Viel älter als elf oder zwölf Jahre werde ich nicht gewesen sein, damals, in Köln. Im Wallraf-Richartz-Museum – Eintritt für Kinder 20 Pfennig – hing das Bild meines Lebens, das mir immer wieder begegnen sollte, auf Postkarten, auf Postern und in Kalendern. Es hieß Haupt- und Nebenwege, der Maler hieß Paul Klee. Es war ein sanftes, geometrisch zauberhaftes Werk. Ihm gegenüber hing ein wildes Bild von Max Ernst, eine dicht und fett aufgetragene, bunte Farbmelange, eine Art Prä-Pollock. "Wenn du genau hinschaust", erklärte ein Museumswärter dem Sextaner, "kannst du einen Hund sehen." Auch das noch, ein blöder Hund im Bild! Die Haupt- und Nebenwege interessierten mich mehr.

In den lasierten, geometrisch arrangierten Farbflächen, die sich aneinanderfügten wie Teile eines lang hingestreckten Schachtelsatzes, herrschte eine beruhigende Ordnung vor. Perspektivisch zusammenstrebende Linien, unterteilt in kleine Farbkästen in rot-gelb-blauen Tönen, suggerierten eine geradezu musikalische Schönheit. Jahre später wurde mir klar, dass dieses Bild auf womöglich allzu dekorative Weise mein eigenes Leben, die beruflichen und privaten Haupt- und Nebenwege präludierte.

Das nennt man im deutschen Suhrkamp-Land wohl possessiv-posteriorische Rezeptionsästhetik. Will sagen: Da hing mein eigener Lebenslauf, antizipiert in einem Kunstwerk Paul Klees. Ich sah, inzwischen erwachsen, meine eigene Lebensstrecke, wann immer ich auf das vielfach reproduzierte Bild stieß. In jedem kleinen Bewunderer großer Kunst steckt eben die Eitelkeit eines eingebildeten Einverständnisses. Das ist mein Bild, mehr noch, das bin ich. Dachte ich. Aber inzwischen nicht mehr.

Heute interessiert mich: Wer war Paul Klee, dieser altkluge Märchenerzähler? Es gibt kaum einen anderen Künstler des 20. Jahrhunderts, der die Köpfe und Herzen der Deutschen, seiner Sammler und Interpreten, seiner Galeristen und ihrer Kunden so dauerhaft gefangen nahm wie er. Dieser milde Mensch machte es den Kunsthistorikern leicht – er führte Tagebücher, nummerierte eigenhändig seine 9.000 Werke, hinterließ fast 4.000 Seiten Vorlesungstexte, ironisierte seine Bilder mit hübschen Titeln und war zugleich der beispielhafte Eskapist einer blutigen Epoche zweier Weltkriege, die in seinem Arbeiten ziemlich spurenlos blieben.

Paul Klee wurde 1878 geboren und starb 1940. Man sieht es seinen Bildern nicht an. Dieser Zeitgenosse Picassos, Braques, Beckmanns und Dix’, dieser Freund Kandinskys, Feiningers, Münters, Marcs und Mackes, von den Lenins, Stalins oder Hitlers ganz zu schweigen, hatte sich bereits in seinen Münchner Studienjahren vom Zeitgeschehen innerlich verabschiedet. Max Weber diagnostizierte die "Entzauberung der Welt", die protestantische Theologie (und nicht erst Nietzsche) hatte den Tod Gottes bereits festgestellt, doch den jungen Klee störte der kalte Windzug der Aufklärung nicht. Er beschloss, ein Gottsucher zu sein.

Seine Freunde im Bauhaus von Dessau nannten ihn Buddha. Ihm gefiel das. Doch so weit sind wir noch nicht. Im Jahr 1901 notierte der 22-jährige Student aus Bern, der in München Malunterricht nahm, in seinem Tagebuch: "Ich bin Gott. So viel des Göttlichen ist in mir gehäuft, dass ich nicht sterben kann. Mein Haupt glüht bis zum Springen. Eine der Welten, die es birgt, will geboren sein. Nun aber muss ich leiden vor dem Vollbringen." An anderer Stelle schreibt er: "Über den Sternen will ich meinen Gott suchen ... Wie kann ich ihn erkennen?" Paul Klee war von seiner religiösen Musikalität selbst ergriffen. Dabei blieb es ein Leben lang. Den Atheisten von heute mag das peinlich erscheinen. Anthropologen hingegen erkennen in der Zeichenwelt des älteren Klee, in den Monden, Zacken, Sternen, Fischen und Pfeilen die Petroglyphen indianischer und noch älterer Kulturen wieder.

Man kann sagen: Das symbolische Arsenal religiös entzückter Menschen ist universal und begrenzt zugleich. Klees Suche nach dem Urgrund allen Seins sollte die "Haupt- und Nebenwege" seines Lebenswerkes mal offen, mal verschlossen, mal triumphal, mal zweifelnd bestimmen. Selten nur verzichtete er auf den ironischen Gestus – nicht als Signal des Selbstzweifels, sondern als Stilmittel, mit dem er sich vor der Kritik der Aufgeklärten schützte. Als wollte er ihnen malerisch zurufen: Ja, ja, ich weiß, dass ihr mich für einen Mystiker haltet, der aus der Zeit gefallen ist. Ihr habt ja recht!

Zorn, Wut, Angst, Hohn, Zynismus oder gar Revolution sind ihm fremd. So steht er vor einem van Gogh und schreibt: "Man erlaube mir, zu erschrecken." Paul Klee hingegen will niemanden erschrecken, vielleicht aber will er einladen zur Selbstreflexion, zum Rätselraten und Rätsellösen.