Peter Boehringer möchte keine Porträts mehr über sich lesen. Der AfD-Mann, der den Vorsitz des Haushaltsausschusses im Bundestag innehat, sieht sich von den Medien "komplett verzerrt" dargestellt. Wer für ein Porträt trotzdem mit ihm sprechen will, dem stellt der Abgeordnete Bedingungen, die alle auf eines hinauslaufen: Nur der Mann, der Peter Boehringer jetzt ist, soll vorkommen.

Aber Boehringer hat eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Die ihm überallhin folgt, wo er vielleicht einen Neuanfang machen möchte. Der Ökonom, Autor und Blogger hat in den vergangenen Jahren Dinge geschrieben, die krass, brutal und voller Hass waren. Er schrieb von den "Parlaments-Demokratten in der real existierenden Volkszertretung namens 'Deutscher Bundestag'", die "ihr Mandat pervertieren und ihre rechtlichen und ökonomischen Kompetenzen bis hin zur Existenzbedrohung unseres Gemeinwesens überschreiten".

Er schrieb während der Flüchtlingskrise in einer privaten E-Mail von der "Merkel-Nutte", die "jeden reinlässt". Er schrieb eine 28-seitige Glosse, in der es heißt, "die heutige, supranationalen Befehlen gehorchende BRD-Führungsclique" sei inzwischen "krimineller als die kommunistische DDR". Er zeigt sich, bis heute, überzeugt, dass die Deutschen ökonomisch "in einer Lebenslüge leben". Dem "deutschen Michel" werde die Wahrheit über die Kosten der Euro-Rettung verschwiegen. Nach Boehringers Rechnung betragen sie zwei Milliarden Euro täglich.

Die Kosten der Euro-Rettung, 340 Milliarden Euro, würden versteckt, sagt Boehringer

Jetzt ist er selbst ein "Parlaments-Demokrat", einer von 92 Bundestagsabgeordneten der AfD. Und nicht nur das: als Mitglied des Haushaltsausschusses (HHA) sitzt er genau da, wo die Volksvertretung des deutschen Michel über dessen Geld wachen soll. Es ist also seine Aufgabe, sich selbst zu widerlegen: Boehringer muss jetzt die Transparenz schaffen, von der er immer behauptet hat, es gäbe sie nicht.

Als Vorsitzender des Ausschusses kann er nicht nur AfD-Politik machen. Jetzt muss er das Gespräch der Kollegen, die er noch vor Kurzem als Ratten und volksverräterische Eliten gebrandmarkt hat, moderieren, ihnen gegenüber der Regierung zu ihrem Recht verhelfen. Gleichzeitig muss er als haushaltspolitischer Sprecher der AfD seine Basis bei Laune halten, zeigen, dass er nicht rumkumpelt mit den "Eurokraten". Erfahrene Haushaltspolitiker wie Otto Fricke (FDP) sagen, Boehringer verhalte sich im Ausschuss "formal völlig korrekt": Äußert er sich als AfD-Sprecher, wechselt er den Platz und sein Stellvertreter übernimmt den Vorsitz. Wenn er nicht mehr weiterweiß, sitzt ihm der Leiter des Ausschusssekretariats zur Seite, der ihn dezent durch das Prozedere steuert.

Die Frage ist: Haben die sanften Mühlen des Bundestags Peter Boehringer verändert – oder ist das Zivile nur eine Fassade, hinter der die Verschwörungstheorie von der supranationalen neuen Weltordnung munter weiterlebt?

Auftritt Peter Boehringer an einem herrlichen Frühlingstag in einer Turnhalle in Troisdorf nahe Bonn. Das Publikum wurde mit der Frage aus der Sonne gelockt: "Wo bleibt mein Geld?" Seine Vorredner schildern AfD-gemäß die Lage Deutschlands in dunkelsten Farben, sodass der Wunsch eines auftretenden AfD-Jungpolitikers, "ein unbeschwertes Leben zu führen mit Frau, Kindern, Haus mit Garten und Dieselauto", wie eine Fata Morgana erscheint.

