Zum Abschied schüttelte der Papst allen 34 chilenischen Bischöfen im Vatikan die Hand. Franziskus lächelte, einige der Prälaten machten ihren Bückling, andere verabschiedeten sich eher freundschaftlich. Nur einen einzigen von ihnen, Juan Barros Madrid, küsste der Papst zum Abschied auf beide Wangen. Ein Bruderkuss für den Judas des chilenischen Episkopats? Vielleicht, weil es ein Abschied für immer war.

2015 hatte Franziskus Barros zum Bischof der kleinen Diözese Osorno ernannt. Wegen seiner Verwicklung in den Fall des Missbrauchtäters Fernando Karadima lehnten sich die Gläubigen in der Diözese gegen ihren Bischof auf. Karadimas Opfer bezichtigten Barros, bei Missbrauchshandlungen dabei gewesen zu sein und seither Vertuschung statt Seelenheil zu seinem pastoralen Kompass erhoben zu haben. So nahm die Affäre ihren Lauf, die vergangene Woche mit einem Paukenschlag endete: Die gesamte chilenische Bischofskonferenz, die für drei Tage vom Papst zur Aussprache nach Rom bestellt worden war, hat ihren Rücktritt angeboten. Kann der Fall Chile ein globales Vorbild für das Durchgreifen eines Papstes werden, der sich noch immer schwertut, konkrete Veränderungen in seiner Kirche zu bewirken?

Auf dem Schreibtisch des Papstes stapeln sich nun die Blätter mit den Unterschriften der einzelnen Prälaten. Franziskus kann die Rücktritte annehmen oder zurückweisen, so ist das Praxis in der katholischen Kirche. Der Akt, der eine Reaktion der Bischöfe auf das kollektive Versagen im Umgang mit sexuellem Missbrauch in Chile sein soll, wirkt demütig. Er ist aufsehenerregend, beispiellos in der Kirchengeschichte und birgt Potenzial zur Erneuerung. Die spektakuläre Geste legt nahe, dass sich alle Bischöfe des Landes nach dem dreitägigen Besinnungsaufenthalt im Vatikan einig darüber sind, dass ein Neuanfang gemacht werden muss.

Für Enthusiasmus, weil die katholische Kirche bereit scheint, wirklich Verantwortung für ihr Versagen der Vergangenheit anzunehmen, ist es allerdings noch etwas früh. Die Reaktionen einzelner Bischöfe, allen voran der beiden Hauptverantwortlichen der Kirche in Chile in den vergangenen Jahren, hören sich noch nicht nach glaubhafter Besinnung an. Francisco Javier Kardinal Errázuriz, emeritierter Erzbischof von Santiago de Chile und Mitglied im neunköpfigen Kardinalsrat des Papstes, wehrte sich in seinen jüngsten Erklärungen immer noch gegen seine Verantwortung im Umgang mit dem Fall Karadima. Trotz mehrerer Hinweise ergriff Errázuriz nicht nur jahrelang keine Maßnahmen gegen den Priester, der vom Vatikan 2011 wegen sexuellen Missbrauchs beurlaubt wurde, sondern diskreditierte auch dessen Opfer.

Ricardo Ezzati, der als Nachfolger Errázurizs in Santiago dessen Linie fortsetzte und 2014 von Franziskus zum Kardinal kreiert wurde, äußerte sich in einer Pressekonferenz nach seiner Rückkehr aus Rom. Der vom Papst erhobene Vorwurf, der chilenische Klerus habe Dokumente absichtlich beseitigt, die Missbrauchstaten belegen, sei ihm und den anderen Bischöfen neu. Im chilenischen Klerus werden bislang etwa 80 Männer als Missbrauchstäter beschuldigt, die Dunkelziffer liegt nach Sicht von Opferorganisationen um ein Zehnfaches höher. Immerhin geschieht nun Überfälliges in Chile. Nach seiner Rückkehr aus Rom entschuldigte sich der Bischof von Rancagua für sein bislang zögerliches Verhalten und ließ 15 Priester der Diözese beurlauben. Bereits vor einem Jahr hatte eine ehemalige Mitarbeiterin dem Bischof Hinweise auf einen Kinderporno-Ring in seiner Diözese gegeben, ohne dass irgendetwas passierte.

Man kann Papst Franziskus nur zustimmen, dass es nicht ausreicht, personelle Konsequenzen aus dem Skandal zu ziehen. "Es wäre unverantwortlich von uns, wenn wir nicht tiefer gingen und die Wurzeln und Strukturen suchten, die diese konkreten Ereignisse wiederholt möglich gemacht haben", sagte der Papst vergangene Woche in seiner Rede vor den chilenischen Bischöfen. Diese Aufgabe ist die eigentliche Herausforderung für die Kirche in Chile, die Freilegung der Wurzeln ist aber auch eine Herausforderung für die katholische Kirche insgesamt. Während Missbrauchsskandale in den USA, in Irland, Deutschland oder jetzt auch in Chile einen Wandel bewirkten, hinken andere Länder weiter hinterher. Die Bemühungen des Vatikans und einzelner Bischofskonferenzen, effektive Maßnahmen zur Verhinderung sexuellen Missbrauchs voranzutreiben und zu etablieren, sind anerkennenswert. Unerlässlich ist aber auch die Aufarbeitung von Verbrechen und Vertuschungen in der Vergangenheit. In Afrika und Asien gibt es wenige Impulse zur Aufdeckung, aber auch in europäischen Ländern wie Italien, Spanien oder Polen fand nie echte Aufarbeitung statt.

