Wenn die Eltern älter werden – Seite 1

Es ist das natürliche Schicksal, dass Mutter und Vater – alt geworden – Unterstützung brauchen. Und doch trifft diese Erkenntnis ihre Kinder oft wie ein Schlag. Gerade eben gab es bei Mama noch Birnenkuchen und kluge Ratschläge. Und nun das: Ein winziger Schlaganfall, ein kleiner Wirbelbruch, alles behandelbar – aber es ist der Moment, in dem das System kippt. Jener Augenblick, nach dem sich ein lebenstüchtiger, selbstständiger Mensch nicht mehr allein versorgen kann. Und seine Kinder plötzlich vor der Frage stehen: Was wird mit meiner Mutter, meinem Vater?

Rund 75 Prozent der Menschen, die in Deutschland auf Pflege angewiesen sind, werden zu Hause versorgt. Zu 90 Prozent von Frauen – Ehefrauen, Töchtern und Schwiegertöchtern. Nur ein knappes Drittel dieser Hilfsbereiten erhält zusätzliche Hilfe von Pflegediensten. "Ohne das Engagement aus Verbundenheit mit den Eltern bräche in Deutschland alles zusammen", sagt Thomas Klie, Professor für Gerontologie und Pflegeexperte an der Evangelischen Hochschule Freiburg. Eine gewaltige Leistung der Jüngeren – psychisch, physisch und finanziell. Keine Rede also von "fragiler Solidarität" zwischen den Generationen: "In Deutschland ist die Sorgebereitschaft im europäischen und im internationalen Vergleich extrem hoch", sagt Klie. Und Ursula Müller-Werdan, Professorin für Altersmedizin an der Berliner Charité, hat bemerkt: "Auch wenn sich Kinder und Eltern schon sehr voneinander entfernt haben, springen die Kinder über ihren Schatten, in der Not rücken die Familien oft wieder zusammen."

Befremdlich ist es daher, wenn Politiker die zahllosen sorgenden Angehörigen als Beleg dafür hernehmen, die deutsche Pflegeversicherung zu feiern. Talkshow-Tenor: Abgesehen von ein paar Rabenkindern behalten die Deutschen ihre alten Eltern hübsch bei sich. Was Politiker in Auftritten und Interviews verschweigen: So wie häusliche Pflege in Deutschland organisiert ist, ist sie eine grandiose Überforderung für Millionen Menschen. Enorme innere Anpassungsprozesse in beiden Generationen, Konflikte, Geldsorgen, Momente der Verzweiflung und mitunter der Gewalt sind vielfach programmiert. "Die wahren Dramen spielen sich zu Hause ab", sagt Gabriele Tammen-Parr von der Beratungsstelle "Pflege in Not" beim Diakonischen Werk Berlin, die Tausende Gespräche mit Angehörigen geführt hat.

Viele haben massive Schwierigkeiten mit der neuen Rolle, und das liegt nicht nur an der ungewohnten Nähe und Körperlichkeit. Es liegt auch im System. Es ist ein Pflegesystem, das sich modern gibt, aber auf einer Lüge basiert: Es unterstellt Lebensformen aus dem 19. Jahrhundert als Regelfall. Hinfällige Eltern und überforderte Kinder treffen heute in dieser verletzlichen Phase voll schmerzlicher Prozesse auf institutionalisierte Ignoranz.

Oft beginnt alles mit ersten Zeichen des Nachlassens: "Bei den Eltern liegen jetzt viel mehr Krümel herum, ihre Haare sind zu lang, der Gang ist ein wenig schief, sie nehmen ab", sagt Angelika Maaßen, Psychologin von der Beratungsstelle Hamburgische Brücke. "Den Eltern selbst fällt das meist gar nicht auf, die leben so vor sich hin, und wenn sie einen schlechten Tag haben, bleiben sie halt zu Hause." Der Vergleichsregler alter Leute verschiebt sich, sie entwickeln andere Kriterien für Lebensqualität. Ihre Wünsche sind oft ambivalent: Sie möchten, dass die Kinder nach ihnen fragen, wollen aber zugleich in ihrem Rhythmus nicht gestört werden und empören sich über Einmischung durch den Nachwuchs: "Wie redest du denn mit mir?!" Sie ahnen: Was ich einmal abgebe, kommt nicht wieder.