Boehringer, der hier für den Ausschussvorsitz gefeiert wird, als habe er sich den Weg dorthin mit dem Schwert freigeschlagen, springt braun gebrannt auf die Bühne. In seiner Freizeit fährt er Rennrad, leitet Gruppen-Touren und fährt locker Etappen über 120 Kilometer. Die Kosten für die Rettung des Euro, 340 Milliarden Euro im Jahr, verkündet Boehringer auf der Bühne, würden versteckt: "Das Problem, das ich mit dem eigenen Haushalt habe, ist, dass er nicht alles abbildet. Die wirklichen Zahlen gehen nicht über meinen Schreibtisch." Das sagen AfD-Politiker oft auf den Vorhalt, die wirtschaftliche Lage der Bundesrepublik, Arbeitslosigkeit, Steuereinnahmen und so weiter seien doch so bombig wie schon lange nicht mehr: Ihr seht die Wahrheit nur noch nicht.

Was Boehringers Ausschusskollegen seine "Verschwörungstheorie" nennen, entstand 2002 mit einer Art Erweckungserlebnis. Damals lagen der Wehrdienst, ein Doppelabschluss als Informatiker und Kaufmann hinter ihm sowie ein paar Berufsjahre in der Tech-Blase: erst als Unternehmensberater bei der Firma Booz Allen Hamilton, dann als Internetmanager beim Private-Equity-Unternehmen 3iplc. Boehringer, der aus einer schwäbischen Mittelstandsfamilie kommt (fünfte Generation in Miederwaren und Werkzeugmaschinenbau), sagt, er habe den ganzen Hype, die Partystimmung der neunziger Jahre erlebt. Dann platzte die Spekulationsblase. In dieser Zeit seien ihm die Bücher des Ökonomen Roland Baader in die Hände gefallen. Und damit, wie er sagt: "die Wahrheit über unser System". In Boehringers Weltbild blieb kein Stein auf dem anderen.

"Wir leben in einer Lebenslüge!"

Baader, ein Schüler des liberalen österreichischen Ökonomen Friedrich A. Hayek, beschreibt in Büchern mit Titeln wie Geldsozialismus, Die Euro-Katastrophe oder Wider die Wohlfahrtsdiktatur, wie der Staat oder eine internationale Elite Papiergeld als Herrschaftsinstrument einsetze. Es sei krankes Geld, Falschgeld, nichts als Schulden seien es, hinter denen kein echter Wert stehe. Damit sollten die Bürger über Wohlfahrtsleistungen gefügig gehalten werden. Nur Gold als Geld sei kein Betrug.

Ressentiments gegen Papiergeld sind nichts Neues – aber bei einem Vorsitzenden des Haushaltsausschusses schon. "Die Leute wissen einfach nicht, wie Geld entsteht", meint der grüne Finanzpolitiker Gerhard Schick, der ebenfalls im Ausschuss sitzt. "Dieses Unwissen öffnet rechten und linken Populisten die Tür."

Boehringer sah sich von Baaders Thesen elektrisiert. "Wir leben in einer Lebenslüge!", das sagt er bis heute. Er hat damals all seinen Bekannten davon erzählt – und viele hätten sich von ihm abgewandt. Boehringer, der 2002 selbstständiger Vermögensberater wurde, blieb auf Kurs – und sah sich durch die Finanzkrise 2008 bestätigt. Seit damals sagt er den Untergang des Euro voraus. Zusammen mit seiner Frau, der Wirtschaftsjournalistin Simone Boehringer von der Süddeutschen Zeitung, schrieb er 2012 das Buch Der private Rettungsschirm – Weil Ihnen Staat und Banken im Krisenfall nicht helfen werden. Es ist geschrieben in der Erwartung eines "Systemzusammenbruchs".

Die Leser werden in dem Werk aufgefordert, die "innere Revolte zuzulassen" gegen die fatalen Schwächen des "Schuldgeldsystems". Die Macht der Zentralbanken, der EZB und der USA beruhe einzig auf dem Vertrauen der Menschen in das Scheingeld. Aber man könne sich auf nichts verlassen. "Stehen Sie daher zu Ihrer 'Paranoia' in Finanzfragen", schreibt Boehringer da, "sie ist zwingend notwendig." Das Buch endet mit Tipps für ein Untergangsszenario: Wie man sich retten kann – mit Gold und dadurch, dass man kompostiert und Sauerkraut einkocht.

