Die Paulskirche (vor 1945) © dpa

Als die ZEIT vor einem halben Jahr auf den verwahrlosten Zustand der Paulskirche in Frankfurt am Main hinwies, war das Echo verblüffend. Es schien, als sei endlich etwas ausgesprochen, das alle schon lange gedacht hatten. Inzwischen ist ein Bürgerverein Demokratiedenkmal Paulskirche gegründet und eine heftige Debatte im Gange. Wie konnte es nur passieren, dass die Wiege unserer Republik zum Sanierungsfall wurde? Das fragen nicht nur FAZ und FR.

Nun kam in der akuten Freude über die gerade wiedererstandenen Frankfurter Altstadtgassen gleich die Idee auf, auch die Kirche einer Rekonstruktionskur zu unterziehen. Sie könnte doch in ihrem Inneren wieder so aussehen wie damals, 1848, als hier die Nationalversammlung tagte, um Deutschland seine erste freiheitliche Verfassung zu geben!

Doch welchen baulichen Zustand will man rekonstruieren? Den von 1833, als die Kirche geweiht wurde? Oder den von 1848, als die Parlamentarier die Decke absenken ließen – unter Verzicht auf die obere Fensterreihe –, um die Debattenakustik zu verbessern? Vor allem aber: So verständlich der Wunsch nach Kopie erscheint, die Paulskirche ist kein Museum. Sondern ein lebendiges Denkmal, ein Ort des öffentlichen Lebens, und das nicht nur im Herbst jeden Jahres, wenn hier Deutschlands gewichtigster Preis, der Friedenspreis, verliehen wird.

Genauso wenig allerdings, wie der Zustand von 1848 herbeigeschwindelt werden darf, kann der verlogene Zustand von 1948 konserviert werden. Der Wiederaufbau der im Krieg ausgebrannten Kirche kam einer zweiten Zerstörung gleich. Mutwillig wurde ein düsteres Untergeschoss eingefügt und der in die erste Etage hochgestemmte Kirchenraum und ehemalige Plenarsaal der Galerie entkleidet. So wurden die Proportionen des Raumgefüges völlig zerstört, die Ordnung der erhalten gebliebenen Fenster verlor ihren Sinn, und die beiden Treppentürme, die der Rückseite der Paulskirche ihre markante Gestalt geben, sind funktionslos geworden.

Besonders fragwürdig aber war es, diesen monumentalistischen Neubau auch noch apologetisch aufzuladen. So sollen die 14 gewaltigen Säulen im Untergeschoss an die 14 Kreuzweg-Stationen Jesu erinnern. Deutschland, die Opfernation, so suggeriert diese Symbolarchitektur, leidet, bereut und büßt und steigt nun wieder nach oben, ins Licht. Es bleibt ein Rätsel, warum ein aufgeklärter Kopf wie der Frankfurter Baumeister Jochem Jourdan in einem Beitrag für die FR diesen sauren Sakrokitsch, der die historische Bedeutung des Ortes verständnislos verleugnet, zu "einer der bedeutendsten Raumschöpfungen der Nachkriegszeit in Deutschland und Europa" verklären will.

Nein, hier heißt es umfassend reparieren. Der parlamentarische Raum sollte wieder zu erfahren sein. Dazu muss die fatale Krypta verschwinden und der Emporenkreis, in moderner Gestalt, zurückkehren: als angestammter Sitz des Souveräns, des Volkes. Auch ein zeitgemäßes Dokumentationszentrum auf der Grünbrache westlich der Kirche tut dringend not.

Doch Frankfurt hat viele Nöte: das marode Theater, die marode Oper, der marode Zoo ... Umso dringender ist die Hand des Bundes gefragt, die ganze Republik. Denn die Paulskirche – das sind wir alle.