Die Kinder indes sehen klar, dass es so nicht weitergeht. Wenn die 87-jährige halb blinde Mutter die Leiter hinaufklettert, um die Gardinen zu befestigen, und ihr 95-jähriger Ehemann danebensteht und versucht, die Leiter zu stabilisieren. Wenn der Vater mit Metastasen im Gehirn sich noch unbeirrt ans Steuer setzt, obwohl die Ärzte ihm dringend vom Autofahren abgeraten haben. Die Kinder schwanken zwischen Verantwortungsgefühl (bis hin zur Panik) und dem Wunsch, die Eltern nicht zu bevormunden oder zu beschämen.

Doch irgendwann muss der Nachwuchs häufig die Führung übernehmen – und die Eltern hadern mit ihrer ungewohnten Hilfsbedürftigkeit. Sie sind routinierte Bestimmer: Sie sind darauf abonniert, zu helfen, zu trösten, zu sorgen, sie reden ihren Kindern gerne ungefragt hinein. Sie waren die Starken, mit der Fülle der Erfahrung. Nun dreht sich das Machtgefälle oft um. Dabei entstehen massive Konflikte. Die Rollen werden neu verteilt – ungeprobt. Das "Vater-Mutter-Kind-Spiel" verläuft jetzt nach irritierend anderen Regeln.

"Die Leute ahnen gar nicht, wie lange Pflege dauern kann."

Auch nicht jedes erwachsene Kind schafft es, sich aus der bequemen Rolle des Umsorgten zu lösen. Manche erleben die Schwäche der Eltern als bedrohlich oder niederschmetternd. Dass die Eltern, die bis vor Kurzem noch munter auf Reisen gingen, beim Waschen plötzlich nicht mehr an ihre Füße kommen, wollen diese Kinder nicht sehen. "Nicht selten sind es hoch angesehene Söhne aus dem Bildungsbürgertum, die sich aus der Affäre ziehen", sagt Thomas Klie. Immer wieder dieselbe Geschichte: Der Sohn braust alle paar Wochen am Sonntag an, Mutti strahlt und zeigt sich von ihrer besten Seite – und die pflegende Tochter kann es nicht fassen.

Den meisten Eltern graut davor, ihrer Familie "zur Last zu fallen". Vor den Kindern schwach zu sein, empfinden viele als Makel. Fachleute wie Frieder Lang, Professor am Institut für Psychogerontologie in Nürnberg, hält dies für das Ergebnis einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung: "Altersdiskriminierung im eigenen Kopf". Abhängigkeit zu akzeptieren in einer autonomieorientierten Welt – eine schwere Aufgabe. Das Leitbild der Selbstbestimmung sei hilfreich zur Abwehr von Übergriffigkeit, doch: "Es ist naiv als Prämisse für gelingendes Leben im hohen Alter", sagt Sozialforscher Thomas Klie. "Wir sind immer kontextabhängig."

Doch manche Eltern wollen partout keinen Fremden ins Haus lassen, auch nicht, wenn im Kühlschrank schimmeliger Bohneneintopf herumsteht und sie schon ungewaschen und struppig dasitzen. Was die Fachleute bei der Beratung oft hören: Meine alten Eltern sind extrem unkooperativ, verweigernd, autoritär. "Oft muss die Situation erst eskalieren, durch einen Sturz, ein zehrendes Krebsleiden, einen Infarkt, bis solche Eltern Hilfe von außen zulassen", sagt Angelika Maaßen. Bis dahin könnten die Kinder nur versuchen, den Konflikt auszuhalten – auch wenn ihr Mitgefühl es ihnen schwer mache.

