An einem kalten Donnerstagvormittag stapfen Kerstin Fricke und Marcus Kostell durch einen großen Gemüsegarten, mitten in Bochum-Wattenscheid. Die Lehrerin und der Krankenpfleger streicheln Ziegen, begrüßen die Legehennen und sprechen darüber, was hier alles möglich ist: dass Stadtkinder hier eine Welt kennenlernen, die vielen fremd geworden sei, dass hier niemand auf die Frage "Wo kommt das Frühstücksei her?" antworten wird: "Aus dem Supermarkt."

Am Ende des Gartens steht ein großes, gelb getünchtes Gebäude ohne rechte Winkel. Die Widar Schule – der Name erinnert an den schweigsamen Sohn des Gottes Odin aus der nordischen Mythologie – ist eine Waldorfschule mit Schulgarten, Streichelzoo und hervorragendem Ruf. Im Schnitt bilden hier nur 34 Schüler einen Jahrgang, in der benachbarten öffentlichen Schule sind es doppelt so viele. Die meiste Zeit lernen die Kinder in kleinen Gruppen, so kommt auf zehn Schüler ein Lehrer.

Das gefällt dem Krankenpfleger Marcus Kostell, Mitte vierzig. Die Lehrerin Kerstin Fricke zeigt dem Vater heute das Schulgelände, auf dem sein Kind bald lernen wird. Kostell hat seinen fünfjährigen Sohn Louis Aurel vor zwei Jahren hier angemeldet, von September an wird er ihn die sieben Kilometer zur Schule mit dem Auto fahren. "Und hier wird die Schulkarriere Ihres Sohnes vielleicht mal enden: in der 13. Klasse", sagt Frau Fricke und deutet auf ein kleines Reetdachhäuschen. "Die Abiturienten sollen bei uns ganz bewusst ihren eigenen Bereich haben." Kostell nickt zufrieden. "Das hat mir in meiner Oberstufenzeit gefehlt", sagt er. "Ich war auf einer Gesamtschule, und da war halt alles sehr groß: 2.500 Schüler. Da ist man als Individuum total untergegangen."

Waldorfschulen sind private Ersatzschulen. Wie die meisten konfessionellen oder freien Schulen werden sie mit Steuergeld finanziert – weil alle Kinder hier lernen können. Zumindest theoretisch. Der Staat übernimmt nicht alle Kosten, sondern im Durchschnitt zwei Drittel, den Rest zahlen größtenteils die Eltern. So spart die öffentliche Verwaltung: Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft, die sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamts und der Kultusministerkonferenz beziehen, sind es etwa 2,4 Milliarden Euro im Jahr. Das hat Folgen.

Die Grundschule sollte der Ort sein, an dem sich Kinder aller Schichten begegnen

Der Bildungswissenschaftler Marcel Helbig hat für das Wissenschaftszentrum in Berlin die soziale Spaltung in Deutschland messbar gemacht. In seiner aktuellen Studie, die der ZEIT und dem WDR exklusiv vorliegt, hat er zusammen mit seiner Kollegin Stefanie Jähnen gewaltige Datenmengen aus 74 deutschen Städten ausgewertet. Er wollte wissen, wie sich einkommensschwache Menschen auf die Stadtgebiete verteilen. Das Ergebnis: Bis auf wenige Ausnahmen ist die Segregation in Deutschland gestiegen. Arme und Reiche, aber auch Akademiker und Arbeiter bleiben immer mehr unter sich. "In Berlin leben etwa 25 Prozent der armen Kinder in Gebieten, in denen sich Armut massiv ballt", sagt Helbig. Umgekehrt gebe es Viertel, in denen Kinder gar keine armen Menschen mehr kennen. "Diese soziale Spaltung wird durch Privatschulen noch zementiert", sagt der Forscher. Denn die boomen: In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Zahl der Privatschüler um 30 Prozent erhöht, die Anzahl der privaten Grundschulen sogar vervierfacht. "Das ist ein ernsthafter Hinweis darauf, dass Privatschulen genutzt werden, um sich bestimmten sozialen Gruppen zu entziehen", sagt Helbig. In Berlin haben parlamentarische Anfragen des SPD-Abgeordneten Joschka Langenbrinck ergeben, dass an 97 Berliner Privatschulen in privilegierten Gegenden nur 3,7 Prozent aller Schüler von der Zuzahlung für Lernmittel befreit sind. In vielen Brennpunktschulen sind es über 90 Prozent.

Dabei sind nicht alle Privatschulen solche Luxus-Internate wie Torgelow oder Schloss Salem am Bodensee, die als Kaderschmiede der Vermögenden gelten. Mittlerweile sind es nicht mehr nur die Reichen, die sich abspalten. Viele Eltern glauben, dass bereits die Wahl der Grundschule Weichen stellt: Die Mitte mauert, um sich von denen weiter unten fernzuhalten.

"Die sozialen Unterschiede sind da am größten, wo ein gewisses Abgrenzungsbedürfnis gegenüber Hartz-IV- oder Migrantenfamilien vorhanden ist", sagt der Bildungsforscher Helbig. "Ich habe absolutes Verständnis dafür, dass die Eltern das Beste für ihre Kinder wollen – aber gesamtgesellschaftlich betrachtet wird so Ungleichheit noch verstärkt."

Wenn man in Bochum den Krankenpfleger Marcus Kostell fragt, warum er sich für die Waldorfschule entschieden hat, spricht er nicht über die Reformpädagogik von Rudolf Steiner, er redet auch nicht von Anthroposophie oder dem berühmten Namentanzen. Er erwähnt, dass sein Sohn gerne bastle – und dann erzählt er von seiner Angst, dass sein Sohn nicht richtig gefördert würde auf einer staatlichen Grundschule. Mit Unbehagen erinnert er sich an seine eigene Kindheit. An kaputte Schulklos, an Asbest in den Wänden, Frontalunterricht. Daran, dass er immer als Erster fertig war mit den Aufgaben und sich langweilte, weil ihm niemand andere Aufgaben stellte. "Mein Sohn kann schon schreiben und lesen, und auf einer normalen Schule würde wahrscheinlich erst einmal Rücksicht genommen auf den Schlechtesten in der Klasse", sagt der Vater. Die staatliche Schule in seinem Wohngebiet hat er sich gar nicht erst angesehen, ihm habe gereicht, was die Eltern auf dem Spielplatz erzählten: Dort fielen so viele Stunden aus, es regne in die Turnhalle, die Klassen seien viel zu groß. "Und außerdem", schiebt er nach, "hätte mein Sohn dort auch einen anderen sozialen Umgang."

Der soziale Umgang, der immer früher immer wichtiger zu werden scheint. Dabei soll die Grundschule eigentlich der Ort sein, an dem sich die unterschiedlichsten Kinder begegnen. Auch in der Broschüre der Widar Schule heißt es, sie stehe jedem offen, unabhängig von der sozialen, kulturellen oder konfessionellen Herkunft. Aber stimmt das auch?