Zu den europäischen Denkern, die nicht nur Anhänger hatten, sondern denen auch Hass entgegenschlug, gehört Karl Marx. Einen Beleg dafür zitierte jüngst die Wiener Zeitung Die Presse. In einem Kommentar der Neuen Freien Presse zum 1. Mai 1890, dem ersten Tag der aufmarschierenden Arbeiter, hieß es damals über Marx, "den Heiligen" des 1. Mai: "Er hat den abstracten Arbeiter construirt, der losgelöst vom Vaterlande, ein Fremder auf dem heimatlichen Boden, ohne Liebe für seine Werkstätte, seine ganze Stütze in einer Zusammengehörigkeit sucht, welche die Welt umfasst."

Daraus kann man vielleicht schließen, dass der Hass auf den Internationalismus mit der Beengtheit im Nationalen zu tun hat. Wer ist schon so vermessen, dass er gleich in der ganzen Welt seine Stütze sucht! Die Internationale sei von einem Geist diktiert, "welcher alle Bande der politischen Treue und Gesittung zerreissen, den Arbeiter von der Erde, auf welcher er geboren wurde, geistig trennen und alle Regungen des Patriotismus durch das Classenbewusstein verdrängen wollte".

Wer Karl Marx beim Abstrahieren zusehen will, der kann seine Schriften in der Auswahl von Florian Butollo und Oliver Nachtwey nachlesen. Das Buch hat nicht zuletzt seinen Wert durch die außerordentlich klugen Kommentare der Herausgeber. Die Schilderung der Konjunkturen, denen die Schriften von Marx ausgesetzt sind, zeigt ein fast ironisches Auf und Ab: "Marx’ Renaissance begann bereits in den 1990er Jahren. Zuvor hatte er eher einem erloschenen Stern geglichen."

1967/68 war die Marx-Lektüre aufgeblüht. Die Blüte hielt nicht an, nachdem der Prager Frühling niedergeschlagen wurde: "Der Zyklus der emphatischen Marx-Rezeption neigte sich seinem Ende zu." Noch 1976 hatte der griechische Marxist Nicos Poulantzas behauptet: "Seit Max Weber ist jede politische Theorie entweder ein Dialog mit dem Marxismus oder greift ihn offen an."

Aber dann kamen die postmodernen Theorien. Fragen nach der sozialen Ungleichheit traten in den Hintergrund, der Anspruch der Gesellschaftskritik verblasste. Seit der Finanzkrise 2008 erlebt Marx "eine kleine Hochkonjunktur": "Marx schafft es regelmäßig in die Debatten jener Kreise, die historisch gesehen zu seinen Gegnern gehören. In seinem Denken sehen diese keine Gefahr mehr."

Es gibt keine mächtige soziale Bewegung, die sich auf Marx beruft. Theorie, hat er gesagt, dürfe kein Selbstzweck sein. "Die Praxis", die Veränderung und nicht die Interpretation der Welt, sei ihr Sinn. Das ist eine der Philosophie inhärente Konsequenz: Nach Hegel schien die Theorie ausgekostet, das Denken sollte endlich praktisch, "eine Waffe" werden.

Florian Butollo/Oliver Nachtwey (Hrsg.): Karl Marx, Kritik des Kapitalismus. Schriften zur Philosophie, Ökonomie, Politik und Soziologie, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018; 666 S., 30,– €