Und natürlich bedeutet Pflege nicht ausschließlich Last, sondern auch Leben, sogar Bereicherung. Wenn man mit der Mama Stufe für Stufe auf der Treppe übt, um sie nach einer Krebstherapie wieder mobil zu machen. Wenn man gemeinsam zur Parkbank spaziert und Eichhörnchen füttert oder Scrabble mit großen Buchstaben spielt. Verantwortung für andere ist eine zentrale Dimension des Lebens. Um es mit Albert Camus zu sagen: "Die Sorge ist aller Dinge Anfang." Wer solche Aufgaben übernimmt, ist auch anderen großen Aufgaben gewachsen. Das beweisen viele Studien.

Die Realität der Fürsorge sieht jedoch oft so aus: Da sind die Kinder eingespannt, mit Beruf, Partner, eigenem Nachwuchs. Und es rückt etwa die Tochter im Morgengrauen vor der Arbeit an, klettert im Bikini mit der alten Mutter in die Dusche, weil die allein nicht mehr hineinkommt, stellt ihr die Tabletten hin und schmiert die Marmeladenbrote, kauft abends ein und putzt. Auf Dauer gehen solche Solo-Konstrukte nicht gut, schon gar nicht, wenn eine Person allein immer mehr Aufgaben übernimmt. Weil niemand anderes da ist oder die ganze Familie stillschweigend eine Tochter anguckt: Die macht das jetzt erst mal – ist ja auch billig.

Doch die Anforderungen steigen: Alle altern weiter, und die Alten sind – bei aller Liebe – nicht halb so süß wie Babys. Dafür doppelt so eigenwillig. Da möchte die pflegende Tochter nach Jahren mal mit Mann und Sohn an die Ostsee, sie braucht diese Pause dringend, und der Vater müsste für zwei Wochen zur Kurzzeitpflege ins Heim. Standardantwort: "Da kenne ich keinen, da sind nur Alte und Kranke, da will ich nicht hin." So gerät man an die Belastungsgrenze. "Die Leute ahnen gar nicht, wie lange Pflege dauern kann. Sie gehen von drei, vier Jahren aus, die sie irgendwie hinkriegen müssen. Doch nicht selten pflegen die Töchter zehn, zwanzig Jahre lang", sagt Gabriele Tammen-Parr. Nach Erhebungen der Krankenkasse DAK sind die Kosten für die ramponierte Gesundheit pflegender Angehöriger doppelt so hoch wie sonst in dieser Altersgruppe.

Mitunter geht es derart an die Reserven, dass pflegende Angehörige die Nerven verlieren. Fachleute sind überzeugt, dass Gewalt in häuslicher Pflege deutlich häufiger vorkommt als im Heim. Durch Erschöpfung, durch Schlafentzug, durch Frust. Wenn die demenzkranken Eltern nachts umhergeistern; wenn die Mutter, die einem einst beibrachte, mit Besteck zu essen, plötzlich mit der Hand in die Spaghetti greift; wenn der inkontinente Vater dringend in die Dusche müsste, aber alle Reinigungsmaßnahmen kreischend abwehrt oder sich nach dem Anziehen zehnmal wieder auszieht. Es gibt offenbar auch die unausgesprochene Annahme, Frauen seien mit einer Art Anti-Ekel-Gen ausgestattet, es mache ihnen nichts aus, den moribunden Eltern die Windeln zu wechseln. Und plötzlich reißt die Tochter ihrem Vater die Bürste aus der Hand und schlägt sie ihm auf dem Kopf – danach schämt sie sich entsetzlich. Oder sie brüllt den zitterigen Papa an und ist tagelang voller Schuldgefühle. Weinend sitzt sie dann in der Beratungsstelle.

"Dass man laut wird und schreit, gehört dazu"

"Aggression ist ein unvermeidlicher Teil jeder Beziehung, und Pflege ist Beziehung. Dass man laut wird und schreit, gehört dazu", sagt Tammen-Parr. "Klar – körperliche Gewalt darf nicht sein, doch man kann den Alten nicht alles ersparen." Wenn das Kind morgens in der Kita klammert und brüllt, muss die berufstätige Mutter trotzdem los. Von der eigenen Kindrolle endgültig Abschied nehmen heißt auch: "dem anderen etwas abverlangen, was der gerade nicht will". Vor allem Frauen fällt das schwer.

