Aus einem Zwischenbericht zweier von den Behörden beauftragter Ingenieurbüros vom Herbst 2017 geht hervor, wie dieses neue Modell konkret aussehen könnte. Die Gemeinden Vittel und Contrexéville sollen demnach über eine kilometerlange Pipeline mit Trinkwasser aus Nachbargemeinden versorgt werden. Bis zu 20 Millionen Euro soll das den Steuerzahler kosten. Würden diese Kosten direkt umgelegt, stiege die Wasserrechnung der Bürger von Vittel wenigstens um die Hälfte. Nestlé darf nach diesem Modell unbeirrt weiterpumpen.

Sparen sollen andere: Bauern, Gärtner und Bürger zum Beispiel, die von Nestlé nahestehenden Organisationen schon lange zum sorgsamen Umgang mit Wasser aufgefordert werden. Eine dieser Organisationen ist das Kultur- und Umweltzentrum Vigie de l’eau. Es wird von Nestlé finanziell unterstützt und hat seinen Sitz in einem Park im Zentrum von Vittel, der von der Nestlé-Tochterfirma Agrivair bewirtschaftet wird. Eine Zeit lang war die Vigie de l’eau sogar direkt für die Umsetzung der örtlichen Wasserpolitik verantwortlich. 2014 hatte es sich – im Rahmen einer Studie des Bergbauamts – gegen weitere Einsparungen bei der Industrie ausgesprochen und stattdessen empfohlen, das Trinkwasser für die Bürger anderswo aufzutreiben. So wie es die Wasserkommission unter Führung von Claudie Pruvost zwei Jahre später ja auch beschlossen hat.

Vorsitzender der Vigie de l’eau war damals (und ist heute noch) Bernard Pruvost, der Ehemann von Claudie. Bis vor Kurzem war er zudem direkt für Nestlé tätig – zwar nicht bei der Wassersparte des Konzerns, aber doch als Manager für Nestlé International. Auf den Vorwurf der Kritiker angesprochen, seine Frau sei befangen gewesen und habe aus privaten Gründen die Interessen der Bürger vernachlässigt, entgegnet er: "Vittel ist eine kleine Stadt, da kennt man sich eben. Für mich gibt es da kein Problem."

Die Rolle Nestlés in der Wasserpolitik rund um Vittel sei jedenfalls ein "heikles Thema", so formuliert es der Zweigstellenleiter des Bergbauamtes auf Anfrage. Er könne sicher "einiges erzählen", wenn man ihn denn ließe. Man ließ ihn nicht. Nestlé Frankreich wollte sich zunächst ebenfalls nicht äußern. Schließlich antwortete ein Firmensprecher doch schriftlich auf die Fragen. Die laufenden Ermittlungen kommentiert er zwar nicht, erklärt aber: "Unser Unternehmen ist seit Jahren Teil der Wasserkommission. Unsere Anwesenheit dort ist völlig legitim." Der Vigie de l’eau sei nur einer von "unzähligen Vereinen, die wir vor Ort unterstützen". Der Verein mische sich nicht in die lokale Wasserpolitik ein, sei aber von der Präfektur eingesetzt worden, für die Wasserkommission "administrative" und "erklärende" Aufgaben zu übernehmen. Diese Mission sei im Januar 2017 beendet worden. Allgemein gelte, dass sowohl der quantitative als auch der qualitative Wasserschutz integraler Bestandteil der täglichen Arbeit des Unternehmens seien. Das Fazit des Sprechers: "Gemeinsam mit anderen Akteuren setzen wir uns intensiv dafür ein, dass die Ressource Wasser nachhaltig genutzt wird."

Bei der Großkäserei L’Ermitage war niemand zu einem Gespräch bereit. Die Stadt Vittel verwies auf ihren technischen Leiter, der allerdings weder erreichbar war noch zurückrief. Weitere Anfragen beim Rathaus wurden abgeblockt.

Deutliche Kritik an den Zuständen in Vittel kommt vom Umwelt- und Sozialausschuss CESER der Region Grand-Est. In einem Fachbericht vom Frühjahr 2017 nahm der Ausschuss die Vitteler Wasserpolitik regelrecht auseinander. Seit den siebziger Jahren habe sich aufgrund der vielen industriellen Wasserentnahmen die Qualität des Trinkwassers verschlechtert, heißt es dort. Das bald 50 Jahre andauernde Defizit sei "unverantwortlich". Man müsse die Ressource vielmehr schützen und langfristig der Bevölkerung zugänglich machen. Bei der Wasserkommission sollten "Interessenkonflikte" vermieden werden. Weiter heißt es: "Hier wird sich zu schnell für die naheliegende Lösung entschieden – auf Staatskosten bei den Nachbarn pumpen –, ohne sich die lokalen Lösungen näher anzusehen." Insgesamt sei die Wasserpolitik in Vittel ein "krasses Negativbeispiel", das sofortiges Handeln der Politik erfordere.

Einiges hat sich auch schon getan. Claudie Pruvost verlor nicht nur die Leitung der Wasserkommission. Sie darf auch nicht mehr an den Sitzungen des Umweltausschusses teilnehmen, in dem unter anderem über die Vergabe von neuen Trinkwasserentnahmestellen mitentschieden wird. Öffentlichen Unterlagen der Stadt Vittel zufolge hat Claudie Pruvost jüngst auch an Abstimmungen nicht mehr teilgenommen, bei denen es um den Grundwasserschutz und die Vergabe von Fördermitteln an Vereine ging, in denen ihr Mann aktiv ist.

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