DIE ZEIT: Angenommen, auf Ihren Plakaten hätte SPD gestanden, wie viele Prozentpunkte weniger hätten Sie wohl geholt?

Martin Horn: Es hätte mich mit Sicherheit zehn Prozentpunkte gekostet. Vor allem der Beginn meiner Kandidatur wäre deutlich schwieriger gewesen. Als Sozi wird man ja doch in eine gewisse Ecke gestellt, zudem lief gleichzeitig die Debatte über die große Koalition. Dass ich parteilos bin, hat mir dagegen einen Push verschafft: Ich kam von außen, habe keine offenen Rechnungen in der Stadt, weder bei politischen Akteuren noch sonst irgendwo. Das hat es anderen viel leichter gemacht, sich hinter mir zu versammeln, ganz gleich, aus welcher politischen Ecke sie kamen. Und das war vielleicht ein entscheidender Erfolgsfaktor: dass meine Kandidatur schließlich von einem breiten bürgerlichen Bündnis getragen wurde, von Sozialdemokraten genauso wie von der FDP oder der Kulturliste in Freiburg.

ZEIT: Sollte es mehr parteilose Kandidaten in Deutschland geben?

Horn: Es sollte vor allem mehr begeisterte Kommunalpolitikerinnen und -politiker geben, egal ob mit oder ohne Parteibuch. Die Hürde, es ohne Partei in ein Amt zu schaffen, ist schon extrem hoch. Umso mehr würde ich mir wünschen, dass sich die etablierten Parteien auf dieses Wagnis einlassen, dass sie mehr Parteilosen die Möglichkeit geben, zu kandidieren, und diese unterstützen. Beide Volksparteien, CDU wie SPD, sprechen doch jetzt immer von Erneuerung und Verjüngung. Dazu gehört für mich aber auch, festgefahrene Strukturen aufzubrechen und auch mal jüngere Kandidaten von außen zuzulassen und zu fördern.

ZEIT: Die Wahlbeteiligung bei kommunalen Wahlen geht eher zurück. Wie lautet Ihre Erklärung?

Horn: Es gibt eine seltsame Entfremdung zwischen den Bürgern und der Politik. Ich habe einen Lehrauftrag an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg, Schwerpunkt Politik und Soziale Arbeit, und in den letzten beiden Semestern habe ich meine Studierenden immer gefragt, wie der Oberbürgermeister von Ludwigsburg heißt. Wusste keiner. Obwohl die Studierenden zum Teil dort wohnen oder aus der Region kommen. Dann habe ich gefragt, wie der OB von Stuttgart heißt, der ist durchaus bekannter, auch bundesweit. Dessen Namen kannte auch keiner. Und das fand ich schon erschreckend. Kommunalpolitik ist so krass unsexy – dabei wird doch gerade hier über das tägliche Leben entschieden: Wo fährt welche Bahn, wann fährt welcher Bus, was kostet das Ticket, wo wird eine Schule gebaut, wo wird eine Schule nicht gebaut, wie verhält es sich mit bezahlbarem Wohnraum? Wo entsteht welcher Spielplatz? Die Kommunalpolitik hat den größten Einfluss auf das Leben der Leute und ist gleichzeitig unfassbar weit weg und oft zu abstrakt.

ZEIT: Woran liegt das?

Horn: Weil Kommunalpolitik oft nur über Printmedien kommuniziert, nur über die Tageszeitung, über den Lokalteil. Und der wird gerade von jüngeren Leuten nicht mehr gelesen. Dazu kommt ein gefährliches, sich leider ausbreitendes Gefühl, nach dem Motto: Ich kann mit meiner Stimme sowieso nichts verändern; es ist eigentlich egal, was ich mache, da hört sowieso keiner drauf. Und deswegen würde ich mich freuen, wenn mehr Parteilose für kommunale Ämter kandidierten: weil die Bürger dann nicht mehr den Eindruck haben könnten, dass die Politik ein abgeschottetes System sei, zu dem der Einzelne von außen keinen Zutritt bekomme. Dieses Klischee wäre dann weg. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich will parteipolitisches Engagement keineswegs klein- oder schlechtreden. Ich finde es wichtig, dass sich gerade junge Leute politisieren und in Parteien engagieren. Aber das eine schließt das andere ja nicht aus.