Eltern haben Macht über ihre erwachsenen Kinder. Die möchten immer noch alles richtig machen, ein bisschen Anerkennung, vielleicht sogar eine schiefgegangene Beziehung doch noch drehen. Paradox – aber oft pflegt dasjenige Kind, das zu den Eltern das schlechteste Verhältnis hatte.

Wenn die Kinder Glück haben, sind die Eltern dankbar für die Fürsorge. Doch, erzählen Fachleute, manche seien es eben auch nicht – im Gegenteil. Da sei der Einsatz des Sohnes oder der Tochter selbstverständlich und im Zweifel nie genug. Solche Eltern seien fordernd bis zur Unverschämtheit und drückten alle Knöpfe, um ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. "Wenn die Kinder dann immer wieder einknicken und nachgeben, führt das zu einer Spirale aus Aggression und Schuld", so Tammen-Parr.

Die Forschung zeigt zudem, dass Eltern ihre Beziehung zu den Kindern fast immer für besser halten, als es die Kinder umgekehrt tun. Weil die Eltern so viel investiert haben. Und da sind natürlich die alten Rechnungen. Pflege reißt die Wunden in der Familiengeschichte auf. In manchen Familien wurden Probleme nie angesprochen oder ausgehandelt. Die Bindung zu den Eltern baut auf dem Vertrauen auf, dass sich Konflikte lösen lassen. "Das ist gewachsen und lässt sich nicht erst herstellen, wenn die Eltern gebrechlich sind", sagt Frieder Lang. In solchen Fällen wäre Distanz nötig und segensreich für alle. "Doch mitunter herrscht eine fast parareligiöse Familienideologie: ›Das müssen wir schaffen.‹ Der Imperativ: ›Das ist die Bewährungsprobe für die Familie!‹", so Thomas Klie.

Der Staat jedenfalls lässt die Familien mit dem Thema Pflege weitgehend allein. Zwar sind die "Pflegestützpunkte" eine gute Anlaufstelle, um sich umfassend zu informieren (siehe Infobox), doch es mangelt an praktischer Entlastung. Fortschrittliche Angebote wie die "Tagespflege" – eine Tagesstätte für Ältere – gibt es zu selten, und sie sind zudem nicht auf die Realität zugeschnitten. Sie schließen spätestens um 16 Uhr, was mit dem Beruf pflegender Kinder kaum vereinbar ist.

Viele Angehörige pflegen zudem aus einer ökonomischen Zwangslage, denn die Pflegeversicherung sichert bloß einen Sockelbetrag ab. Für den tatsächlichen Umfang und die wahre Dauer der Pflege kommen die Bürger privat auf, mit ihrer Rente, eigenen Ersparnissen oder denen der unterhaltspflichtigen Kinder. Wer im Heim lebt, bezahlt nach Berechnungen des Verbands der Ersatzkassen im Schnitt 1772 Euro monatlich aus eigener Tasche für Unterbringung, Pflege und Essen dazu. Bei umfassender häuslicher Pflege durch Profis sind die Kosten deutlich höher: "Wenn Sie als Familie nicht selber pflegen und auf Pflegedienste zurückgreifen, werden Sie arm", sagt Thomas Klie. Bevor die Eltern das Häuschen mit einer Hypothek belasten oder die Ersparnisse der Kinder aufzehren, suchen viele nach anderen Lösungen. Vielfach gibt es aber weder Häuschen noch Ersparnisse, um eine durchschnittliche Pflegedauer eines Demenzkranken von 8,3 Jahren zu finanzieren. Nicht ohne Grund geben vor allem Töchter in dieser Lage ihren Beruf auf, weit häufiger als in anderen Ländern. Sie sind dann oft selbst schon 55 oder 60 Jahre alt. Damit wird das Problem in die nächste Generation vererbt, weil die meisten nicht mehr in den Beruf zurückkehren, ihre Renten sinken. "Der Staat lässt die Frauen auflaufen, wenn sie ihre Arbeit für Pflege aufgeben", sagt Angelika Maaßen von der Beratungsstelle in Hamburg.

Um einen gut bezahlten Job nicht aufgeben zu müssen, greifen viele zum Modell Ersatztochter: Die kommt meistens aus Osteuropa und kostet zwischen 700 und 2.000 Euro im Monat, abhängig vom Grad der Illegalität. Geschätzt arbeiten derzeit 300.000 solcher Pflegerinnen hier. "Die deutsche Pflegeversicherung stützt sich auf ausbeutungsähnliche Verhältnisse und ein vormodernes Familienkonzept mit der Frau in klassischer Sorgerolle", so Klie. "Der Staat kommt seiner Pflicht nicht nach, er sorgt nicht dafür, dass Menschen unter verträglichen Bedingungen Pflege übernehmen können."

Wirrwarr an Angeboten durch die Pflegeversicherung

Die Bundesregierungen haben solche Aufgaben stattdessen auf dreifach verhängnisvolle Weise privatisiert: Erstens liegen die staatlichen Ausgaben für Pflege bei 0,87 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, in Skandinavien sind es dagegen 2,9 Prozent – und da reicht das Geld. Wie viel die Familie darüber hinaus zuschießt, richtet sich in den meisten anderen westlichen Ländern nach dem Einkommen. Frankreich fördert traditionell Berufstätigkeit von Frauen, mit der Folge, dass dort nicht nur die Töchter Pflegebedürftiger häufiger arbeiten, sondern auch Haushilfen und Pflegerinnen legal und bezahlbar den alten Eltern zur Seite stehen.

Zweitens basiert das Modell der privaten Pflegedienste darauf, Klienten möglichst viele fixe Module zu verkaufen: kleine Morgentoilette, große Morgentoilette, gerne schon um 6 Uhr früh. Im schlimmsten Fall enthalten die Module Dinge, die Pflegebedürftige gar nicht brauchen. Die "aktivierende Pflege" hingegen, die sie so selbstständig wie möglich halten würde, lohnt sich nicht für die Geschäftsführer der Pflegedienste. "Da geht es oft um Masse, nicht um die Qualität", sagt Milorad Pajovic, Leiter der Pflegekasse bei der DAK. Die höchsten Gewinne lassen sich erzielen, wenn die Alten maximal unselbstständig und immobil sind – nicht jeder Pflegedienstleiter kann dieser Versuchung widerstehen.

Drittens gipfelt der Privatisierungswahn der Politik darin, dass sie die Pflegeanbieter dem Zugriff internationaler Märkte überlässt. Seniorenheime werden zusehends von Investoren, Ketten und internationalen Hedgefonds aufgekauft. Die Einrichtungen werden als Anlageobjekt angeboten, mit garantierten Renditeversprechen von fünf oder sechs Prozent – in einer Nullzinsphase. "Da geht es zu wie auf dem Basar. Diese Renditen sind nur zu erwirtschaften, weil mit deutlich zu wenig Personal kalkuliert wird", sagt der Pflegeexperte Martin Moritz. Ergebnis: Die Bürger zahlen mit Haus und Hof eine mangelhafte Pflege und die Renditen fremder Leute. Und die Arbeitsbedingungen der Heimpflegekräfte sind katastrophal – dass 23.000 Stellen derzeit gar nicht besetzt sind, kann da auch nicht erstaunen.

