Es ist das natürliche Schicksal, dass Mutter und Vater – alt geworden – Unterstützung brauchen. Und doch trifft diese Erkenntnis ihre Kinder oft wie ein Schlag. Gerade eben gab es bei Mama noch Birnenkuchen und kluge Ratschläge. Und nun das: Ein winziger Schlaganfall, ein kleiner Wirbelbruch, alles behandelbar – aber es ist der Moment, in dem das System kippt. Jener Augenblick, nach dem sich ein lebenstüchtiger, selbstständiger Mensch nicht mehr allein versorgen kann. Und seine Kinder plötzlich vor der Frage stehen: Was wird mit meiner Mutter, meinem Vater?

Rund 75 Prozent der Menschen, die in Deutschland auf Pflege angewiesen sind, werden zu Hause versorgt. Zu 90 Prozent von Frauen – Ehefrauen, Töchtern und Schwiegertöchtern. Nur ein knappes Drittel dieser Hilfsbereiten erhält zusätzliche Hilfe von Pflegediensten. "Ohne das Engagement aus Verbundenheit mit den Eltern bräche in Deutschland alles zusammen", sagt Thomas Klie, Professor für Gerontologie und Pflegeexperte an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Eine gewaltige Leistung der Jüngeren – psychisch, physisch und finanziell. Keine Rede also von "fragiler Solidarität" zwischen den Generationen: "In Deutschland ist die Sorgebereitschaft im europäischen und im internationalen Vergleich extrem hoch", sagt Klie. Und Ursula Müller-Werdan, Professorin für Altersmedizin an der Berliner Charité, hat bemerkt: "Auch wenn sich Kinder und Eltern schon sehr voneinander entfernt haben, springen die Kinder über ihren Schatten, in der Not rücken die Familien oft wieder zusammen."

Befremdlich ist es daher, wenn Politiker die zahllosen sorgenden Angehörigen als Beleg dafür hernehmen, die deutsche Pflegeversicherung zu feiern. Talkshow-Tenor: Abgesehen von ein paar Rabenkindern behalten die Deutschen ihre alten Eltern hübsch bei sich. Was Politiker in Auftritten und Interviews verschweigen: So wie häusliche Pflege in Deutschland organisiert ist, ist sie eine grandiose Überforderung für Millionen Menschen. Enorme innere Anpassungsprozesse in beiden Generationen, Konflikte, Geldsorgen, Momente der Verzweiflung und mitunter der Gewalt sind vielfach programmiert. "Die wahren Dramen spielen sich zu Hause ab", sagt Gabriele Tammen-Parr von der Beratungsstelle "Pflege in Not" beim Diakonischen Werk Berlin, die Tausende Gespräche mit Angehörigen geführt hat.

Viele haben massive Schwierigkeiten mit der neuen Rolle, und das liegt nicht nur an der ungewohnten Nähe und Körperlichkeit. Es liegt auch im System. Es ist ein Pflegesystem, das sich modern gibt, aber auf einer Lüge basiert: Es unterstellt Lebensformen aus dem 19. Jahrhundert als Regelfall. Hinfällige Eltern und überforderte Kinder treffen heute in dieser verletzlichen Phase voll schmerzlicher Prozesse auf institutionalisierte Ignoranz.

Oft beginnt alles mit ersten Zeichen des Nachlassens: "Bei den Eltern liegen jetzt viel mehr Krümel herum, ihre Haare sind zu lang, der Gang ist ein wenig schief, sie nehmen ab", sagt Angelika Maaßen, Psychologin von der Beratungsstelle Hamburgische Brücke. "Den Eltern selbst fällt das meist gar nicht auf, die leben so vor sich hin, und wenn sie einen schlechten Tag haben, bleiben sie halt zu Hause." Der Vergleichsregler alter Leute verschiebt sich, sie entwickeln andere Kriterien für Lebensqualität. Ihre Wünsche sind oft ambivalent: Sie möchten, dass die Kinder nach ihnen fragen, wollen aber zugleich in ihrem Rhythmus nicht gestört werden und empören sich über Einmischung durch den Nachwuchs: "Wie redest du denn mit mir?!" Sie ahnen: Was ich einmal abgebe, kommt nicht wieder.

Die Kinder indes sehen klar, dass es so nicht weitergeht. Wenn die 87-jährige halb blinde Mutter die Leiter hinaufklettert, um die Gardinen zu befestigen, und ihr 95-jähriger Ehemann danebensteht und versucht, die Leiter zu stabilisieren. Wenn der Vater mit Metastasen im Gehirn sich noch unbeirrt ans Steuer setzt, obwohl die Ärzte ihm dringend vom Autofahren abgeraten haben. Die Kinder schwanken zwischen Verantwortungsgefühl (bis hin zur Panik) und dem Wunsch, die Eltern nicht zu bevormunden oder zu beschämen.

Doch irgendwann muss der Nachwuchs häufig die Führung übernehmen – und die Eltern hadern mit ihrer ungewohnten Hilfsbedürftigkeit. Sie sind routinierte Bestimmer: Sie sind darauf abonniert, zu helfen, zu trösten, zu sorgen, sie reden ihren Kindern gerne ungefragt hinein. Sie waren die Starken, mit der Fülle der Erfahrung. Nun dreht sich das Machtgefälle oft um. Dabei entstehen massive Konflikte. Die Rollen werden neu verteilt – ungeprobt. Das "Vater-Mutter-Kind-Spiel" verläuft jetzt nach irritierend anderen Regeln.