Boehringers größter politischer Coup liegt im Grunde schon hinter ihm. Über 3.000 Tonnen Gold, die dem deutschen Staat gehören, waren im Kalten Krieg im Ausland gelagert worden. 2011 gründete Boehringer die Initiative "Holt unser Gold heim", und nachdem sich der Bundesrechnungshof seinen Forderungen angeschlossen hatte, wurde die Bundesbank aktiv. Inzwischen liegen 1.710 Tonnen in Frankfurt am Main. "Ein Anfang", sagt Boehringer, "aber noch nicht genug!"

Peter Boehringer stieß zur AfD wie ein Fallschirmspringer, der über feindlichem Gelände der linksgrünen Republik abgesprungen ist und plötzlich auf eigene Truppen stößt. Er trat allerdings erst im Oktober 2015 ein, als Bernd Lucke und die Wirtschaftsprofessoren abgetreten waren. Erst mit dem Kampf gegen die "Umvolkung" in der Flüchtlingskrise und gegen die "Abschaffung des souveränen Nationalstaats" war das wirklich seine Partei. Auf den Vorhalt, er hänge der Verschwörungstheorie von der "New World Order" an, nach der eine geheime Weltregierung sich anschicke, die Freiheitsrechte der Bürger abzuschaffen, erklärte er: "Begriffe wie 'NWO' sind keine Erfindung der AfD, sondern von US-Präsidenten." Das ist irreführend: Präsident Wilson, dem das Wort zugeschrieben wird, bezog sich auf den Völkerbund; Präsident Bush wurde es lediglich unterstellt, weil er in einer geheimen Studentenverbindung war.

Redet er für die AfD, setzt er innerlich den Stahlhelm auf

Im Haushaltsausschuss geht es ans Eingemachte: Was ist uns die Armee wert, was geben wir für soziale Sicherung aus? Am Ende der Haushaltsberatungen sitzen die Ausschussmitglieder schon mal bis in die frühen Morgenstunden zusammen. Deshalb gibt es neben dem Sitzungssaal die sogenannte Papierkneipe, mit roten und schwarzen Barhockern, einem großen Kühlschrank mit Bier. "Es gab hier immer, von CSU bis Linkspartei, so ein gemeinsames Verständnis: Wir kontrollieren die Regierung. Man hat sich geduzt, das war ein so kollegialer Umgang, wie ich das aus keinem anderen Ausschuss kenne", erzählt der Grünen-Politiker Sven-Christian Kindler, der zum dritten Mal im HHA sitzt. "Aber jetzt ist die Atmosphäre extrem verändert. Die Rechtsextremen von der AfD sind einfach menschlich und politisch so weit entfernt, da darf es keine Normalität geben. Mit Faschisten gibt es kein Getränk in der Papierkneipe nach der Sitzung." Man duzt sich, aber keiner duzt Boehringer.

Peter Boehringer würde es vermutlich nicht zugeben, aber wo ihn "das System" mal akzeptiert, freut es ihn. Es hat ihn gefreut, dass Wolfgang Schäuble, der "Lügner", ihm zu seinem Amt gratuliert hat. Dass er zum Abschied Carl-Ludwig Thieles aus der Bundesbank eingeladen wurde. Boehringer will, wie viele AfD-Politiker, drinnen und draußen zugleich sein. Hassen und geachtet werden. Peter Boehringer hat sich nie von dem distanziert, was er noch 2015 geschrieben hat. Er hat zwei Rollen, zwei Gesichter: Redet er für die AfD, setzt er innerlich den Stahlhelm auf. Leitet er als Ausschussvorsitzender eine Sitzung, bleibt er zivil. Der eine Boehringer möchte vom anderen manchmal gar nichts wissen. Als er erfährt, dass auch in diesem Porträt sein Wort von der "Merkel-Nutte" erwähnt werden soll, schreit er minutenlang mit angstvoller Wut ins Telefon.

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