Muss die Central European University aus Budapest wegziehen? Fragen an den Rektor Michael Ignatieff

DIE ZEIT: Herr Ignatieff, soeben verkündete die von George Soros gegründete Open-Society-Stiftung, wegen des feindseligen Klimas in Ungarn von Budapest nach Berlin umzuziehen. Auch Ihre Universität, die Central European University (CEU), wurde von Soros gegründet. Wollen Sie bleiben?

Michael Ignatieff: Ja, denn unsere Situation ist eine andere. Die Stiftung sieht sich mit Gesetzen konfrontiert, die ihre finanzielle Unterstützung aus dem Ausland bedrohen und damit ihre Existenz. Bei uns ist die Situation eine andere.

ZEIT: Wirklich? Die Regierung hat ein Gesetz verabschiedet, das als "Lex CEU" gilt: Es verlangt, dass ausländische Hochschulen einen Campus in ihrem Herkunftsland haben müssen.

Ignatieff: Bei uns liegt aber ein Vertrag auf dem Tisch, ausgehandelt vom Bundesstaat New York und der ungarischen Regierung. Darin wird uns zugesichert, weiterhin Abschlüsse in Budapest zu vergeben, wenn wir Bildungsaktivitäten in den USA haben. Wir haben nun mit dem Bard College in New York ein Programm aufgelegt. Jetzt muss die ungarische Regierung ihren Teil der Abmachung erfüllen und unterschreiben. Darauf warten wir seit neun Monaten. Wir wissen, was für ein Klima hier herrscht. Aber wir glauben, dass unser Fall lösbar ist, zumindest bis die Regierung uns das Gegenteil sagt.

ZEIT: Neun Monate sind aber eine lange Zeit für eine Unterschrift.

Ignatieff: Eine sehr lange Zeit. Das zeigt, wie geduldig und entschlossen wir sind. Wir sind seit 25 Jahren hier, sind Teil des akademischen Lebens von Europa und Ungarn. Budapest ist unsere Heimat. Und unsere Mission ist wichtiger als je: eine Ausbildung in den Sozial- und Geisteswissenschaften zu bieten, die weltweit renommiert ist. Wir sind eine unabhängige Einrichtung, und als solche wollen wir in Budapest bleiben – sollte die Regierung das nicht für uns unmöglich machen. Das hat sie bisher nicht getan. Die Situation ist also schwierig, aber nicht hoffnungslos.

ZEIT: Und warum hat die Regierung diesen Vertrag bisher nicht unterschrieben?

Ignatieff: Das müssen Sie die Regierung fragen. Ich könnte stundenlang über die Motive spekulieren. Aber die Wahrheit ist: Ich weiß es nicht. Wir sind ja nicht die Opposition. Wir sind keine NGO, keine politische Organisation, sondern eine Universität. Sicher, es gibt zig Gründe politischer Natur, warum uns die Regierung dennoch loswerden wollen könnte. Aber darüber werde ich hier nicht spekulieren. Das ist nicht mein Job.

ZEIT: Ein häufig genannter Grund ist, dass die CEU als liberale, kosmopolitische Universität dem Kurs der Regierung von Premier Viktor Orbán zuwiderläuft.

Ignatieff: Sollte es daran liegen, sorge ich mich um das gesamte ungarische Hochschulwesen. Universitäten sind immer ein Ort, an dem Ansichten aller Art aufeinanderprallen. Auch wir sind viel mehr als liberal und kosmopolitisch. Ich will hier nicht naiv erscheinen. Ich kenne die Vorwürfe, die uns in dieser Hinsicht gemacht werden. Aber ich weigere mich, diese Spielchen mitzumachen. Wir sind eine Universität, eine gute noch dazu. Wir können stolz auf uns sein. Sicher kämpfen wir derzeit einen politischen Kampf, aber wir sind nicht in der Krise. Es gibt hier jeden Tag Konferenzen, Seminare, Veranstaltungen.

ZEIT: Schreckt das potenzielle Studenten ab?

Ignatieff: Nein. Wirklich nicht. Wir freuen uns auf einen großartigen Jahrgang, der im September anfängt. Und wir haben gerade fünf, sechs großartige Wissenschaftler angeworben. Die Fähigkeit, für Studenten und Forscher attraktiv zu bleiben, belegt die Lebendigkeit einer Universität.

ZEIT: Letztes Jahr gab es massive Proteste gegen Orbáns Attacken auf die CEU. Dennoch hat er die Parlamentswahlen nun haushoch gewonnen. Haben Sie es versäumt, die Öffentlichkeit auf Ihre Seite zu ziehen?

Ignatieff: Eine Universität ist nicht Teil einer politischen Kampagne. Es ist auch nicht mein Job, die akademische Freiheit im Wahlkampf zu thematisieren. Wir haben uns bewusst aus dem Wahlkampf rausgehalten. Der wurde von den Fragen dominiert, die Herr Orbán gesetzt hat. Damit hat er gewonnen. Schön für ihn. Aber unsere Aufgabe ist eine andere. Nämlich unsere akademische Freiheit zu verteidigen und Wissen und Wahrheit zu verbreiten, gegen Tweets, Gerüchte und Fantasien und was auch immer so rumschwirrt.

ZEIT: Trotzdem wird eine Partei, die Sie seit Langem attackiert, auf Jahre an der Macht sein. Wie wirkt sich das auf die Stimmung an der CEU aus?

Ignatieff: Die Atmosphäre ist inspirierend. Im Sinne von: Wir machen hier unseren Job. Alle unsere 700 Angestellten und 1.800 Studenten. Auch die Universität ist nicht in Gefahr. Durch unser großes Stiftungskapital werden wir weitermachen können, egal was passiert. Aber es stimmt natürlich, dass diese Hängepartie nun schon 14 Monate dauert. Keine andere europäische Universität muss sich gegen solche juristischen und politischen Winkelzüge wehren. Diese Situation ist inakzeptabel. Wir haben der Regierung gesagt, dass das nicht ein weiteres Jahr so gehen kann. Das ist keine Drohung. Das ist ein Fakt. Derzeit ist mir untersagt, Studenten für das nächste Jahr zu rekrutieren.

ZEIT: Verstieße das gegen das Hochschulgesetz?

Ignatieff: Ja, und das ist inakzeptabel, zumal die Lösung auf dem Tisch liegt; es braucht nur eine Unterschrift. Eines ist sicher: Ich werde nicht hier rumsitzen und zulassen, dass wir nächstes Jahr ohne Studenten dastehen. Kein Uni-Rektor der Welt würde das. Deshalb arbeiten wir an Notfallplänen.

ZEIT: Was meinen Sie damit konkret? Dass Sie doch wegziehen könnten?

Ignatieff: Wir werden immer einen Standort in Budapest haben, unter welchen Bedingungen auch immer. Niemand würde diesen wunderschönen Campus aufgeben. Ungeachtet dessen haben wir schon vor Monaten gesagt, dass wir einen Campus-Ableger in Wien aufbauen. Wenn sich hier nichts bewegt, müssen wir diese Außenstelle ausbauen.

ZEIT: Es gab auch Angebote aus Berlin. Im Gespräch sind die Freie Universität und die Hertie School. Wäre das eine Option?

Ignatieff: Wir haben uns für Wien entschieden, weil wir die Central Europe University sind. Die Stadt passt zu unserer Gründungsmission. Ich will aber nichts ausschließen. Berlin ist randvoll mit wunderbaren Hochschulinstitutionen, zu denen ich mit Freuden engere Kontakte knüpfen würde. Unser echter Campus kann aber sowieso nur in einer Stadt liegen: in Budapest.