Die Gemeinde Vittel im Osten von Frankreich ist berühmt für ihr gutes Wasser. Nur leider wird es langsam knapp, weswegen schon bald eine kilometerlange Pipeline gebaut werden soll, um Trinkwasser für die Bevölkerung aus benachbarten Regionen heranzupumpen. Am Gemeindebrunnen im Zentrum von Vittel mahnt ein Schild die Bürger zur Sparsamkeit: "Bitte höchstens sechs Flaschen abfüllen", steht dort. Für den Konzern Nestlé gilt diese Beschränkung allerdings nicht. Das Unternehmen, zu dessen bedeutendsten Produkten die Mineralwassermarke Vittel gehört, darf hier im Ort auch weiterhin Tag für Tag Zigtausende Flaschen abfüllen und exportieren. So hat es die lokale Wasserkommission beschlossen.

Und wie es dazu kam, ist eine erstaunliche Geschichte.

Sie handelt von einer jahrzehntelang gewachsenen Beziehung zwischen Politik und Wirtschaft. Sie hat aber auch mit der Frage zu tun, wie man Gemeinwohl eigentlich definiert und wo genau die Grenze verläuft zwischen dem, was sich politisch vertreten lässt – und dem, was darüber hinausgeht. Umweltschützer kritisieren die Entscheidungen in Vittel jedenfalls heftig. "Diese Strategie begünstigt einseitig die Interessen der Industrie, darunter die von Nestlé, und das zulasten der Allgemeinheit", schimpft etwa die Organisation Vosges Nature Environnement (VNE). Informationen, die der ZEIT, der Schweizer Monatszeitung La Cité und der ZDF-Sendung Frontal21 vorliegen, stützen den Verdacht.

Die Nähe zwischen Politik und der Wasserwirtschaft in Vittel hat Tradition. Seit die Firma Vittel 1854 als Familienbetrieb gegründet wurde, stellten Führungskräfte sogar mehrfach den Bürgermeister. 1968 schrieb das Unternehmen Geschichte und erfand die weltweit erste Wasserflasche aus Plastik. Ein Jahr später kaufte der Schweizer Nestlé-Konzern erstmals Anteile an der Firma und übernahm sie 1992 ganz. Die für die Region zuständige Tochterfirma Nestlé Waters Supply Est setzte 2016 insgesamt etwa 267 Millionen Euro um. Nestlé ist heute der größte Steuerzahler und Arbeitgeber im Ort.

Sein bedeutendster Schatz ist das Trinkwasser. Mit 180 Milliarden Kubikmetern sei die Wasserschicht unter der Region der "größte Unterwasserspeicher" Lothringens, erklärt das französische Bergbauamt. Seit den siebziger Jahren sinkt der Spiegel in den Westvogesen allerdings, wie Dokumente des Umweltministeriums aus der damaligen Zeit belegen. Das Bergbauamt nennt dafür zwei Gründe: Erstens sickere der Regen hier nur sehr langsam durch die Gesteinsschichten. Und zweitens gebe es "eine starke Konzentration von Entnahmen", insbesondere durch Unternehmen wie Nestlé und die örtliche Großkäserei L’Ermitage. Die seien gemeinsam mit knapp der Hälfte des Konsums die größten Wasserverbraucher vor Ort. Der Umweltverband VNE schätzt, dass allein Nestlé für mehr als 80 Prozent des Defizits seit 1992 verantwortlich sein soll. Berechnungen zufolge werden in und um Vittel jedes Jahr zwischen einer halben und einer Million Kubikmeter Wasser zu viel gepumpt. Das entspricht tatsächlich grob den aktuellen Wasserentnahmen von Nestlé.

Wichtigster Akteur der Wasserpolitik in der Gegend um Vittel ist die Wasserkommission CLE. Sie besteht aus 45 Mitgliedern und vertritt 180 Kommunen, Verbraucherverbände, Wasserschutzbehörden und den Staat. Zu ihren vorrangigen Zielen gehört der Schutz des Grundwassers. Doch die Unabhängigkeit der Kommission wird durch einige Sitzungsprotokolle zumindest infrage gestellt. Zentrale Figur ist hier die konservative Politikerin Claudie Pruvost. Sie ist Beigeordnete der Stadt Vittel, Vertreterin im Departemental-Rat – und leitete bis Ende 2016 die Wasserkommission.

Während der Amtszeit von Pruvost fiel auch die umstrittene Entscheidung, wie das Protokoll vom 26. April 2016 belegt. Auf Platz fünf der Tagesordnung steht eine "Richtungsentscheidung" über die gemeinsame Wasserpolitik. Zunächst fällt auf, dass "auf Einladung der Vorsitzenden" Pruvost zusätzliche Vertreter von Nestlé und L’Ermitage dabei sind. Es wird bekannt, dass sich Madame Pruvost vor der Sitzung zwar mehrfach mit Industrievertretern getroffen hat, der VNE hingegen seinen Termin erst einfordern musste. Zu einem Treffen mit Verbraucherschützern sei es "leider" gar nicht erst gekommen, wie diese berichten. Am Ende der Sitzung schlägt die Vorsitzende Pruvost die Richtung der künftigen Wasserpolitik vor: Das Wasserdefizit soll durch Einsparungen und Substitutionen ausgeglichen werden. Gegen die Stimmen der Umwelt- und Verbraucherschützer wird ihr Vorschlag angenommen.

Nach Einschätzung des Verbands VNE und der Nichtregierungsorganisation Anticor ging das weit über das hinaus, was im Rahmen einer normalen Ermessensentscheidung zulässig gewesen wäre. Sie wandten sich an die zuständige Staatsanwaltschaft in Epinal. Diese habe daraufhin Vorermittlungen wegen des Verdachts auf eine "prise illégale d’intérêt" eingeleitet, einer Art unzulässiger Parteinahme, wie Jean-François Fleck mitteilt, der Präsident des VNE. Die Staatsanwaltschaft selbst bestätigt auf Anfrage zwar, dass sie gegen Pruvost ermittle, macht aber keine Angaben zum Tatbestand. "Die Ermittlungen stehen kurz vor dem Abschluss", sagt ein Sprecher nur – ohne anzudeuten, mit welchem Ergebnis. Auf den Sachverhalt angesprochen, sagt Claudie Pruvost nur: "Die Angelegenheit liegt jetzt in den Händen des Staatsanwalts."

Ihr Nachfolgerin als Leiterin der Wasserkommission, Regine Grandjean-Begel, bezeichnet die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft als "komisch". Sie erkenne keinen Interessenkonflikt und sehe auch kein Problem darin, auf der unter ihrer Vorgängerin getroffenen Grundsatzentscheidung aufzubauen. "Wir sind gerade dabei, ein Schema zu erarbeiten", sagt sie. Dafür arbeite man mit Umweltverbänden, aber auch der Industrie zusammen.