Was die Pflegenden zur Verzweiflung treibt, sind nicht nur Müdigkeit, Überforderung, Geldnöte und Einsamkeit. Es ist auch der Wirrwarr an Angeboten durch die Pflegeversicherung, den selbst Experten kaum durchschauen. "Es gibt sehr viele Hilfen, aber an zig verschiedenen Stellen und aus zig verschiedenen Töpfen – vieles wird gar nicht abgerufen, weil kaum einer davon weiß", sagt Martin Moritz. Er leitet die "Angehörigenschule" in Hamburg, die auch Kurse in Unternehmen und Behörden gibt, wie sich Pflege verträglicher organisieren lässt. Die Hilfe kommt oft nicht dort an, wo sie gebraucht wird. Stattdessen werden Pflegedienste sinnlos gebucht, nach dem Motto: Das steht uns ja zu. Dann sitzt da die ganze Familie am Abendbrottisch, Oma mittenmang, und die Pflegerin eilt mit dem Auto herbei, um eine Tablette auf den Tisch zu legen.

Wer aber allein pflegt oder sich von Ferne kümmert, dem raten die Fachleute einhellig: alles, aber auch wirklich alles anzunehmen, was an sinnvoller finanzieller, organisatorischer und informeller Hilfe zu haben ist. Sich beraten zu lassen, bevor man dünnhäutig wird. Sich frühzeitig mit den Geschwistern und ohne die Eltern zu besprechen, was wer auf Dauer wirklich leisten kann und will. Berater von Pflegestützpunkten zu den Eltern einzuladen, weil diese die Empfehlungen von Unabhängigen leichter akzeptierten. Vertrauen zu haben in die Professionalität von Pflegediensten. "Da hat sich viel verbessert, die haben ihr Handwerk gelernt und eine Distanz, die nicht emotional überlagert ist", sagt die Berliner Geriaterin Ursula Müller-Werdan.

Pflegende Kinder sollten zudem an ihrem Unbehagen festhalten. "Sie dürfen sich jeden Tag fragen, ob sie das noch möchten", sagt Gabriele Tammen-Parr. Wenn Pflege scheitert, dann meist an Netzwerkschwäche: Es mangelt an der Bereitschaft, sich Sorge anders vorzustellen – etwa mit Bekannten, Freiwilligendiensten, Tages- und Nachtpflege oder in WGs. Vor allem die pflegenden Frauen müssen lernen, Klartext zu reden. Den Satz auszusprechen: "Ich habe weder Lust noch Zeit, das alles allein zu machen." Oder: "Ich will dir nichts Böses, aber ich will dich nicht jeden Morgen waschen." Und dann sollten sie dabei bleiben, rät Tammen-Parr. Und gibt zu: "Das sind die schweren Momente." Doch es lohnt sich für alle, wie die Forschung zeigt: Für die Psyche der Eltern ist es am schönsten, wenn die Kinder nicht den Haushalt machen, aber erreichbar sind. "Entscheidend ist die emotionale Nähe; es kommt nicht darauf an, wer die Birne einschraubt oder die Küche aufräumt", so der Psychogerontologe Frieder Lang. Wenn die ganze Zeit für Grundpflege am Bett und Haarekämmen draufgeht, fehlt sie oft für Beziehungspflege, Zuwendung, Fürsorge. Auch extrem wichtig: dass die umsorgten Eltern ihrerseits Sorgende bleiben und fragen dürfen: "Wie geht’s dir, wie kommst du zurecht?" Sozialforscher Thomas Klie: "Dass ich mich um andere sorgen kann, ist Teil meiner Existenz als auf Pflege angewiesener Mensch."

Alle Beteiligten auf Augenhöhe

Wenn die Pflege also nicht weiter auf den Schultern der Töchter und Schwiegertöchter ruhen soll und in einer Gesellschaft mit vielen Hochbetagten nicht flächendeckend auf kostspielige Dienstleister übertragen werden kann – und wenn die Politik das Problem weiterhin ignoriert: Was dann?

