Von null auf Platz eins, mit einem geflügelten Marx-Wort, exakt zum 200. Geburtstag des gefeierten Kommunisten: Die jüngste Utopie eines Philosophen ist direkt an die Bestseller-Spitze geflogen, Punktlandung, und dort geblieben. Richard David Prechts Utopie der digitalen Gesellschaft heißt Jäger, Hirten, Kritiker (Fischer entfallen), und eine der wenigen Anmerkungen des Buchs verweist zur Erläuterung des Titels auf den Link https://mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm, S. 33. Also auf Die deutsche Ideologie von Marx/Engels, in der steht, der Kommunismus ermögliche es jedem, "morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden". Precht seinerseits will nicht Kommunist werden, er will auch keine neuen Menschen verfertigen. Sondern er möchte jenen, die noch nicht in technikfatalistische "Duldungsstarre" verfallen sind, einen vernünftigen Gesellschaftsentwurf vorschlagen, um die Angst zu überwinden, durch smarte Maschinen überflüssig zu werden.

Prechts Utopie ist konservativ in dem Sinne, dass sie die Gattung Mensch nicht einer digitalen Zukunft in den Rachen werfen will, die herkömmliche Menschen gleichgültig ausspeit, weil es für diese Spezies keine Verwendung mehr gibt. Precht möchte Humanes bewahren: handwerkliches Können, sprachlichen Ausdruck, Gedächtnis, Neugier und Geduld, Sex und Schlaf, Kochen, Essen und Trinken, mithin leibliche Erfahrung und ihre Deutung. Sie zu retten braucht Zeit, und für die will Precht sorgen: Das politische Instrument, das in seiner Utopie eine Zukunft der Muße öffnet, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1.500 Euro, aufgebracht durch eine Finanztransaktionssteuer. Nun ist das ein bekannter, rundum diskutierter Vorschlag. Leicht wäre es also, zu sagen: Das Buch weiß nichts Neues, es handelt sprunghaft von allem, noch auf der Zielgeraden, auf Seite 243 ff., werden drei große Krisen frisch aufgetischt. Aber so leicht ist es nicht. Prechts Weigerung, das Handtuch zu werfen, wirkt gewinnend, wer gibt schon gern auf. Und Prechts Gangart ist klug: Er versteht es, zu fragen, wer "unsere Seelenheimaten vor dem Ausverkauf" schützen könne, und den Konservativen doch freundlich zu sagen, eine realistische Alternative zu diesem Ausverkauf hätten sie leider nicht anzubieten. Auch Jagen, Viehzucht und Fischen sind ja nicht mehr, was sie mal waren. Selbst Kritisieren nicht. Kritik heißt nun: an der Gegenwart nicht zu ersticken.

Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft; Goldmann Verlag, München 2018; 288 S., 20,– €, als E-Book 15,99 €