Am Barmherzigkeitssonntag, 8. April, habe ich Euch einen Brief geschickt, in dem ich Euch nach Rom bestelle. Ich will über die Ergebnisse eines Besuches sprechen, der aufgrund eines "Sonderauftrags" von mir stattfand. Er sollte bei der Aufklärung helfen, um eine offene Wunde richtig zu behandeln, die schmerzhaft und komplex ist. Seit langer Zeit hört sie nicht auf, im Leben so vieler Menschen – und damit auch im Leben des Volkes Gottes –, zu bluten.

Die Wunde ist bis jetzt mit einer Medizin behandelt worden, die statt zu heilen offenbar alles noch verschlimmert hat. Wir müssen anerkennen, dass es zwar mehrere Versuche gab, den angerichteten Schaden und das herbeigeführte Leid wiedergutzumachen. Aber es muss uns bewusst sein, dass der bisher verfolgte Weg nicht viel zu einer Heilung beigetragen hat. Vielleicht, weil man das Kapitel zu schnell abschließen und sich nicht mit den unergründlichen Verästelungen dieses Übels belasten wollte; oder weil man nicht den Mut hatte, sich den Verantwortungen, Versäumnissen, vor allem aber jenen Entwicklungen zu stellen, die solch dauerhafte Verletzungen ermöglicht haben; vielleicht, weil man nicht tapfer genug war, sich mit dieser Realität auseinanderzusetzen, in die wir alle verwickelt sind – allen voran ich, und niemand kann sich dem Problem entziehen, indem er es auf andere Schultern abwälzt.

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Wir brauchen einen Wandel, das wissen wir. Wir brauchen ihn und sehnen ihn herbei. Wir schulden ihn nicht nur unseren Gemeinden und den vielen Menschen, die am eigenen Leib die verursachten Schmerzen erdulden mussten und immer noch erdulden. Der Geist der Umkehr ist Teil des Auftrags und der Identität der Kirche. Lassen wir zu, dass diese Zeit zu einer Zeit der Umkehr wird.

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Die Kirche in Chile weiß all das. Die Geschichte lehrt uns, dass sie wie eine Mutter imstande war, viele zum Glauben zu führen. Sie verkündete das neue Leben aus dem Evangelium und kämpfte dafür, wenn es bedroht war. Eine Kirche, die auch streiten konnte, wenn die Würde ihrer Kinder nicht respektiert oder einfach außer Acht gelassen wurde. (...) In den dunklen Momenten im Leben ihres Volkes hatte die chilenische Kirche den prophetischen Mut, nicht nur ihre Stimme zu erheben, sondern auch Menschen herbeizurufen. So konnte sie im Auftrag des Herrn Schutzräume für in Not geratene Männer und Frauen schaffen. (...)

Eine prophetische Kirche, die Jesus in den Mittelpunkt zu stellen vermag, ist imstande, eine Evangelisierung voranzutreiben, die den Herrn mit der Sanftheit von Teresa de Los Andes betrachtet. Eine solche Kirche kann ihre Worte bekräftigen: "Hast du Angst, dich ihm zu nähern? Schau ihn dir an, wie er inmitten seiner treuen Herde das treulose Schaf auf seine Schultern nimmt. Schau ihn dir an über dem Grab des Lazarus. Und höre, was Magdalena sagt: Vieles ist ihr verziehen worden, weil sie voll Liebe war. Was findest du in diesen Handlungen des Evangeliums außer einem Herzen, das sanft ist, zart und mitfühlend? Es ist schließlich das Herz eines Gottes."

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Wir könnten so fortfahren und viele lebendige Treibmittel einer prophetischen Kirche aufzählen, die Jesus in den Mittelpunkt zu stellen vermag. Aber die größte und unverzichtbare Aufforderung – die ich in der jüngsten Apostolischen Exhortation mit Verweis auf Edith Stein hervorheben wollte – erwächst aus dem Vertrauen und der Überzeugung, dass: "aus der dunkelsten Nacht die größten Propheten und Heiligengestalten hervortreten. (...)

Es schmerzt, zuzugeben, dass diese prophetische Inspiration in dieser letzten Periode der Geschichte der chilenischen Kirche ihre Kraft verlor und etwas anderem Raum gab. Es fand etwas statt, das wir als inneren Wandel bezeichnen könnten. (...) Wir können beobachten, dass die Kirche, die auf Jesus als Weg, Wahrheit und Leben (Joh 14,6) zeigen sollte, selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Sie hörte auf, den Herrn zu sehen und zu zeigen, um sich mit sich selbst zu beschäftigen. Sie konzentrierte die Aufmerksamkeit auf sich und verlor die Erinnerung an ihren Ursprung und an ihre Aufgabe. Sie zog sich derart zurück, dass die Folgen dieses ganzen Prozesses einen sehr hohen Preis hatten: Ihre Sünde wurde zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die schmerzhafte und beschämende Feststellung des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen, des Missbrauchs von Macht und Gewissen durch Priester, aber auch die Art und Weise, wie mit diesen Dingen umgegangen worden ist, macht diesen "innerkirchlichen Wandel" offenkundig. (...)

Es ist dringend notwendig, gegen diesen Skandal vorzugehen. Kurz-, mittel- und langfristige Schritte müssen erfolgen, um Gerechtigkeit und Gemeinschaftssinn wiederherzustellen. Ich bin erneut der Meinung, dass wir mit der gleichen Dringlichkeit auf anderer Ebene arbeiten müssen, um entsprechend dem Evangelium neue kirchliche Dynamiken zu erkennen und zu erzeugen. Diese sollen uns helfen, bessere Jünger und Missionare zu sein, die imstande sind, die Prophezeiung wiederzuerlangen.

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Der Jünger ist nicht mehr als sein Herr. Und genau aus diesem Grund müssen wir uns ganz besonders vor jeder Art von Messianismus in Acht nehmen, die darauf abzielt, sich zum einzigen Interpreten des göttlichen Willens zu erheben. Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen wir der Versuchung einer autoritären Form von Kirche erliegen können, die die verschiedenen Ebenen der Gemeinschaft und Beteiligung verdrängen will. Oder, was noch schlimmer ist, das Gewissen der Gläubigen beiseiteschieben will. (...)

Die Psychologie der Elite führt am Ende zu Spaltung, Trennung und "geschlossenen Zirkeln" mit einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, wo man sich, anstatt die anderen zu evangelisieren, vor allem besonders fühlen will, anders als die anderen. So wird klar, dass dabei weder Jesus Christus noch die Mitmenschen wirklich eine Rolle spielen.

Falscher Messianismus, Elitismus, Klerikalismus sind allesamt Synonyme für eine Perversion im kirchlichen Dasein; ein Synonym für Perversion ist auch der Verlust des gesunden Bewusstseins, dass wir zum heiligen Volk Gottes gehören, das Vorrang vor uns hat und uns – Gott sei Dank – überdauern wird. Lasst uns niemals das so erhabene Geschenk unserer Taufe vergessen.

"Es ist zwingend, die Sünde zu bekennen"

Das aufrichtige Eingestehen unserer Grenzen, im Gebet und bei vielen schmerzenden Gelegenheiten, ermöglicht der Gnade, besser in uns zu wirken. Denn es lässt ihr den Raum, um gegebenenfalls das Gut zu entwickeln, das zu einem ehrlichen und echten Wachstumsprozess beiträgt. Dieses Wissen um die Grenzen und unsere Teilhabe am Volk Gottes bewahrt uns vor der Versuchung und Anmaßung, alle Räume besetzen zu wollen. Und sie hält uns von einem Platz fern, der uns nicht zusteht: dem des Herrn. Nur Gott ist allmächtig. Nur Er ist zu einer allumfassenden Liebe imstande, die ausschließlich ist und doch niemanden ausschließt. Unsere Aufgabe ist und wird immer eine gemeinsame Aufgabe sein. Wie ich Euch beim Treffen mit dem Klerus in Santiago gesagt habe: "Das Bewusstsein, dass wir verwundet sind, macht uns frei; ja, es befreit uns davon, selbstbezogen zu sein und uns besser als andere zu fühlen. Es befreit uns von der prometheischen Tendenz derer, die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen."

Deshalb, und erlaubt mir, dass ich darauf bestehe, muss die Kirche dringend Dynamiken entwickeln, um die Beteiligung und die gemeinsame Arbeit aller Mitglieder der kirchlichen Gemeinschaft voranzutreiben. Dabei gilt es, jedwede Form von Messianismus oder Elitismus zu vermeiden. Zum Beispiel sollten wir uns, ganz konkret, mehr öffnen und mit bestimmten zivilgesellschaftlichen Gruppen zusammenarbeiten, um eine Anti-Missbrauchs-Kultur zu fördern.

Als ich Euch zu diesem Treffen zusammenrief, lud ich Euch ein, um Großmut zu bitten, damit unsere Gedanken in konkrete Taten umgesetzt werden können. Ich forderte Euch auf, im Sinne der Kirche nachdrücklich um dieses Geschenk zu bitten. Mit einiger Sorge nahm ich die Haltung zur Kenntnis, mit der einige Bischöfe unter Euch auf die Vorkommnisse der Gegenwart und der Vergangenheit reagiert haben. Eine Haltung, die dem entspricht, was wir als "Jona-Episode" bezeichnen können – inmitten des Sturms sollte das Problem über Bord geworfen werden (Jon 1,4–16) – im Glauben, dass das bloße Entfernen von Personen die Probleme lösen würde. So gerät das Prinzip des Paulus in Vergessenheit: "Selbst wenn der Fuß behaupten würde: ›Ich gehöre nicht zum Leib, weil ich keine Hand bin‹, er bliebe trotzdem ein Teil des Körpers." Die Probleme, die wir heute innerhalb der Kirche erleben, kann man nicht lösen, indem man nur die konkreten Fälle behandelt und die betreffenden Personen entfernt. Das – und das sage ich in aller Deutlichkeit – muss getan werden, aber es ist nicht genug. Es muss noch mehr geschehen. Es wäre unverantwortlich, die Ursachen und Strukturen nicht zu ergründen, die dazu geführt haben, dass solche Vorfälle passieren und sich wiederholen konnten.

Die schmerzhaften Situationen, die eingetreten sind, sind ein Zeichen dafür, dass etwas innerhalb der Kirche schlecht ist. Wir müssen einerseits die konkreten Fälle behandeln. Aber mit der gleichen Intensität müssen wir tiefer gehen, um die Prozesse offenzulegen, die ermöglicht haben, dass solche Verhaltensweisen und solches Übel geschehen konnten.

Es ist zwingend, die Sünde zu bekennen. Und es muss dringend Abhilfe gesucht werden. Die Ursachen zu kennen ist wichtig für die Gegenwart und die Zukunft. Es wäre ein schweres Versäumnis, die Probleme nicht an der Wurzel zu packen. Zu glauben, es wäre ausreichend, einfach nur Personen zu entfernen, ist ein großer Trugschluss. (...) Wir sollten uns in Acht nehmen vor der Versuchung, uns selbst und unser Ansehen ("unsere Haut") retten zu wollen; lasst uns gemeinschaftlich die Schwächen eingestehen, um so zusammen demütige, konkrete Antworten zu finden im Einklang mit dem gesamten Volk Gottes. Die Schwere der Vorfälle gestattet es uns nicht, zu Jägern von "Sündenböcken" zu werden. All das verlangt nach Seriosität und Mitverantwortung, um die Probleme als Symptome eines kirchlichen Ganzen zu betrachten, das wir analysieren sollten. Zudem sind Maßnahmen notwendig, damit so etwas nie wieder passiert. Wir können das nur schaffen, wenn wir die Angelegenheit als Problem aller begreifen, nicht als Problem einiger weniger. Wir können es nur lösen, wenn wir es gemeinsam angehen.

Es wäre ein schweres Versäumnis, die Probleme nicht an der Wurzel zu packen

Meine Brüder, wir sind nicht da, um besser als andere zu sein. Wie ich Euch in Chile gesagt habe, sind wir hier im Bewusstsein, dass wir Sünder sind, die nach Vergebung suchen oder denen vergeben worden ist, Sünder, denen der Weg zur Buße offensteht. Und darin finden wir den Quell unserer Freude. Wir wollen Hirten sein wie Jesus, verwundet, tot und auferstanden. Wir wollen in den Wunden unseres Volkes die Zeichen der Wiederauferstehung finden. Wir wollen keine Kirche mehr sein, die um sich selbst kreist, kraftlos und betrübt wegen ihrer Sünden. Wir wollen eine Kirche sein, die den vielen Mutlosen dient, die an unserer Seite leben. Eine Kirche, die imstande ist, das Wichtige in den Mittelpunkt zu stellen: den Dienst für den Herrn am Hungernden, am Häftling, am Durstigen, am Vertriebenen, am Nackten, am Kranken, am Missbrauchten ... (Mt 25,35) mit dem Wissen, dass sie würdig sind, sich an unseren Tisch zu setzen, sich bei uns "zu Hause" zu fühlen, ein Teil der Familie zu sein. Das ist das Zeichen dafür, dass das Himmelreich unter uns ist. Es ist das Zeichen einer Kirche, die durch ihre Sünde verwundet wurde, derer sich der Herr erbarmte und die durch Berufung zu einer prophetischen Kirche verwandelt wurde. Brüder, wir haben uns versammelt, um zu erkennen, nicht um zu diskutieren.

Die Prophezeiung wiederzuerlangen bedeutet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Es bedeutet, denjenigen zu betrachten, den man durchbohrt hat, und die Worte zu hören "Er ist nicht hier; denn er ist auferstanden" (Mt 28,6); es bedeutet, die Bedingungen und Dynamiken zu schaffen, damit jede einzelne Person in ihrer jeweiligen Lage denjenigen entdecken kann, der am Leben ist und uns in Galiläa erwartet. – Franziskus