Papst Franziskus hat mit dem erzwungenen Kollektiv-Rücktritt Glaubwürdigkeit, aber vor allem Zeit gewonnen. Dass er, weil er sich blind auf unzuverlässige Informanten wie Errázuriz und Ezzati verließ, selbst Teil des Problems geworden ist, gab Jorge Bergoglio bereits öffentlich zu. Als Franziskus im April drei Opfer des Missbrauchstäters Karadima im Vatikan beherbergte und ausführlich mit jedem Einzelnen von ihnen sprach, müssen das bewegende Treffen gewesen sein. Auf der einen Seite Menschen, deren Würde durch Priester gebrochen worden war, und ihnen gegenüber das Oberhaupt der katholischen Kirche, das sich bei diesen Männern persönlich entschuldigte, weil es den Vertuschern jahrelang das Wort geredet hatte. Juan Carlos Cruz, der Wortführer der Betroffenen in Chile, berichtete nun, Franziskus habe ihn um Hilfe gebeten, "damit der Heilige Geist mich anleite, die richtigen Entscheidungen zu treffen".

Der fehlbare Papst ließ sich belehren

Diese päpstliche Unsicherheit ist ruhig ernst zu nehmen und überaus verständlich. In der gesamten, nun im Fall Chile kulminierenden Missbrauchsthematik fährt Franziskus einen Zickzackkurs mit ebenso finsteren wie lichten Momenten. Die von ihm gebilligte Einrichtung der sogenannten Kinderschutz-Kommission im Vatikan, die Leitlinien zur Verhinderung von Missbrauch im Klerus entwirft und Präventionsarbeit leistet, war ein wichtiger Schritt. Entscheidend wirkte sich die vom Papst gutgeheißene Aufnahme von zwei Missbrauchsbetroffenen aus, die beide nicht mehr der Kommission angehören. Vor allem der Irin Marie Collins ist es zu verdanken, dass das Versagen der chilenischen Kirche eine breite Öffentlichkeit erreichte. Als Papst Franziskus die Proteste der Gläubigen gegen Bischof Barros in Osorno im Jahr 2015 als "Dummheit" linker Aktivisten brandmarkte, bezog das Kommissionsmitglied Collins öffentlich gegen den Papst Position.

Bei seiner Chile-Reise im vergangenen Januar tappte Franziskus dann erneut in die Falle. Während er sich öffentlich für die Missetaten des Klerus entschuldigte, hielt der Papst eisern an der ihm von seinen Gefolgsleuten Errázuriz und Ezzati aufbereiteten Version vom Unschuldslamm Barros fest. Franziskus’ manchmal an Unverantwortlichkeit grenzende Mitteilsamkeit erwies sich dabei erneut als Schlüssel. Dass der Papst die Anschuldigungen gegen Bischof Barros in einer spontanen Reaktion auf die Frage von Reportern als "Verleumdung" bezeichnete, brachte die Wende. Der Vorsitzende der Kinderschutzkommission, der Bostoner Kardinal Séan O’Malley, schaltete sich ein und teilte mit, die Worte des Papstes hätten bei den Betroffenen "großes Leid" verursacht. Dass so eine öffentliche Kontraposition zum Stellvertreter Petri überhaupt vorstellbar war, hat Franziskus mit seinem modernen Amtsverständnis selbst möglich gemacht.

Der fehlbare Papst ließ sich belehren, schickte zwei vatikanische Emissäre nach Chile, um die Vorgänge unabhängig überprüfen zu lassen, und entschuldigte sich schließlich für seine eigenen Fehleinschätzungen. Der maltesische Erzbischof Charles Scicluna und sein Kollege befragten im Februar 64 Zeugen und lieferten dem Papst einen 2.300-Seiten-Bericht, der die chilenischen Märchen, denen auch Franziskus aufgesessen war, wie eine Seifenblase platzen ließ. In dem Bericht ist die Rede von schwerwiegenden Fehlern im Umgang mit Missbrauchsfällen, Verzögerungen der Aufarbeitung, schwerster Fahrlässigkeit im Hinblick auf den Schutz von Kindern. Von kirchlicher Seite sei Druck auf Mitarbeiter ausgeübt worden, die die Untersuchung von Strafverfahren hätten voranbringen müssen, Dokumente seien vernichtet worden. Einige Probleme lägen bereits in der Auswahl von Priesteramtskandidaten für die Seminare. So ist es in den Fußnoten der Rede zu lesen, die Franziskus vor den Bischöfen Chiles im Vatikan hielt.

Der Fall Chile mit dem angebotenen Kollektivrücktritt ist eine implizite Mahnung an die katholischen Bischöfe in aller Welt. Dass es dazu kam, ist jedoch keine Selbstverständlichkeit: Ein vom Vatikan vor Jahren angekündigtes Tribunal zur Anklage vertuschender Bischöfe existiert weiterhin nicht. Die Affäre Barros, die den Auslöser der chilenischen Katharsis bildet, wurde nicht etwa aus eigenem Antrieb des Klerus, sondern nur durch die Beharrlichkeit der Opfer und das zunächst unbewusste Zutun von Franziskus an die Oberfläche gespült. Der Papst hat sich aus blinder Loyalität selbst zum entscheidenden Faktor im Narrativ aufgeschwungen und sich persönlich angreifbar gemacht. Die Fallhöhe in der Affäre Chile betraf schließlich Franziskus selbst. Zum Schluss war seine Glaubwürdigkeit dahin. Um diese wiederherzustellen und weniger, weil der Kirche in aller Welt ausnahmslos Gerechtigkeit für die Opfer sexuellen Missbrauchs am Herzen liegt, folgen nun die Aufräumarbeiten.