Demokratie auf Distanz gehen. Über der Feierlaune angesichts des runden Geburtstags sollte nicht vergessen werden, dass sich in einigen Briefen antisemitische Sätze finden. Der Historiker Fritz Stern hat sie allerdings als zeitgebunden und konventionell relativiert. Wie viele, unter ihnen Marx, sah Burckhardt in den Juden eine Chiffre für den üblen Geist des welterobernden Kapitalismus. Gegenüber den "zeitlosen Gedanken dieses großen Moralisten" hält Stern Burckhardts Äußerungen über das Judentum für wenig bedeutsam. Burckhardt starb 1897. Er hinterließ eine Geschichtsschreibung, die zugleich Literatur war und deshalb von vielen Kollegen missachtet wurde. Uns Heutigen hat er indes mehr zu sagen als wohl alle anderen Historiker des 19. Jahrhunderts – vielleicht weil sich die düsteren Prognosen des Basler Propheten, der kein Prophet sein wollte, inzwischen bis zur Neige erfüllt haben.

Jacob Burckhard: Werke. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 4: Die Cultur der Renaissance in Italien. C. H. Beck/Schwabe, München/Basel 2018; 724 S., 148,– €