Diese Frage haben sich einige Niederländer vor elf Jahren gestellt – denn sie hatten die gleichen Probleme. Was das Team um den Pfleger Jos de Blok aufgebaut hat, gleicht einer Graswurzelbewegung: Sie gründeten einen Pflegedienst, der völlig anders funktioniert und sich vom Prinzip der Gewinnmaximierung verabschiedet. Nach anfänglichem Widerstand hat er jedoch die niederländischen Krankenkassen und Politiker überzeugt – weil sowohl die Gepflegten zufriedener waren als auch die Kosten um 30 Prozent sanken. Der ambulante Pflegedienst Buurtzorg ("Nachbarschaftshilfe") hat inzwischen über 10.000 Mitarbeiter und wurde mehrmals in Folge zum "attraktivsten Arbeitgeber des Landes" gewählt. Er avancierte zum Vorbild für die ganze Branche. Jetzt kommt er mit einem Pilotversuch über die Grenze nach Nordrhein-Westfalen.

Die Grundidee ist Netzwerkbildung, mit allen Beteiligten auf Augenhöhe. Es gibt, anders als hierzulande üblich, keine Pflegedienstleiter, die ihre Truppe vom Schreibtisch aus fernsteuern, ihnen betriebswirtschaftlich motivierte Aufträge unterwegs aufs Handy schicken, die dann schnell abgefahren werden müssen. Bei Buurtzorg planen kleine Teams Pflege und Touren selbst – denn sie wissen am besten, was ein Patient gerade braucht. Das besprechen sie ausführlich mit ihm selbst, mit dem Arzt und den Angehörigen. Immer wird der Pflegebedürftige gefragt, bei welchen Handgriffen er sich überhaupt Unterstützung wünscht – keine Selbstverständlichkeit. Die alten Menschen werden von nur zwei Pflegern betreut, das schafft Vertrauen und spart Wege. Die Pfleger kommunizieren über iPads, was ständige Rückfragen spart; sie setzen ihre Kompetenz darein, den Betroffenen zu aktivieren und ihn eben nicht hilflos werden zu lassen – damit er sie möglichst wenig braucht und sie sich um jene Patienten kümmern können, die noch bedürftiger sind. Vor allem aber erweitern die Buurtzorg-Pfleger den Blick, weg vom verbissenen Fokus auf die Kleinfamilie. Sie bauen den Betroffenen ein stabiles Netz, holen immer Nachbarn, Ehrenamtliche, Freunde dazu. Die können zur Not auch mal eine Tablette auf den Tisch legen oder einkaufen gehen. Dahinter steht die Idee eines Sozialraums, bei der Erfolg belohnt wird. Anders als hierzulande, wo die minutengenaue Verrichtung bezahlt wird. Die Gepflegten sind deutlich zufriedener: Sie haben mehr Kontakte, sind selbstständiger, unabhängiger. Dorf 2.0. Es funktioniert.

Auch wenn mehr Verantwortung auf den Mitarbeitern lastet: Der Krankenstand bei Buurtzorg ist deutlich niedriger als bei herkömmlichen Unternehmen. "Wir können uns selbst auf die Schulter klopfen, wenn wir im Team alles gut hinbekommen", sagt Juliane van der Plaats aus Leeuwarden im niederländischen Friesland. Sie coacht gerade die ersten deutschen Teams in Emsdetten. Auch die DAK startet in Nordrhein-Westfalen ein Pilotprojekt, das den Netzwerkgedanken weiterspinnt: Sie plant, stillgelegte Kliniken auf dem Land zu Pflegezentren umzuwidmen, mit Geriatern, Pflegestützpunkten, Tagespflege und den häufig favorisierten, aber noch seltenen WGs unter einem Dach. Womöglich auch mit Kindergärten, wo Alte den Kleinen etwas vorlesen, ebenfalls nach dem Motto: Dorfgemeinschaft 2.0.

Für erwachsene Kinder sind solche Netze ein Segen, denn sie entsprechen unseren natürlichen Beziehungen: Die sind komplex – im Idealfall sind wir verbunden und doch ziemlich selbstbestimmt. So bleibt den Kindern mehr Freiraum, ihren Eltern emotional beizustehen, statt sich im Praktischen zu verzetteln und zu verausgaben. Es wäre schließlich ein Gewinn für alle, denn, so der Psychologe Frieder Lang: "Am besten geht es Eltern im Alter, die ihren Kindern eng verbunden sind und gar nicht erwarten, dass diese sie körperlich pflegen."