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Der berühmte türkische Dichter Nâzım Hikmet schrieb nach Stalins Tod: "Eines Morgens war er verschwunden! Verschwunden war sein Stiefel von den Plätzen, sein Schatten über den Bäumen, seine Augen aus unseren Zimmern ..." Die Türkei wird am Abend des 8. Juli womöglich ein ähnliches Gedicht über Erdoğan schreiben. Die ersten Umfragen nach der Nominierung der Kandidaten zeigen, dass die Macht des türkischen Staatspräsidenten wackelt, dessen "Stiefel seit 16 Jahren auf den Plätzen, dessen Schatten über den Bäumen, dessen Augen in den Zimmern" ist.

Noch liegt Erdoğan zwar vor seinen fünf Herausforderern, eher unwahrscheinlich aber ist, dass er am 24. Juni die absolute Mehrheit in der ersten Wahlrunde holt. Bei der Opposition herrscht derzeit so viel Hoffnung wie seit 16 Jahren nicht mehr: In die zu erwartende Stichwahl zwischen den beiden Bewerbern mit den meisten Stimmen gehen sie mit einem gemeinsamen Kandidaten.

Wie kam es zu diesem jähen Stimmungsumschwung? Der Hauptgrund dürfte wohl Überdruss sein: Überdruss an einem Wüterich wie Erdoğan, der täglich auf 15 Fernsehkanälen gleichzeitig seine Widersacher beschimpft. Überdruss an einem Klima der Repression, in dem auf Befehl jeder Kritiker eingesperrt wird. Und schließlich Überdruss an der Armut, verschuldet durch eine Wirtschaftspolitik, die loyale Unternehmer reich gemacht hat.

Als der Dollar im Juni letzten Jahres bei 1,5 Lira lag, erklärte Erdoğan, dass jeder verlieren werde, der in Devisen investiere. Letzte Woche kletterte der Dollar auf den historischen Rekordwert von 4,5 Lira. Wer auf Erdoğan gehört und seine ersparten Dollars eingetauscht hatte, wurde also arm. Reich hingegen wurden Spekulanten, die in den Dollar investiert hatten.

Mit heißem Geld konnte die türkische Wirtschaft das jährliche Haushaltsdefizit von über 55 Milliarden Dollar (sechs Prozent des Nationaleinkommens) stopfen, jetzt fürchtet sie dessen Abzug. Rating-Agenturen wie Moody’s und Standard & Poor’s werteten die Türkei in den letzten Monaten kontinuierlich ab. Bei seinem jüngsten Englandbesuch, den Erdoğan mit dem Ziel antrat, ausländische Investoren zu locken, kündigte er eine Intervention bei der Zentralbank an – was den Dollar weiter in die Höhe trieb und potenzielle Investoren abschreckte. Die Financial Times schrieb, viele Geldgeber verlören immer stärker das Interesse an der Türkei. Das Land sei nun nach Argentinien der Markt mit den höchsten Risiken und die Krise unausweichlich.

Diese Daten verdeutlichen, warum Erdoğan die Wahlen unvermutet um 18 Monate vorzog. Der Staatspräsident will an die Urnen, bevor der erwartete Einbruch der Wirtschaft ihn weiter untergräbt. Doch selbst dieser Schritt rettet ihn eventuell nicht mehr: Weder die Operation im syrischen Afrin noch die Behauptung, ein Anschlag gegen ihn sei in Vorbereitung, noch sein harscher Protest gegen Israel wegen der jüngsten Vorfälle in Gaza sind noch von Nutzen.

Die Regierung geht in die Wahl mit einer Arbeitslosenquote von über zehn Prozent, einer Inflation von rund zehn Prozent, einem rasant wachsenden Haushaltsdefizit und einer Auslandsverschuldung von beinahe 500 Milliarden Dollar. Der Wähler, der sich in dem geschaffenen Angstklima kaum noch traut, in Umfragen sein Wahlverhalten zu offenbaren, könnte ihr einen profunden Schlag verpassen.

Sollte Erdoğan trotz allem die Präsidentschaftswahlen gewinnen, steht eines jetzt schon fest: Sein Megapalast, den er für sich errichten ließ, wird für ihn kein Ort von Ruhe und Frieden mehr sein.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe